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21:31 31.10.2018
Zurück im Rampenlicht: Friedrich Merz am Mittwoch vor der Bundespressekonferenz in Berlin. Quelle: Foto: Axel Schmidt/Imago
Berlin

„Faxe! Faxe! Überall Faxe!“ Friedrich Merz ruft dies so laut quer durch seine Büros im Berliner Reichstag, dass die Sekretärinnen zusammenzucken.

Draußen rieselt leise der Schnee, man schreibt den Februar 2000. Drinnen geht ein Reformer zu Werk, der frisch gewählte Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ein Erneuerer, sogar in Sachen Büroorganisation. „Wer soll sich denn durch diese ganzen Papierberge wühlen?“, fragt er und baut sich mit hochgekrempeltem Hemd vor seinen Mitarbeitern auf. „Warum schicken die Leute keine E-Mails? Ich hab’s: Wir schicken denen allen ein letztes Fax. Und darauf steht: Wir wollen keine Faxe mehr!“

Übergang oder rasche Zerstörung?

Merz hat es stets geliebt, einen ganz neuen Blick auf die Dinge zu werfen. In jedem Managerseminar lernt man: „Take a fresh look at things.“ Spannend wird stets die Frage, was daraus folgt. Nur ein sanfter Übergang zum Neuen? Oder auch die rasche Zerstörung des Alten? In Managerkreisen gilt die zweite Variante als die coolere: Disruption lautet die derzeit um die ganze Welt wabernde Vokabel, mit der Umbrüche der harten Art beschrieben werden.

In Deutschland steht jetzt die CDU vor einer Disruption, vor einem Umbruch wie noch nie.

Wer in die Partei hineinhört, stellt fest: Irgendwelche Gewissheiten gibt es derzeit nicht mehr. Die Rückzugsankündigung Angela Merkels hat stumme Ratlosigkeit hinterlassen. In diesen Tagen treibt die Partei Konrad Adenauers und Helmut Kohls, die so sehr wie keine andere für „keine Experimente“ steht, für das Beharren auf dem Bewährten, auf ihren Bundesparteitag in sechs Wochen in Hamburg zu wie ein Floß dem rauschenden Wasserfall.

Kramp-Karrenbauer als „Merkel II“ im Adenauer-Haus

Soll die CDU Annegret Kramp-Karrenbauer wählen? Das wäre ein Versuch, noch mal so gut es geht irgendwie zurückzurudern in Richtung Merkel-Ära. Doch dann blickte man auf „Merkel I“ im Kanzleramt und „Merkel II“ im Adenauer-Haus. Viele in der CDU sehen darin insgeheim ein Dilemma. Jens Spahn? Hinter vorgehaltener Hand sagen viele, die Sympathien für ihn seien in Wahrheit begrenzt.

Angela Merkel gibt ihr Amt als Parteivorsitzende der CDU ab. Wer sie beerbt, ist noch unklar. Wird es die bisherige Generalsekretärin Annegret Kamp-Karrenbauer? Der junge und umtriebige Gesundheitsminister Jens Spahn? Oder gar jemand ganz anderes? Aspiranten gibt es jedenfalls genug.

Merkel immerhin könnte sich mit diesen beiden CDU-Chefs wohl irgendwie arrangieren und Kanzlerin bleiben, bis 2021.

Mit Merz wäre das anders. Seine Wahl zum CDU-Vorsitzenden wäre eine Revolution – die gleich auch die Kanzlerin wegfegen würde. Schon im Frühjahr 2019, sagen viele in der CDU, könne man dann im Bundestag die Glocke läuten zur Wahl des Bundeskanzlers Merz.

Wie Merkel Merz aus dem Weg räumte

Merz selbst sagte am Mittwoch vor der Bundespressekonferenz in Berlin: „Ich bin der festen Überzeugung, dass Angela Merkel und ich miteinander unter diesen veränderten Bedingungen auskommen und klarkommen werden.“ Es wäre das erste Mal.

Im Jahr 2002 war es Merkel, die in aller Kühle die Disruption plante. Wie in einer Versuchsanordnung zerstörte die promovierte Physikerin damals erst Edmund Stoiber und dann sogleich Merz als politisch maßgebliche Figuren. Den Bayern ließ sie als Kanzlerkandidaten antreten, rang ihm aber im Gegenzug die Zusage ab, unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl ihre Wahl zur Fraktionsvorsitzenden im neuen Bundestag zu unterstützen. Stoiber scheiterte, Merkel wurde Fraktionschefin – und verdrängte Merz: Seither war sie die bei Weitem mächtigste Person in der Union.

„Der Groll ist kein bisschen abgeklungen“

Merz, der Entmachtete, protestierte bis zuletzt in einer CDU-Präsidiumssitzung gegen dieses Vorgehen. Doch er blieb isoliert. „Wir mussten auf ihn einreden wie auf ein krankes Kalb“, berichtet einer, der damals im Präsidium dabei war. Merz erlebte die größte Demütigung in seinem politischen Leben. Gestern in der Bundespressekonferenz, 16 Jahre später, sagte er, es sei ja eigentlich „richtig gewesen, damals Partei- und Fraktionsvorsitz in einer Person zu vereinen“. Insofern gebe es da auch heute „nichts zu versöhnen“. Er und Merkel hätten sich in letzter Zeit sogar „öfter getroffen und gut verstanden“.

Einer, der beide seit Langem kennt und ebenfalls beide in jüngster Zeit getroffen hat, sieht es ein bisschen anders: „Bei Merz ist der Groll auf Merkel kein bisschen abgeklungen. Nicht mal im Ausmaß von einem Prozent.“

Ist es Rache, die Merz jetzt treibt, nach hohen und höchsten Ämtern zu greifen? Es wäre kein hinreichendes Motiv. Man darf Merz abnehmen, dass zumindest noch andere Aspekte dazukommen. Zum Beispiel die Sorge ums große Ganze, ums Auswärtige: „Vor Ihnen steht ein wirklich überzeugter Europäer, ein überzeugter Transatlantiker.“

Ein Plädoyer für Europa

In einer denkwürdigen Passage seines Auftritts begann Merz dann sogar, auf Emmanuel Macron einzugehen. Merz sagte, der französische Präsident dürfe als Reaktion auf seine EU-Reformpläne von Berlin mehr erwarten, als bisher gekommen sei – dann biss Merz sich auf die Zunge. Er hatte gemerkt: Jetzt fing er schon an, über den Rand zu malen.

Im Ernst: Wie soll eine friedliche Koexistenz an der Seite einer Kanzlerin Merkel aussehen, wenn ein neuer CDU-Chef anfängt, seine ganz eigenen Antworten auf Macron zu geben?

Die Wahrheit ist: Die CDU wird sich, so bizarr das klingt, nach 16 Jahren noch einmal entscheiden müssen zwischen Merkel und Merz. Diesmal könnte es der 1,98 Meter große Mann aus dem Sauerland sein, der als Sieger vom Platz geht.

Am 11. November wird Merz 63 Jahre alt. Dennoch umgibt ihn jetzt bei seinen Auftritten in Berlin der Reiz des Neuen, des Unerhörten.

Parallelen zu Trump und Macron

Manche in der Union reden, ganz leise, sogar über Parallelen zu Trump und Macron. Tatsächlich kommt Merz jetzt, nach vielen Jahren in Rechtsanwaltskanzleien und Finanzunternehmen, in einer völlig neuen Pose auf die Bühne: als Quereinsteiger, der die politische Karriere materiell nicht mehr nötig hätte. Spahn und Kramp-Karrenbauer indessen erscheinen als angestrengte Geschöpfe des sattsam bekannten Politikbetriebs. Das Magische des Friedrich Merz liegt darin, dass er scheinbar Unvereinbares in sich vereint: Einerseits setzt er das verschmitzte Lächeln des Neulings auf. Zugleich aber hat er auf dem internationalen Feld und im Umgang mit allen Dax-Unternehmen ein völlig anderes Format als „AKK“ und Spahn.

Merz kommt locker rüber, er haut auch mal auf den Tisch. Viele in der CDU haben so etwas bei Merkel vermisst. Merz kann aber auch, wie eine frühere Mitarbeiterin berichtet, „verblüffend gut zuhören“. Seine Auffassungsgabe wird allseits gerühmt, in Anwaltskreisen heißt es, der Kollege Merz sei „in einer Umgebung, in der alle schon sehr schnell sind, meistens der Schnellste gewesen“.

Sein langer Ausflug in die Wirtschaft, als Anwalt und als Lobbyist, könnte Merz allerdings auch zum Verhängnis werden. Seine Gegner innerhalb und außerhalb der CDU sind bereits dabei, ihn wegen seiner Tätigkeit beim amerikanischen Finanzkonzern Blackrock als elitär hinzustellen, als unnahbaren Vertreter des Großkapitals.

„Lobbyist des Großkapitals“

Schon als Anwalt bei Mayer Brown in Düsseldorf bot Merz Angriffsflächen. Während er Bücher publizierte, in denen er auf eine Senkung von Sozialausgaben pochte, sollen er und seine Kollegen für Bankmandate Tageshonorare von 5000 Euro abgerechnet haben.

„Ein Sozialdarwinist und Lobbyist des Großkapitals“, trete da an, donnerte RT Deutsch, das Sprachrohr Russlands, am Mittwoch. Mit einem CDU-Chef Merz „würde die Politik schlicht das Großkapital direkt ans Ruder lassen“. Ähnliche Kommentare schrieben Twitterer aus den Lagern von Linken, AfD, Grünen und SPD.

Doch es gibt auch den bürgernahen Friedrich Merz, den Sauerländer, der jahrelang über den Gartenzaun hinweg Politik erklärt hat – und mit mehr als 50 Prozent der Stimmen immer wieder direkt gewählt wurde. Merz hat drei Kinder, seine Frau Charlotte ist seit zwei Jahren Direktorin der Amtsgerichts Arnsberg, und die Friedrich-und- Charlotte-Merz-Stiftung hilft schon seit dem Jahr 2005 Kindern aus sozial schwachen Familien im Sauerland bei der Ausbildung.

Der Erfinder der „Leitkultur“

Sozialer Zusammenhalt plus die von ihm erfundene deutsche „Leitkultur“: Dies ist der Merz, den auch der bodenständige Wolfgang Bosbach im Sinn hat, der seit Langem der Meinung ist, Merz könne die AfD wieder kleinmachen. Im Deutschlandfunk gab Bosbach soeben zu Protokoll: „Kein zweiter Name wurde an der CDU-Basis in den letzten Jahren so häufig genannt, wie der von Merz, wenn es um die Frage ging, wen wünschen wir uns in die aktive Politik zurück?“

Im Mittelbau der CDU dagegen ist man irritiert: Wie kann einer, der so lange „weg“ war, plötzlich nach dem höchsten Amt greifen? Die einfachen Mitglieder indessen stimmen in Online-Foren schon mal zu 60 oder gar 70 Prozent für Merz.

Doch Merz vertraut nicht allein auf eine Sympathiewelle von unten. Mehr denn je wurden in jüngster Zeit auch seine alten Netzwerke sichtbar. In Brüssel organisierte EU-Kommissar Günther Oettinger für ihn diskrete Zusammenkünfte mit unionsnahen Beamten, im „Handelsblatt“ gehörte neben Merz Roland Koch zu den Erstunterzeichnern eines parteiübergreifenden Appells zum „Aufbruch für Europa“. Ein CDU-Mann aus Niedersachsen stöhnte am Reformationstag: „Es kommt einem gerade so vor, als werde der komplette Film 16 Jahre zurückgespult.“

Von Matthias Koch

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