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Rechtsmediziner schreibt über Kindesmissbrauch

Ursachendebatte Rechtsmediziner schreibt über Kindesmissbrauch

Ein Buch von Berliner Rechtsmedizinern belegt, welch grausame Gewalt Kinder in Deutschland jeden Tag erleben. Den Forderungen der Autoren möchten viele Kinderschützer trotzdem kaum folgen.

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 Rechtsmediziner Michael Tsokos (l.) und Saskia Guddat präsentieren im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin ihr Buch "Deutschland misshandelt seine Kinder".

Quelle: dpa

Berlin . Verprügelt, verbrüht oder zu Tode geschüttelt: Wenn der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos Gutachten über verletzte und getötete Kinder schreibt, geht es um kaum vorstellbare Gewalt. Täter sind oft die Eltern. Was hinter verschlossenen Berliner Wohnungstüren passiert, hat Tsokos mit einer Kollegin nun in dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ niedergeschrieben. Es liest sich neben den vielen Grausamkeiten wie eine Abrechnung mit dem deutschen Hilfesystem - überforderte Jugendämter, unerfahrene Familienhelfer, ahnungslose Kinderärzte, naive Richter. Die Gescholtenen sehen die Lücken im Kinderschutz jedoch woanders.

Wer erinnert sich nicht an Kevin, den kleinen Bremer Jungen, dessen Leiche 2006 im Kühlschrank seines drogensüchtigen Vaters entdeckt wurde? Die zuständigen Behörden waren unterbesetzt. Wer die authentischen Berliner Fälle liest, kann den Glauben an Kinderschutz auch verlieren - und Verzweiflung und Wut von Rechtsmedizinern verstehen. Da werden Kinderhände auf heiße Herdplatten gelegt, Zigaretten auf der Haut ausgedrückt, Arme verdreht, Knochen gebrochen. Es wird zugebissen und so hart zugeschlagen, dass nur noch ein Arzt helfen kann. Manchmal auch nicht mehr - dann stirbt das geschüttelte Baby oder bleibt schwerbehindert.

Es ist eine glaubhafte Realität in einer Dimension, die sich in Kinder- und Jugendberichten oft nur erahnen lässt. „Es ist begrüßenswert, dass dieses Buch aufrüttelt“, sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Doch damit endet das Lob.

Denn die Autoren haben ein Feuerwerk von Kritik und eine Reihe von Forderungen losgelassen, die nicht nur Hilgers für wenig hilfreich hält. So schlagen sie unter anderem vor, mehr Kinder sofort aus den Familien zu nehmen, mehr Eltern zu bestrafen oder ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Sie unterstellen Jugendämtern und Familienhelfern eine finanzielle Verquickung, die allen nutzt - nur den Kindern nicht. Sie werfen Kinderärzten vor, Misshandlungen nicht zu erkennen oder zu verschweigen, um keine Patienten zu verlieren. Jugendämter und Ärzte halten diese Anklage für viel zu pauschal. Was nicht heißt, dass alles in Ordnung ist mit dem Kinderschutz.

Es bleiben die Fakten. Rund 170 Kinder in Deutschland starben nach den jüngsten Zahlen des Bundeskriminalamts 2012 durch Gewalttaten. Rund 106 600 Strafverfahren liefen im selben Jahr wegen Gewalt gegen Kinder. Viele Experten halten diese bekannten Fälle nur für die Spitze des Eisbergs. 2012 haben die Jugendämter rund 40 200 Kinder und Jugendliche wegen Vernachlässigung oder Gewalt aus ihren Familien genommen. Seit 2007 hat sich diese Zahl nach Angaben des Statistischen Bundesamts fast verdoppelt. Woran das liegt?

Den Autoren des neuen Buch zufolge sind es oft ausgebrannte und überforderte Mitarbeiter in Jugendämtern, die Mitschuld an der Gewaltspirale tragen. Bis zu 200 Fälle habe eine Fachkraft in Berlin auf dem Tisch, kritisieren die Rechtsmediziner. Das ist ein Punkt, dem auch Birgit Zeller, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, nicht widerspricht. „Es gibt sicher Einzelfälle, in denen Jugendämter zu spät handeln“, sagt sie. Doch eine pauschale Verurteilung der bundesweit rund 600 Jugendämter sei wenig hilfreich. Zeller stellt die Frage anders. Seit dem Fall Kevin darf kein Amtsvormund mehr als 50 Kinder betreuen. Warum gilt diese Grenze nicht für Sozialarbeiter im Kinderschutz? „Ich würde eine Diskussion begrüßen“, sagt Zeller.

Ulrich Fegeler, Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte, hat seine Praxis in Berlin. Wenn er einen begründeten Verdacht auf Misshandlung hat, informiert er das Jugendamt. „Die meisten Fälle von Misshandlung werden gesehen“, sagt er. Doch auch Fegeler kennt das Ohnmachtsgefühl, wenn er ein bedrücktes Kind vor sich hat, Vernachlässigung oder Gewalt aber nur vermuten kann. „Mit den Eltern zu sprechen, ist meist sinnlos“, sagt er.

Gern würde er dann ohne die Eltern mit Erziehern oder Lehrern über seine Beobachtungen reden. Doch das dürfe er rechtlich nicht, berichtet Fegeler. Offiziell dürfe er sich noch nicht einmal mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst austauschen. „Über solche Hürden müssen wir reden“, sagt er. Oder darüber, dass Eltern Wohnung und Bezirk wechselten, um einem Verdacht zu entgehen. „Da müssen Akten schneller nachgeschickt werden.“ Besserer Kinderschutz funktioniere nur über Kommunikation und über Ressortgrenzen hinweg. Zum Beispiel über runde Tische gegen Gewalt, wie es sie in Berlin schon gibt.

Die häufigsten Ursachen von Kindesmisshandlung seien Überforderung und Verzweiflung der Eltern, sagt Kinderschutzbund-Präsident Hilgers. Allein auf die präventive Wirkung von Strafrecht zu setzen, greife zu kurz. Je höher die Armutsquoten in Deutschland stiegen, desto mehr wachse der Druck auf viele Familien. „Wenn es knapp wird, knallt es“, ergänzt er. Wer Kinderschutz verbessern wolle, müsse sich Gedanken auch darüber machen, wie man Eltern mit wenig Bildung und Einkommen früher und erfolgreicher erreicht. „Die besuchen keine Elternkurse.“

„Dass die Ausstattung der Jugendämter so unterschiedlich ist, liegt an ihrer Finanzierung“, sagt Hilgers. „Das ist Sache der Kommunen. Es gibt keine bundesweit vorgeschriebenen Schlüssel. Dabei wäre das sinnvoll.“ Das Schlimme sei, dass Städte mit vielen sozialen Brennpunkten oft über das wenigste Geld für Jugendhilfe verfügten - Bremen, das Ruhrgebiet, Berlin und oft auch ostdeutsche Kommunen. Wenn Bund oder Länder etwas vorschrieben, müssten sie allerdings auch die Finanzierung sicherstellen. Kinderschutz wird dann auch zum Föderalismus-Problem.

dpa

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