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Panorama Venezuela: Militär besetzt deutsche Kolonie
Nachrichten Panorama Venezuela: Militär besetzt deutsche Kolonie
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11:59 21.05.2017
Colonia Tovar wurde von Menschen erbaut, die 1842 aus dem Kaiserstuhl nach Venezuela kamen. Quelle: dpa
Caracas

Über dem historischen, hölzernen Stadttor hängen die Tränengaswolken, sie Fachwerkhäuser sind verrammelt. Es sieht aus als hätte die Bundeswehr ein schwäbisches Bergdorf besetzt. Die Szene stammt jedoch nicht aus Deutschland, sondern aus dem südamerikanischen Krisenland Venezuela: aus Colonia Tovar, einem von deutschen Einwanderern gegründeten Ort.

Der Ort ist besonders bei Tagestouristen beliebt. Deutsche Wurst und Brot sind der Renner, aber die dramatische Versorgungskrise, die Venezuela seit Monaten erschüttert, geht auch an Colonia Tovar nicht spurlos vorbei. Der Ort mit seinen rund 20.000 Einwohnern eine Stunde von Caracas entfernt wurde bis auf weiteres unter Militärkontrolle gestellt. Bei Protesten gegen den sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro war dort zuvor der Sitz der Nationalparkbehörde angegriffen worden, Autos wurden angezündet.

Tränengaswolken über dem „Muhstall“

Bilder zeigten Tränengaswolken vor dem malerischen Stadttor – Colonia Tovar erinnert mit Fachwerkhäusern und Einkehrmöglichkeiten wie dem Café „Muhstall“ an den Schwarzwald. Gegründet wurde die Siedlung von 392 Badensern, die 1842 aus dem Kaiserstuhl mit dem Schiff nach Südamerika kamen. Die Kolonisten waren von Venezuela angeworben worden, der spätere Präsident Manuel Felipe de Tovar schenkte ihnen das Land, auf dem sie Obst und Gemüse anbauten. Bis heute haben sich die alemannische Kultur und der Dialekt der Heimat erhalten.

„Das ist eine sehr angespannte Situation“, sagte eine Mitarbeiterin des Hotels „Bergland“. Das Militär sei mit vielen Lastwagen angerückt und kontrolliere die Ortseingänge. Die Hotels seien wegen der gefährlichen Lage derzeit geschlossen.

Größte Kundgebung seit Beginn der Proteste

Rund 50 Tage nach Beginn der Massenproteste gegen Maduro sind am Wochenende im ganzen Land erneut Hunderttausende Menschen auf die Straßen gegangen. In der Hauptstadt Caracas kam es beim „Marsch der Millionen“ aber zu schweren Ausschreitungen, die Polizei setzte massiv Tränengas ein. Es war eine der größten Kundgebungen bisher, ein Menschenmeer zog durch Caracas. In allen 23 Bundesstaaten kam es zu Großkundgebungen.

Bisher starben bei Protesten und Plünderungen 48 Menschen, es kam zu über 2000 Festnahmen. Die Opposition wirft Maduro vor, das von einer dramatischen Versorgungskrise erschütterte Land mit den größten Ölreserven in eine Diktatur zu verwandeln und fordert Neuwahlen.

Von RND/dpa