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Panorama Wolfgang Joop: „Ich habe diesen Zirkus nicht mehr nötig"
Nachrichten Panorama Wolfgang Joop: „Ich habe diesen Zirkus nicht mehr nötig"
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17:57 29.06.2018
Wolfgang Joop Quelle: René Fietzek Photography
Potsdam

Einige Lampen stehen auf dem Boden, sie müssen noch ihren Platz finden. Die alten Bücher der Eltern sind aussortiert und stehen in Kisten zur Spende bereit – doch die Kunst hängt. Und das mache den Unterschied, wie Wolfgang Joop später erzählen wird. Erst seit wenigen Wochen wohnt der Modekünstler wieder am Rande des Park Sanssouci in Potsdam – nach über 60 Jahren ist er zurück am Ort seiner Kindheit. Hier im damals eher einfachen, ländlichen Stadtteil Bornstedt flitzte der heute 73-Jährige als Junge durch die Ställe, half bei der Ernte und machte den königlichen Park nebenan zum großen Abenteuerspielplatz. Jetzt rast er vor allem mit seinem Fahrrad durch Potsdam – und ist deshalb gerade noch nicht da.

Wolfgang Joop: Da bin ich! Ich war noch kurz beim Barbier – heute Morgen dachte ich: Meine Haare sehen ja furchtbar aus. So kann ich Sie nicht empfangen. Ich zieh’ mich nur kurz um, dann können wir reden – es gibt so viel zu erzählen.

Herr Joop, wir sind hier an Ihrem Sehnsuchtsort, an den Sie immer zurückkehren wollten. Ich sehe eine wunderschöne Villa, in der jedes Kunstwerk, jedes Gemälde und jede Skulptur eine Geschichte erzählt. Ich sehe einen perfekt gepflegten Garten mit einem kleinen Teich und einem Gartenhaus-Palais. Was sehen Sie?

Ich sehe links die Kühe, rechts die Schweine, daneben die Jauchegrube und den Nussbaum – ich kann die Erinnerung an damals, an die Zeit Anfang der Fünfzigerjahre, noch genau abrufen. Dort, wo ich jetzt wohne, war damals der Stall, mit einem hölzernen Zwischendach, da fiel das Stroh durch. Ich sehe in meiner Erinnerung, wie wir hier Bohnen aus der Schale pulten. Ich sehe, dass Tante Ulla eine Trainingshose unter dem Kleid trug. Und ich denke daran, wie wir uns aus dem Garten selbst ernährt haben und es uns deshalb besser ging als den anderen. Ich kann heute noch riechen, wenn es Zeit ist, die Ernte einzuholen. Ich sehe aber auch, was die Jahre des Sozialismus aus meiner Heimat gemacht haben. Das war zwischenzeitlich eine Müllhalde hier.

Nur in seinen ersten zehn Lebensjahren lebte Wolfgang Joop auf dem Familienanwesen in Potsdam-Bornstedt – zusammen mit Mutter Charlotte, Tante “Ulla“ Ebert und den Großeltern. 1954 siedelte die Familie nach Braunschweig über, wo Joops Vater als Chefredakteur eines Kulturmagazins arbeitete – kurz nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

Mit Entenküken: Ein Kinderfoto von Wolfgang Joop. Quelle: Joop

Zu DDR-Zeiten blieb Tante Ulla auf dem Familiensitz, Joop unterstützte sie stets aus dem Westen emotional und finanziell, nach der Wiedervereinigung zogen die Eltern zurück. Zwischenzeitlich wollten die Sowjets aus dem Grundstück eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft machen. Derweil startete der Designer damals im Westen seine Karriere – und sah nur auf Stippvisiten, die er mit einem Visum machen konnte, was aus dem Idyll seiner Kindheit geworden war.

Sie hatten eine Kindheit als Bauernjunge und einsamer Prinz gleichermaßen – mit dem Kontrast der ländlichen Idylle und des mondänen Prunks nebenan in Sanssouci. Diese Gegensätze scheinen auch auf Ihre Karriere zu passen, oder?

Absolut. Ich habe dem Zeitgeist wirklich beide Hände gereicht – ich kann meine Biografie gar nicht fassen. Sie klingt nach Movie. Ich habe mich so sehr nach Potsdam, nach Bornstedt, gesehnt mein Leben lang – ob ich in Hamburg, Berlin, New York oder Monte Carlo lebte. Auch als ich in Potsdam in der Villa Wunderkind am Heiligen See gewohnt habe, fühlte ich mich stets, als sei ich nur zu Besuch, so fremd. Das war nicht mein Park – das war eben Sanssouci und nicht der Neue Garten. Ich fühlte mein Leben lang, dass mein Zuhause woanders ist und es ein Teil meiner Biografie sein wird, hierher zurückzukehren. Ich wusste auch nicht, dass meine Ankunft hier so funktionierte.

Das Anwesen im Norden von Brandenburgs Landeshauptstadt war Familiensitz – und ist es nun wieder. Tochter Florentine lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern im Geburtshaus des Vaters, Ex-Frau Karin im Haus neben Wolfgang Joop und seinem Lebensgefährten Edwin Lemberg.

Das klingt nach: Endstation Sehnsucht. Wie fühlt sich alt werden an?

Für mich gibt es nur das Älterwerden. Ich musste begreifen: Ich bin in der historischen Abfolge der, der dran ist – ich bin der Älteste, dabei war ich doch immer der Coolste. Das ist nicht leicht. Doch ich habe diese Rolle akzeptiert – und bin dankbar für meine Familie und meine vielen Projekte, die noch vor mir stehen. Wenn ich gesund bleibe, sind es meine besten Jahre. Schauen Sie sich nur um – hier muss man sich wohlfühlen. Ich zeig’ es Ihnen.

Die Bornstedter Kirche aus dem Jahre 1854, nach Ideen von König Friedrich Wilhelm IV. gebaut, ist nur knapp 50 Meter entfernt. Joop schlendert in Gummilatschen (“Die Schuhe habe ich für nur 3 Euro auf dem Potsdamer Markt gekauft!“) vorbei an der Kirche in Richtung Friedhof. Für das spätere Fotoshooting wird Joop etwas anderes tragen – und sich mehrmals umziehen. Am Eingang zur Kirche bleibt er stehen.

Einst ein Hof zur Selbstversorgung: Das Geburtshaus von Wolfgang Joop im Potsdamer Stadtteil Bornstedt Anfang des 20. Jahrhunderts. Quelle: Joop

Glauben Sie an Gott?

Ich bin nicht gläubig, ich bin spirituell und kann mit Mystik etwas anfangen. Kirchen wiederum finde ich beengend – wenn Gott irgendwo nicht ist, dann in solch einem Gebäude. Liebe kann man nicht sehen, und ich weiß dennoch, dass sie da ist. Dieser Friedhof war stets mein Playground. Hier habe ich gespielt, mich versteckt, Nischen gesucht und nach Regenwürmern gegraben. Wollen wir rüber ins Atelier?

Gern. Was entsteht da gerade?

Ich arbeite an einer Kollektion, die für japanische Kunden bestimmt ist – und für meine neue Website, die bald geschaltet wird. Das ist meine Kunst – und ich sehe Fashion als Provokation. In diese neue “geheime“ Kollektion fließt alles ein: Das sind meine Zeichnungen, aber auch alte Jeansstoffe, die ich zu echten Kunstwerken verarbeitet habe, oder ein Bauzaun, den ich fotografiert habe und der nun als Print auf einem Kleid prangt. Ich will nicht wieder zurück in den Fashion-Rhythmus. Ich habe es nicht mehr nötig, mich in diesem Zirkus zu vergeuden.

Dem “Zirkus“ gehörte Wolfgang Joop Jahrzehnte an – neben Karl Lagerfeld und Jil Sander ist er der erfolgreichste deutsche Modedesigner. Er machte seinen Namen mit dem Label “JOOP!“ zu einem Markenzeichen für Mode und Parfüm, 1998 verkaufte er seine Firma, 2001 stieg er ganz aus. Dann das Comeback mit dem Luxus-Label “Wunderkind“ mit Sitz in der Villa Rumpf in Potsdam, später dann in Berlin. Nun hat er sein Label abgegeben. Im vergangenen Jahr kam die junge Marke “Looks“ dazu. Zudem stehen neue Projekte an – “so groß, dass wir noch nicht darüber sprechen können“, sagt Joop.

Das klingt, als schauten Sie verbittert auf die Modeindustrie.

Der Zynismus breitet sich aus in der Modeindustrie. Es ist eine Anti-Kultur entstanden, eine Anti-Mode zum Bling-Bling-Ästhetizismus der Rapper-Szene. Der Romantizismus, der Eklektizismus, für den ich stehe, für den braucht man Zeit – doch die gibt es nicht, wenn mehrmals im Jahr eine neue Kollektion fertig sein muss. Ich fühle mich nicht verpflichtet, dieses schnelllebige System weiter zu bedienen. Aber nach 15 Jahren war “Wunderkind“ auch nicht mehr aufregend genug für mich – ich war Unternehmer und Designer zugleich, das war eine schwierige Doppelrolle.

Können Sie denn still sitzen?

Im März 2017 war es für mich eine kurze Depression – nach meiner letzten aufregenden Show für “Wunderkind“ in Mailand. Für wen mache ich das eigentlich? Was war der Benefit, habe ich mich gefragt. Meine Legende war längst erzählt, ich kann sie nur noch zerstören. Und wen interessiert Mode eigentlich noch?

Gegenüber dem Bornstedter Friedhof liegt das Krongut – das einstige Anwesen der preußischen Königsfamilie und Teil des Sanssouci-Ensembles. Mit seiner Bäckerei, einem Biergarten und einer Brauerei ist es beliebter Ausflugspunkt für Touristen. Im hinteren Teil hat Wolfgang Joop seinen Kreativort, sein Atelier. Auf dem Weg dorthin schlendert er zwischen den Biergartengarnituren entlang, grüßt staunende Touristen und will noch etwas zur TV-Show “Germany’s Next Topmodel“ loswerden, wo er 2014/2015 neben Heidi Klum in der Jury saß.

Hannah Suppa, Chefredakteurin der Märkischen Allgemeinen Zeitung, hat den Modeschöpfer in Potsdam getroffen. Quelle: René Fietzek Photography

Die Sendung hat Sie noch einmal mehr ins Rampenlicht katapultiert – bei einer ganz neuen Zielgruppe, die heute eigentlich ganz andere Vorbilder hat. War das noch mal eine Genugtuung am Ende der Karriere?

Ja, erst seither hält man mich für wirklich sympathisch. Weil ich ein Herz für die jungen Leute habe. Vorher hat man mich in Deutschland vielleicht nie richtig verstanden und fand mich irritierend. Mir wurde viel vorgeworfen: dass ich egozentrisch sei, neurotisch, selbstverliebt, exzentrisch. Da schwingt diese Grundannahme mit, dass die Branche eine einzige Party sei – dabei steckt so viel Arbeit und Disziplin dahinter.

Und dieses TV-Format hat die Joop-Rezeption verändert?

Schon. Dabei war ich einfach nur ich selbst. Aber es ist Heidis Format – und sie hat viel dafür getan, um La Klum zu werden. Ein Mädchen, was nicht eines der Supermodels war, kommt direkt nach der Supermodelzeit in die Branche – und die hatte nicht auf sie gewartet. Sie hat das gedreht. Wow, was für eine Lebensleistung das ist. Sie zeigt allen, dass sie emanzipiert ist – sie bestimmt die Kerle, sie bestimmt die Show.

Die Holzdielen im Wasch- und Backhaus des Kronguts knarzen etwas, als Wolfgang Joop den Gang zum Atelier entlangschreitet. “Halloooo, ich bin kurz da!“, ruft er – und steht schon im Raum. “Gut, du musst noch die Schuhe zum Kleid aussuchen, das Sara morgen zum Event tragen soll“, begrüßt ihn Christoph Becker, sein Atelierleiter, und zeigt auf acht aufgestellte Paare. Doch Joop geht schon weiter und lehnt im Laufen die bunten Fell-Plateauschuhe mit Animal-Prints vehement ab (“Schlicht, es muss schlicht sein!“).

Sara Sperling ist seit Jahren Wolfgang Joops Model und Muse – sie ist meist die erste, die einen Entwurf des Modeschöpfers tragen darf. Hier sieht man die PR-Strategin in einem Modell der aktuellsten Kollektion, die nur für japanische Kunden gedacht ist. Quelle: René Fietzek Photography

Mode ist auch immer ein Spiegel der Zeit. Heute scheint das große Credo “Individualität“ zu sein. Was sagt uns die Mode von heute?

Wir leben nicht mehr in der Zeit der Moden, in der es eine gesellschaftliche Verabredung zu einem gewissen Stil gibt. Für einen individuellen Stil, muss man ja erst einmal analysieren, wer man ist – und das funktioniert heute gar nicht mehr. (Nimmt das Smartphone hoch, fuchtelt damit rum.) Wir alle lernen, nicht mehr richtig in den Spiegel zu gucken. Wir alle wollen ein Selfie machen und es korrigieren: Die Optimierung des Selbst ist der Trend, ja die Angst vor der Dysmorphologie, die Angst, nicht dem Schema zu entsprechen. Mode ist kein Kleidungsstück, sondern ein begrenzter Zeitraum, in dem Kleidung die Zeit illustriert.

Gehört diese Zeit dann eben den digitalen Medien, den Influencern bei Instagram, die die großen Labels und Designer ablösen, weil sie alles in einer Person vereinen?

Durch dieses Ding (hält das Smartphone erneut hoch) ist unsere Welt ganz klein geworden. In der Mode gab es damals ja auch keine Alternative, heute haben uns Zara, H&M, C&A überholt – man braucht die Designer nur noch als Impulsgeber. Je mehr Impulse wir geben können, umso wichtiger sind wir. Dabei muss man als Modemacher auch zerstören können, Zeichen setzen. Wer Mainstream will, muss zu Zalando gehen. Schnell gesehen, schnell getragen, schnell weggeworfen. Drogen sagen übrigens auch viel über eine Zeit aus.

“Moodboards“ an der Wand des zweiten Raumes im Atelier dienen als Kreativsammlung: Magazinausschnitte, Skizzen von Mündern, Augen, Nasen, Slogans, Sprüche (“… turn up the love!“ oder “Just the right amount of wrong“) kleben nebeneinander.

„Ich bin der beste Zeichner aller Designer – ever“, sagt Joop über sich. Und so finden sich auf seinen Kleidern auch seine eigenen Illustrationen wieder, wie diese Affenköpfe auf Seide. Quelle: René Fietzek Photography

Inspirieren lässt sich Joop von vielem – ganz besonders von der Kunst. Altmeister, doch vor allem auch moderne Künstler. Darunter Kehinde Wiley (von dem das Abschiedsporträt von Barack Obama stammt), der für seinen sogenannten “Bling-Bling-Barock“ bekannt ist, sowie Njideka Akunyili Crosby, ein afroamerikanischer Künstler. Was alle Bilder eint, wie Joop findet: Stolz, Schönheit und Selbstbewusstsein. Auf den Tischen im Atelier liegen Buntstifte und Skizzen, etliche Skizzen. “Ich bin der beste Zeichner aller Designer – ever“, sagt er und zeigt auf ein paar der herumliegenden Blätter.

Ich male und zeichne Affen, denen ich menschliche Rollen gebe; sie tauchen auf vielen meiner Stücke der neuen Kollektion auf. Zeichnungen einfach auf Kleidung drucken zu lassen ist schon frech.

Wie blicken Sie auf die Zeit der DDR zurück? Erst waren Sie mit Ihren Eltern in Braunschweig, Niedersachsen. Nach dem Start Ihrer Karriere jetteten Sie durch die internationalen Metropolen.

DDR – das war für mich eine versunkene Welt. Und ich war James Bond. Ich bin zwischen den Welten gewandelt – ich habe früh Potsdam zu einem Begriff gemacht. In Hamburg kannte niemand unsere schöne Stadt hier, noch 2004 hat eine bekannte Designerin, als ich sagte, sie könnte mich hier besuchen, zu mir gesagt: “Was, das ist doch Russland?“

Es ist derzeit viel von Angst und Sorgen die Rede. Viele fürchten sich vor der Zukunft, manche auch vor der Gegenwart, dabei sind die Ängste oft undefiniert und brechen sich an seltsamen Stellen Bahn. Können Sie das nachvollziehen?

Ich empfinde die Klagen und die Verrohung, die wir erleben, als dekadente Larmoyanz – und als Ignoranz. Aus dieser angstvollen Stimmung der Zwanzigerjahre, aus dieser Angst, der Unruhe und dem Chaos entwickelte sich der Faschismus. Und jetzt haben wir auch wieder solche Figuren auf dem öffentlichen Parkett. Auch weil wir gerade nicht wissen, was nach dieser Zeit kommt, übergeben wir das an Populisten: weil sie angeblich Antworten haben. Wie grotesk das ist! Mich erschrecken diese Parallelen. Wir sehen die Zeichen nicht.

Wie meinen Sie das?

Deutschland hat wieder eine Identität – und das durch Frau Merkel. So wie Frau Merkel eben auch aussieht: immer der gleiche Jackenschnitt, ihre stoische Art der Politik. Sie würde ja übel auffallen, wenn sie etwas anderes, Verrücktes wählen würde. Da passen Stil und Amt fantastisch zusammen. Sie ist eine hochkluge Frau, die sich auch einfach mal der Mode enthält – da kann man viel von lernen, und die Kleidung gibt dem auch Ausdruck. Wenn sie wie Michelle Obama im geblümten Kleid käme, würde alles ablenken von dem, was sie erreichen will.

Sie lieben Potsdam, machen seit Jahrzehnten leidenschaftlich Werbung für diesen Ort. Nun hat der Abriss der Fachhochschule in der Mitte der Stadt begonnen – ein Gebäude, dessen Ästhetik umstritten ist. Doch es drückt natürlich auch einen Zeitgeist aus, ob man das im Nachhinein nun positiv bewertet oder nicht. Wie blicken Sie auf diese Diskussion des Verschwindens der Ost-Architektur?

Man kann Geschichte nicht ungeschehen machen. Man müsste vieles abreißen, wenn man so argumentiert. Den deutschen Wunsch, immer alles zu vernichten, was nicht konform ist, finde ich unmöglich. Gerade deswegen bin ich auch für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Steine haben keine Schuld, das ist Unfug. Die Fachhochschule hat mich auch stets gestört, doch es ist eben ein Zeitstück, das aufgehoben gehört und renoviert werden müsste. Es erinnert an die Zeit der Moderne, wo alles andere nicht zählte – eben weil das Alte auch zu schrecklich war, so kurz nach dem Krieg. Meine Generation hat versucht, eine andere Gesellschaft zu erfinden – auch durch Architektur den deutschen Mief zu vertreiben. Doch: Die Fachhochschule steht da in der Stadtmitte so nah an der Nikolaikirche aber tatsächlich unglücklich – der Platz war anders entworfen. Potsdam braucht diese Moderne nicht: Das alte Potsdam war eben stimmig und wunderschön – es hatte damals Glamour. Die neue Mitte mit dem Museum Barberini sieht heute noch aus wie eine Theaterkulisse, das trägt noch keine Patina. Ob das, was da am Alten Markt entsteht, künftig den Charme von Potsdam tragen wird, werden wir sehen.

Es wirkt zuweilen, als sei Wolfgang Joop in seiner eigenen Gedankenwelt – er erzählt Geschichten, Anekdoten, webt Zitate und Allegorien ein. Bei “Germany’s Next Topmodel“ machte ihn auch diese Gedankenverlorenheit und das Sprunghafte zum Publikumsliebling. Manche Sätze beendet er zwar erst zwei Stunden später – doch vergessen tut er nichts. Auch keine Gedichte.

Wolfgang Joop Quelle: René Fietzek Photography

Als 16-Jähriger lernte ich ein Gedicht von Christa Reinig, dieser tollen Schriftstellerin aus der DDR; ich glaube, dass ich mich in ihre Sprache früh verliebte:

„Das, was zu schreiben ist, mit klarer Schrift zu schreiben

Dann Löcher hauchen in gefrorne Fensterscheiben

Dann Bücher und Papiere in ein Schubfach schließen

Dann eine Katze füttern, eine Blume gießen

Und ganz darin vertieft, plötzlich den Sinn erfassen:

Zieh deinen Mantel an, du sollst das Haus verlassen“

Das passt zu Ihrem steten Motiv des Aufbruchs.

Ja, absolut. Ich finde, dass künstlerische Provokation nicht ernst genommen werden kann, wenn sie aus einem Überfluss entsteht – die echte Kunst entsteht aus einem Konflikt. Und das haben die DDR-Künstler mir voraus, das ist sehr bewundernswert. Der wahre Luxus ist das, was du nicht erreichst. Wenn du deinen Sehnsuchtsort erreichst, ist es keine Sehnsucht mehr.

Das hieße aber: Sie haben jetzt, wo Sie an Ihrem “Sehnsuchtsort Bornstedt“ sind, den Zenit ihrer Kreativität erreicht.

Was Sie da sagen, ist sehr wahr. Ich muss hier eine andere Art von Arbeit, Denkweise und Motivation finden. Am Sehnsuchtsort baut man keine Fabrik, im Paradies auch nicht – da findet man seine Unschuld wieder. Jetzt bin ich bereit dafür.

Von Hannah Suppa

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