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Panorama Spektakuläre Mordermittlung: See bei Bremen abgepumpt
Nachrichten Panorama Spektakuläre Mordermittlung: See bei Bremen abgepumpt
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17:37 09.10.2018
Saugrohre liegen am Ufer des Tietjensees nahe Bremen: Seit Tagen pumpen Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks rund 35 Millionen Liter Wasser aus dem etwa 260 Meter langen und 83 Meter breiten See. Quelle: Karsten Klama/dpa
Schwanewede

Von dem 260 Meter langen See in Schwanewede (Landkreis Osterholz bei Bremen) sind nur noch einige schlammige Pfützen übrig. Was der Morast verbirgt, weiß keiner. Die Kriminalpolizei hofft, Antworten auf einen ungeklärten Fall zu finden, der vor einem viertel Jahrhundert geschah. Sie sucht die Leiche einer jungen Frau, die vor 25 Jahren spurlos verschwand. Dafür wurde der See seit vergangenen Samstag komplett abgepumpt. 35 Millionen Liter flossen in die nahegelegene Weser. 400 bis 500 Kilogramm Fische wurden gefangen und umgesetzt. Der See ist mit Sichtschutzgittern umstellt und wird rund um die Uhr bewacht – damit mögliche Beweise nicht verschwinden oder beschädigt werden können.

Der damalige Lebensgefährte soll die Frau getötet haben

Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass der damalige Lebensgefährte im Juni 1993 die Frau „auf nicht feststellbare Weise getötet“ und an einem bis heute unbekannten Ort verborgen hat. Er soll seine Freundin umgebracht haben, weil sie sich von ihm trennen und mit dem kleinen Sohn ausziehen wollte. Seit August muss sich der Mann vor dem Landgericht Bremen wegen Mordes verantworten. Die Staatsanwaltschaft beantragte beim Landgericht, den See leer zu pumpen. Angler hatte vor Jahren eine Tüte aus dem See gefischt. Darin waren neben einem Verlobungsring auch Ausweispapiere der Vermissten.

Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks beim Abpumpen des Tietjensees Anfang der Woche. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

„Es liegt also nahe, dass auch andere Dinge in dem See versenkt wurden“, sagte der Sprecher des Landgerichtes Bremen, Gunnar Isenberg. Das Gericht hatte dem Antrag der Staatsanwaltschaft statt gegeben und das Abpumpen des Tietjensees in Schwanewede rund 35 Kilometer von Bremen angeordnet. „Wir hoffen, dass wir die Nadel im Heuhaufen finden, wenn es denn eine Nadel gibt“, so Isenberg. Der Fund der Leiche oder einer möglichen Tatwaffe oder anderer Beweismittel würden den Prozess, der am 17. Oktober weiter geht, jedenfalls unmittelbar beeinflussen.

Am Dienstag lief an dem von Bäumen umgebenen See nur noch eine der vielen Schmutzwasserpumpen, mit denen das Technische Hilfswerk (THW) das Wasser raus gepumpt hatte. Auch ökologische Aspekte seien bei der Aktion berücksichtigt worden, sagt Polizeisprecher Nils Matthiesen. Berufsfischer Horst Gischweski holte am Montag schwere Silberkarpfen und kleine Barsche aus dem Gewässer. „Man kann die Fische ja nicht verrecken lassen.“ Am Dienstag tummelten sich noch fette Aale in den schlammigen Senken, die er mit einem Kescher fing und in einem Bottich zwischenparkte. „Später müssen wir noch die Teichmuscheln raus holen“, so Gischewski. Möglicherweise werden die Tiere später nach Einlassen des Wassers wieder eingesetzt.

Berufsfischer Horst Gischewski half, die Fische umzusiedeln – etwa diesen Aal, der sich beim Abpumpen in den Schlamm des Tietjensee zurückgezogen hatte. Quelle: Karsten Klama/dpa

„Wir wissen nicht, was unter dem Schlamm ist“, sagte Polizeisprecher Matthiesen. Unklar ist noch, wie lange die Suche auf dem Grund des Sees laufen wird. „Auch wir betreten hier Neuland.“ Die Polizei werde von Experten aus dem In- und Ausland unterstützt. Die Schlickschicht ist etwa 30 Zentimeter dick. Ohne Gummistiefel läuft bei den Arbeiten nichts. Dass ein See diesen Ausmaßes leergepumpt wird, hat es bei der Bremer Polizei noch nicht gegeben – zumindest soweit sich die Ermittler erinnern können. Deutschlandweit einmalig ist die Aktion allerdings nicht.

Im vergangenen Herbst hatte die Polizei nach dem schweren Missbrauch eines kleinen Jungen in Staufen bei Freiburg das Wasser aus dem Stadtsee ablaufen lassen und dadurch eine Festplatte entdeckt. Im Frühjahr 2016 ließen die Ermittler nach einem Mord in einem Kölner Park Wasser aus einem Weiher pumpen, um den Grund absuchen zu können. Auch nach dem Mord an der kleinen Michelle 2008 in Leipzig griff die Polizei zu diesem Mittel. Spaziergänger hatten die Leiche des Kindes in einem flachen Teich gefunden.

Von RND/dpa