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09:00 16.10.2017
„Der Stoff ist zu hart“: Eine Besucherin ertastet das Bild der Tänzerin. Quelle: Jacqueline Schulz
Berlin

Reiner Delgado sitzt vor seinem Lieblingsbild, von dem er nicht weiß, wie es aussieht. „Straßenlärm“ heißt es, 1920 gemalt von Otto Möller, Öl auf Leinwand. Die Arbeit zwischen Kubismus, Futurismus und Dadaismus zeigt angedeutete Formen in buntem Chaos. Stilisierte Darstellungen von Straßenbahn, Bäumen, Häusern, Autos und Menschen tummeln sich vor einer Häuserfront. Was genau auf dem Bild zu sehen ist, müssen sich Betrachter selbst erschließen. Auch Delgado tut das, allerdings nicht aufgrund des Gemäldes, sondern aufgrund seines Tastsinns: Die Berlinische Galerie hat „Straßenlärm“ in ein Tastrelief übersetzt. Delgado erfühlt die dreidimensionale Kopie, eingelassen in einer Bank vor dem Original, zunächst grobflächig ab, orientiert sich, dann widmet er sich den Details: Einem umgedrehten Z, einem aufrechten, massiven A. Andeutungen von Sprache ohne Anfang und Ende. „Eine lebhafte Vorstellung“, sagt Delgado. „Ich liege im Bett und höre draußen den Lärm. Einiges kann ich raushören, anderes bleibt unerkannt.“

Bitte berühren: Auch jüngere Besucher haben ihren Spaß daran, Bilder zu ertasten. Quelle: Jacqueline SchulzJacqueline Schulz

Bis Delgado Möllers „Straßenlärm“ richtig ertasten konnte, vergingen Jahre. 2015 sprach er das Museum an. Er ist Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands. Zusammen wollte er die Ausstellung „Kunst in Berlin 1880–1980“ auch für sehbehinderte erschließen. In über 30 Monaten sind dann sieben Bilder in Tastformen übersetzt worden, die übrigen beschreibt eine Smartphone-App minutiös zum Anhören. Dank Sensoren in der Decke erkennt sie automatisch, wann welche Beschreibung abgespielt werden muss. Dorthin führt Blinde ein Leitsystem auf dem Boden der Ausstellung.

Die Länge der Vorbereitung verrät auch, wie schwer es ist, Gemälde für Blinde zu übersetzen. „Denn jede Formgebung ist Interpretation“, sagt Delgado. Das Werk „Straßenlärm“ beispielsweise zeigt rote Kreise, die genauso gut Kugeln sein könnten. Und sind die grünen, gemischt-grünen Kreise vielleicht Bäume? Und wenn ja, sollen dann auch Bäume zu fühlen sein?

Bei einer inklusiven Führung brechen ganze Debatten über die richtige Tastübersetzung aus. Vor allem bei Eugen Spiros „Tänzerin Baladine Klossowski“, dessen Stil sich bereits allmählich vom Realismus abkehrt und zu künstlerischer Gestaltung übergeht. Zu sehen ist eine anmutige, sanfte Tänzerin in einem schwarzen, leichten, samtigen Kleid, nach rechts gebeugt, den Betrachter von unten ansehend. „Der Stoff ist zu hart“, urteilt eine Besucherin über das Tast-Pendent. „Warum hat die Tänzerin keine Beine?“, fragt eine andere. „Weil sie auch auf dem Bild nicht zu sehen sind“, erklärt Kuratorin Michaela Englert. „Aber die Tänzerin ist so sanft, wie kann es dann sein, dass der Oberkörper sich so hart anfühlt?“

Das Bild wird gescannt und mathematisch berechnet

Die Auseinandersetzung findet kein Ende, irgendwann leitet Englert weiter. Dabei hat das Museum alles getan, um dem Geist der Bilder gerecht zu werden. Weiche Elemente sind meist auch weich in der Fühlung – beispielsweise durch Stoffüberzüge oder weiche Holzarten. Uneindeutige Formen werden nicht zerlegt und verständlich gemacht, sondern bleiben auch beim Abtasten ungenau. Eine besonders gelungene Tastversion gelang dem Museum bei Rudolf Schlichters „Sitzender Jenny“. Zu sehen: Eine kühle Schönheit, vielleicht eine Stripperin, oben ohne, sitzend auf einem Stuhl. Ihre Augen sind leer, und doch ist da eine kalte Erotik in einem noch kälteren Raum ohne jede Persönlichkeit. Das Museum trägt dem Rechnung, indem es das Bild scannen und dann eine 3-D-Fräsung mathematisch berechnen ließ. Leblose Farben – leblose Mathematik. Kühler Blick – eine Fräsung in kühlem, hartem Material: Korean, ein Kunststoff, der unter anderem bei der Herstellung von Küchen verwendet wird.

Doch selbst das beste Material, sogar die ausgeklügelste Übersetzung von Gemälde in tastbare Interpretation, muss an der Vermittlung des Gesamten scheitern. Farben und Räumlichkeit sind kaum darstellbar. Der Blick der sitzenden Jenny ist kalt, starrend und verloren. Wie aber soll der Ausdruck der Augen ertastbar werden? Die App kann ihn beschreiben, eine Vorstellung davon vermitteln. Nur wird diese Vorstellung eine andere sein als die des Bildes. Für Menschen, die bereits blind geboren wurden, gilt das ganz besonders. So sagt auch Delgado: „Es ist nicht der Anspruch des Projekts, die Bilder eins zu eins für Blinde zu erschließen.“ Aber sie sollen Kunstwerken einen Spielraum geben, Blinden einen Eindruck oder ein Gefühl vermitteln, das irritiert, Gedankenketten auslöst oder erregt. Das schafft die Berlinische Galerie. Und das besser als viele andere Versuche, Kunst für Blinde zu erschließen.

Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung „Kunst in Berlin 1880 –1980“ in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, ist täglich außer dienstags zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, unter 18-Jährige haben freien Eintritt. Infos unter: berlinischegalerie.de. Nächste inklusive Führung: Sonntag, 15. Oktober, 16 Uhr.

Von Julius Heinrichs/RND

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