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Panorama „Ich habe Angst, abends auf die Straße zu gehen“
Nachrichten Panorama „Ich habe Angst, abends auf die Straße zu gehen“
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12:25 19.06.2018
Eine 16-Jährige wurde im niedersächsischen Barsinghausen ermordet. Quelle: RND
Barsinghausen

Viele Menschen im niedersächsischen Barsinghausen stellen sich die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt mit dem Gewaltverbrechen, das vor exakt zwei Monaten die Stadt zum ersten Mal aufgeschreckt hatte. Am 17. April war, nur gut 300 Meter Luftlinie entfernt, an einer Böschung an der S-Bahn-Trasse die Leiche der 55-jährigen Veronika B. gefunden worden. Die Frau ist getötet worden, einen Täter hat die Polizei aber bisher noch nicht gefunden. Schauplatz beider Taten ist die eigentlich eher beschauliche Barsinghäuser Nordstadt. Das Siedlungsgebiet nördlich der S-Bahn-Trasse ist geprägt von alten Bergarbeiterhäusern. In den vergangenen Jahrzehnten sind aber viele größere Mehrfamilienhäuser und Wohnblocks hinzugekommen, die von größeren Wohnungsbaugesellschaften bewirtschaftet werden.

Nach der ersten Tat waren viele Barsinghäuser bald wieder zur Tagesordnung übergegangen. Nun, nach dem zweiten gewaltsamen Todesfall, sind Entsetzen und Unsicherheit spürbar. „Ich habe Angst, abends auf die Straße zu gehen“, sagt eine Passantin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie fühlt sich von den Ermittlungsbehörden nicht gut informiert. „Noch immer weiß hier niemand, wie die Getötete vor zwei Monaten eigentlich ums Leben gekommen ist“, sagt sie.

An einer Grundschule in Barsinghausen bei Hannover ist eine weibliche Leiche entdeckt worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass die junge Frau umgebracht wurde. Bei dem Opfer handelt es sich um eine 16-Jährige.

Barsinghausens Bürgermeister Marc Lahmann spricht von einem „schrecklichen Verbrechen“, von dem er selbst auch erst aus den Medien erfahren habe. „Unsere Gedanken sind in dieser Situation vor allem bei den Angehörigen des Opfers“, sagt er am Montagmittag. Es sei wichtig, Anteilnahme und Mitgefühl auszudrücken. „Ich setze mein Vertrauen in die gute Arbeit der Ermittler“, betont das Stadtoberhaupt. Kurz zuvor hatte Lahmann mit dem Leiter der hannoverschen Mordkommission telefoniert. Dass die Polizei rund um die Verbrechen nur wenige Informationen preisgibt, findet Lahmann im Interesse der Ermittlungen legitim. „Das ist richtig so.“

Medienauflauf vor der Schule

An der Adolf-Grimme-Schule, vor deren Gebäude die getötete Jugendliche am Sonntag gefunden wurde, herrscht am Montag wieder Schulbetrieb. Von Normalität ist die Szenerie allerdings weit entfernt. Schulleiterin Birgit Geyer und ihre Kolleginnen wollen sich zu dem Geschehen und zur Stimmungslage in der Schule nicht äußern. Es habe entsprechende Anweisungen gegeben, heißt es lediglich. Mittags fahren Mannschaftswagen der Polizei immer wieder langsam an dem Schulgelände vorbei und dann weiter durch die angrenzende Wohnsiedlung. Die Sichtschutz-Absperrungen rund um den mutmaßlichen Tatort sind mittlerweile verschwunden. Auf der Rasenfläche weist nichts mehr auf den Leichenfund hin. Allerdings stehen auf dem Gehweg vor der Schule Kerzen. Außerdem haben Freunde des Opfers dort ein Kuscheltier, einen roten Ballon und ein Poesiealbum zum Gedenken an das Opfer abgelegt. Bereits am Sonntagabend hatten Angehörige und Bekannte des Opfers vor der Schule Kerzen aufgestellt. Diese waren aber am Montagmorgen vor Schulbeginn zunächst wieder beiseitegeräumt worden.

Die Eltern, die ihre Kinder am Montagmittag vom Unterricht abholen wollen, sehen sich einem kleinen Medienauflauf gegenüber: Kamerateams auch überregionaler Sender haben sich gegenüber der Schule eingefunden, um Eltern und Anwohner zu befragen. Die meisten Eltern sind aber skeptisch und wollen nicht mit Journalisten sprechen, sie sorgen sich um ihre Kinder. „Die sind aufgeregt genug“, sagt eine Mutter. Mitarbeiterinnen der Schule fordern die Pressevertreter auf, nicht direkt vor der Schule mit Kindern und Eltern zu sprechen. Für die Lehrer, Schüler und Eltern stehen Mitarbeiter der Psychosozialen Notfallberatung des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) bereit, an die sie sich bei Gesprächsbedarf wenden können.

Obwohl nur wenige reden wollen, wird auch hier schnell deutlich: Die Eltern und Anwohner sorgen sich um die Sicherheit. „Ich würde meine 15-jährige Tochter nicht abends alleine raus lassen“, sagt die Mutter, die ihren Sohn von der Schule abholen will. Die eigene Tochter war am Sonnabendabend noch draußen, sei aber von Freundinnen nach Hause gebracht worden. Nur wenige Stunden später muss die Leiche der 16-Jährigen an der Schule abgelegt worden sein. „Man hat ein mulmiges Gefühl“, sagt die Mutter. Sie will ihre 15-jährige Tochter in Zukunft noch besser im Auge behalten. Dass die ermordete Jugendliche nachts noch draußen unterwegs sein durfte, findet sie unverantwortlich. Sie selbst hoffe, dass kein Zusammenhang zwischen dem Mord und dem Leichenfund im April in der Nordstadt bestehe, sagt die Frau.

Beide Gewalttaten waren an einem 17.

Das fünfköpfige Psychosoziale Notfallteam des ASB zieht am Nachmittag ein positives Fazit der eigenen Präsenz vor der Schule. „Es ist gut, dass wir da sind“, sagt Leiter Jörg Brockhoff. „Das war die Rückmeldung, die wir bekommen haben.“ Das Team sei von der Einsatzleitstelle zur Adolf-Grimme-Schule beordert worden, erläutert Brockhoff. Der Auftrag sei vor allem die Unterstützung des Kollegiums in dieser ganz besonderen Situation gewesen, sagt der Notfallseelsorger. „Aber es hat auch Gespräche mit Eltern gegeben.“ Wilfried Qualisch, ein weiteres Teammitglied, wünscht sich, dass sich die Stimmung in der Umgebung angesichts des Verbrechens nicht aufschaukelt. „Wir sind hier, um Angst zu vertreiben und keine neue Angst zu schüren“, betont er.

Rund 200 Meter von der Adolf-Grimme-Schule entfernt, in den Geschäften an der Hans-Böckler-Straße, ist das Gewaltverbrechen sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei der Kundschaft ebenfalls Gesprächsthema Nummer eins. „Wir sind sehr betroffen“, sagt Tina Battermann, die in der Rosen-Apotheke arbeitet. Man müsse darüber nachdenken, seine Kinder überhaupt noch rauszulassen, findet sie. Auch ein Zusammenhang zwischen dem aktuellen Fall und dem Fund der Frauenleiche im April an der nahen Bahntrasse ist Spekulationsthema: „Beides war an einem 17. – das ist schon gruselig“, sagt Battermann. Sonst kenne man solche Ereignisse ja nur aus dem Fernsehen, ergänzt ihre Kollegin Tanja Neumann. „Und jetzt ist es so nah.“ Da bekomme man schon Angst. Dieses Gefühl kann die Angestellte eines Ladens in unmittelbarer Nähe bestätigen. Vor allem zu früher oder später Stunde verspüre sie auf ihrem Arbeitsweg ein mulmiges Gefühl angesichts der Ereignisse in der Nordstadt, sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte.

Ganz allein in der Bäckereifiliale Hünerberg arbeitet zurzeit Monika Lugowski. „Kundinnen raten mir, auf mich aufzupassen“, sagt die junge Frau. Sie hat ebenfalls ein sehr ungutes Gefühl. „Die Fälle häufen sich“, meint sie. Sobald die Bäckereifiliale um 18 Uhr schließt, verriegele sie die Türen und mache sich dann möglichst schnell auf den Heimweg, berichtet Lugowski.

Gibt es Vorsichtsmaßnahmen, die Barsinghäuser Frauen und Mädchen angesichts der beiden ungeklärten Gewaltverbrechen beachten sollten? „Am besten ist es, sich in Gruppen zu bewegen“, sagt Barsinghausens Polizeichef Achim Bense. Das gebe einerseits ein besseres Sicherheitsgefühl, zudem würden potentielle Gewalttäter abgeschreckt. Ansonsten rät Bense Frauen, ihrem Gefühl zu vertrauen und natürliche Vorsichtsmaßnahmen zu beherzigen. Wer sich nachts verfolgt fühle, solle möglichst schnell dorthin gehen, wo Menschen seien, sagt er. Man könne bei einem Gefühl der Bedrohung in eine Gaststätte flüchten, aber auch an Wohnungstüren klingeln. Das Mitführen von Abwehrwaffen wie etwa Reizgas hält der Polizeichef für keine sinnvolle Reaktion: „Jede Waffe, die man nutzt, kann sehr leicht auch gegen einen selbst gerichtet werden“, warnt der Kommissariatsleiter.

Von Andreas Kannegießer und Elena Everding/HAZ/RND

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