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14:10 25.04.2018
„Bienen sind systemrelevant“: Eine Honigbiene fliegt auf eine Kirschblüte zu. Quelle: dpa
Berlin

Holger Ackermann ist ein Staatsmann, wie er im Buche steht. Er misst mehr als 1,90 Meter, spricht mit sonorer Stimme und macht behutsame Bewegungen, wenn er mit seinen großen Händen an der Holzbeute – dem Bienenkasten – hantiert. Er zieht einzelne Fächer mit Waben heraus, beobachtet die Brut und die, die sie versorgen. „In Ordnung“, murmelt er und schließt die Beute wieder vorsichtig. Dann setzt Ackermann sich auf einen Stuhl – das wichtigste Werkzeug eines Imkers, wie er sagt – und beobachtet das Flugwesen unter seinen blühenden Kirschbäumen.

Der 55-Jährige ist Hobby-Imker im ostbrandenburgischen Groß Schauen. 14 Bienenvölker lenkt er, früher waren es mal 36. Ein paar haben die Varroa-Milben auf dem Gewissen, ein aus Asien stammender Parasit und Bienenfeind Nummer eins in Europa. Andere starben aus unbekannten Gründen. „Dieses Fragezeichen bereitet uns Sorgen“, sagt Ackermann.

Imker Herr Ackermann in Groß Schauen zeigt die Waben seiner Bienen. Quelle: Jacqueline Schulz

Sorgen machen sich nicht nur die Imker: Seit Jahren geht bei den Insekten ein gigantisches Massensterben vor sich. Nicht nur in Deutschland, wo im Sommer nach Überlandfahrten schon lange nicht mehr so viele Sechsbeiner an der Auto-Frontscheibe kleben wie früher, sondern weltweit. Vor mehr als zehn Jahren erreichten erstmals Horrormeldungen aus den USA den alten Kontinent. Bis zu 80 Prozent der Bienenvölker dort waren verschwunden. Sie verließen einfach die Bienenstöcke. Forscher rätseln noch heute über diesen Exodus.

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1990 betreuten deutsche Imker 1,2 Millionen Bienenvölker, 25 Jahre später waren es noch 700.000. Die größten Verluste schreiben Experten der Varroa-Milbe zu. Sie entwickelt sich im Stock mit dem Bienennachwuchs, frisst ihn auf oder schwächt ihn tödlich. Bienenforscher wollen die europäischen Bienenarten deshalb geistig ertüchtigen. Vorbild sind die asiatischen Bienen, die die Varroa-Milbe einst einschleppten. Sie leben schon seit Tausenden Jahren mit dem Parasiten. Sie bemerken die Milbe schnell und bekämpfen sie erfolgreich.

Drei Viertel aller Nahrungspflanzen sind von Bestäubung abhängig

Aber es geht eben nicht allein um die Honigbiene: In Deutschland, haben Wissenschaftler herausgefunden, sind in den vergangenen drei Jahrzehnten drei Viertel aller Insekten verschwunden. Das ist alarmierend, weil drei Viertel der Nahrungspflanzen weltweit von Bestäubung durch Insekten abhängig sind. Ohne Bienen und andere Insekten kann kein Getreide wachsen, kein Obst, kein Gemüse, keine Nüsse, es gibt kaum Vögel, weniger Fleisch.

Wird es bald so zugehen wie im Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ der Norwegerin Maja Lunde, in dem 2098 in China unzählige Menschen alle Blüten per Hand bestäuben müssen?

Es ist eine ökologische Katastrophe, die sich täglich vor unseren Augen ereignet. In einer aktuellen Studie hat das UN-Umweltbeobachtungszentrum errechnet, dass die Arbeit der Bienen und anderer Bestäuber jährlich bis zu 577 Milliarden US-Dollar wert ist. Für die Hälfte sind Wildtiere verantwortlich. Der deutsche Imkerbund gibt die Bestäubungsleistung der Bienen in Deutschland jährlich mit zwei Milliarden Euro an. Nach Schwein und Rind ist die Honigbiene hierzulande das bedeutsamste Wirtschaftstier – noch vor dem Huhn.

Umso beunruhigender: Niemand weiß genau, wer oder was für das Massensterben verantwortlich ist. Liegt es am Einsatz von Pflanzenschutzmitteln? Passt sich die Varroa-Milbe so prächtig an? Ist die intensive Landwirtschaft mit maximaler Bodenausbeutung, Massentierhaltung und Monokulturen schuld? Werden zu viele Lebensräume der Tiere zugepflastert mit Asphalt oder anspruchslosem Rasen ohne Blüten versiegelt? Oder hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) recht, die den Einsatz von drei Neonikotinoiden (Neoniks) in der Saat- und Pflanzengutbehandlung als hoch riskant einstuft?

Wer ist schuld am Bienensterben? Bienenwaben eines Imkers. Quelle: Jacqueline Schulz

Die EU-Kommission lässt Freitag die Mitgliedsländer über ein totales Freiland-Verbot von Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam abstimmen. Die drei Nervengifte wurden 2008 bekannt, als im Rheintal nach ihrem Einsatz im Mais ein massives Bienensterben einsetzte. Pflanzen werden vor der Saat mit den Mitteln gebeizt, damit sich das Insektizid gleichmäßig im Gewebe verteilt. Es landet dann auch in Nektar und Pollen.

Randolf Menzel spricht über Bienen wie ein Vater über seine Kinder. „Ein wunderbares Tier“, schwärmt der Professor. „Es hat ein super Gedächtnis und lernt schnell. Die Biene weiß selbst sieben Monate nach der Bestäubung noch, welche Blüte sie damals angeflogen hat.“ Der Unterschied zwischen einem Vater und Menzel ist, dass ein Vater dem Kind nicht den Kopf aufschneidet, um schlau aus ihm zu werden.

„Ein wunderbares Tier“: Randolf Menzel, Neurobiologe an der Freien Universität Berlin. Quelle: privat

Der Neurobiologe an der Freien Universität Berlin beschäftigt sich seit 15 Jahren mit den Auswirkungen von Neonikotinoiden auf Insekten. Dafür legt er im Labor das Gehirn der Bienen frei. Die Neoniks greifen ein bestimmtes Molekül an, das bei Insekten an einer Stelle stark konzentriert ist: dort, wo es um die Bildung und Verwendung des Gedächtnisses geht. Die Wirkung, beschreibt Menzel, sei ähnlich wie die von „Partydrogen“ auf Menschen. „Eine bestimmte Zeitspanne fehlt dann im Gehirn – Filmriss.“

Bienen fänden dann nicht mehr sicher oder gar nicht mehr zum Stock. Und wenn sie es schaffen, tanzen sie nicht, können ihrem Schwarm also nicht zeigen, wo eine Futterstelle ist. Sie seien weniger motiviert. „Ihr ganzes Gefüge von hochkomplexen Gehirnvorgängen wird durch diese so gefährlichen Mittel gestört“, sagt Menzel. Er fordert, sich an Frankreich zu orientieren, wo Neonikotinoide mit Ausnahme von nachgewiesenem Schädlingsbefall verboten seien.

Bei einem Versuch hätte sich dort außerdem herausgestellt, dass eine Reduktion auf ein Fünftel des ursprünglichen Gebrauchs in den allermeisten Fällen weder zu einem ökonomischen Ausfall noch zu mehr Arbeitsaufwand führte. Ausnahmen sind dort der Anbau von Energiepflanzen wie Mais für die Versorgung von Bioreaktoren.

Es gibt aber auch Experten, die die Warnungen vor Neonikotinoiden für überzogen halten. Ihr Argument: In Studien würden zumeist nur Einzelaspekte untersucht, die Daten würden kaum zu einem Gesamtbild zusammengefügt. Der britische Bienenfachmann Francis Ratnieks beispielsweise erinnert daran, dass Insektizide seit Jahrzehnten eingesetzt werden. „Die waren immer schon schädlich für Bienen.“

Sind Neoniks schuld?

Was also tun? Inzwischen dürfen die Neoniks nur noch bei Zuckerrüben und Kartoffeln eingesetzt werden, mit Sondergenehmigungen auch für den im ersten Halbjahr ausgesäten Hafer oder Weizen. Das drohende Verbot sei für viele Betriebe existenzbedrohend, warnen die Interessenverbände. Nur: Das Einsatzverbot im Raps, das seit 2013 gilt, hatte kaum wirtschaftliche Auswirkungen für die Bauern. Die müssen jetzt allerdings den Raps bis zu viermal mit anderen Mitteln spritzen.

Hersteller wie Syngenta, BASF oder Bayer verloren durch die Einschränkungen der Neonikotinoide Geld im dreistelligen Millionenbereich. 2008 wurden noch 150 Tonnen auf deutschen Äckern eingesetzt, 2015 waren es 74. Die Chemiekonzerne klagen gegen das Teilverbot vor dem Europäischen Gerichtshof. Das Urteil lässt noch auf sich warten.

Deutschland wird Freitag zustimmen, die Neoniks auf die schwarze Liste zu setzen. „Bienen sind systemrelevant“, sagt Agrarministerin Julia Klöckner (CDU). „Was schlecht für Bienen ist, ist schlecht für uns alle. Für mich ist klar: Ich werde in Brüssel dafür stimmen, dass die Neonikotinoide künftig nur noch in Gewächshäusern eingesetzt werden dürfen – also dort, wo sie den Bienen nicht schaden.“

Beim Thema Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs zu erregen, ist Klöckner weniger forsch. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) pocht zwar auf den Koalitionsvertrag, der einen baldigen und grundsätzlichen Ausstieg aus der Nutzung des Unkrautvernichters vorsieht. Klöckner will aber zunächst einmal die Suche nach Alternativen forcieren.

Wird der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben?

Das ist im Sinne der Bauern. Denn die Auswahl an Pflanzenschutzmitteln gegen pflanzliche und tierische Schaderreger wird immer kleiner, sagt Thorsten Mohr. Der Pflanzenschutzexperte des brandenburgischen Landesbauernverbands verweist auf lange Forschungszeiten und Zulassungsverfahren für alternative Mittel. „Am Ende steht die Frage, ob wir nicht den Teufel mit dem Belzebub austreiben.“

Mohr meint, die Bauern wüssten, dass sie in Fruchtfolgen denken müssen und Grün- und Blühstreifen entlang der Felder Insekten das Leben leichter machen würden. „Aber sie stehen auch unter Druck von Verbrauchern, die es schön billig haben wollen, und dem Handel, der die Preise bestimmt.“ Technik etwa, die dafür sorgt, dass Pflanzen unterhalb des Blütenniveaus und damit unbedenklicher für Bestäuber gespritzt werden, gibt es. Aber sie ist teuer. Mohr: „Würde die Politik dies überall in Europa zum Standard machen, hätten alle die gleichen Voraussetzungen.“ An die Umsetzung glaubt Mohr jedoch nicht.

„Die Menschen sollten die Welt aus der Insekten-Perspektive sehen“

Die Bundesregierung werde nun für Ende Juni die Eckpunkte eines Programms zum Schutz der Insekten in Aussicht stellen, haben die Ministerinnen Klöckner und Schulze versprochen. Ziel: den Insektenrückgang verlangsamen, wenn nicht sogar stoppen.

„Die Menschen“, sagt Imker Ackermann, „sollten die Welt häufiger aus der Insekten-Perspektive sehen.“ Oder zumindest aus der Imker-Sicht. „Wer sein Volk genau beobachtet und darauf achtet, dass es allen darin gut gehen kann, wird das Richtige tun.“

Die Bauern in Ackermanns Nachbarschaft haben inzwischen mit den umliegenden Imkern eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Wenn die Landwirte Pestizide spritzen, stellt sich eine Ampel auf dem Smartphone erst gelb, dann rot. Die Imker können ihre Bienen rechtzeitig von den Feldrändern holen. Bei Grün ist die Luft wieder rein.

Von Thoralf Cleven und Jean-Marie Magro

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