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Panorama Fit in Billerbeck: Eine Kleinstadt wird gesund
Nachrichten Panorama Fit in Billerbeck: Eine Kleinstadt wird gesund
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10:00 11.11.2018
Veranstaltungen zu Ernährung, Bewegung und Entspannung, gemeinsames Einkaufen oder Sportworkshops – und viel Motivation: So soll das Projekt „Gemeinsam gesund leben in Billerbeck“ eine Kleinstadt fit machen. Quelle: privat
Billerbeck

Ein Mann sitzt in Shorts und mit nacktem Oberkörper in einem Motorboot. Er trägt eine Goldkette – und darunter einen deutlichen Wohlstandsbauch. Vier Fotos sind nebeneinander aufgereiht, er ist auf dem ersten zu sehen. Die Aufschrift besagt, dass er 57 Jahre alt ist.

Das Bild daneben zeigt einen Mann in Jeans, ebenfalls mit nacktem Oberkörper. Der Mann hat keinen Bauch, aber dafür ordentlich Muskeln. Über dem Foto steht: „64 Jahre“. Es folgen Bilder eines 72- und eines 74-Jährigen, beide durchtrainiert und mit Waschbrettbauch. Und auf einmal wird klar: Auf den Fotos ist immer derselbe Mann zu sehen. Je älter er wird, desto fitter ist er offensichtlich.

Der gut trainierte Mittsiebziger hat allerdings nur wenige Nachahmer: Mediziner, Wissenschaftler und Krankenkassen stöhnen unisono, dass die Menschen immer dicker würden und dass chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck zunähmen. Klar, die Menschen werden immer älter, doch deshalb werden sie nicht automatisch krank. Wie gesund jemand altert, das hängt zu einem großen Teil vom jeweiligen Lebensstil ab – also davon, ob jemand raucht, wie gesund er sich ernährt, wie häufig er sich bewegt und wie viel Stress er hat.

Zahl der Übergewichtigen steigt

Das ist auch den Krankenkassen klar, und deshalb bezuschussen sie Präventionskurse wie „Gesund und entspannt abnehmen“, „Nordic Walking“ oder „Progressive Muskelentspannung“. Dennoch steigt die Zahl der Menschen, die übergewichtig oder von einer Zivilisationskrankheit betroffen sind. Verliert jemand tatsächlich Gewicht, ist der Erfolg meist nicht von langer Dauer.

Die Krux bei der Prävention ist, dass man damit in der Regel nur diejenigen erreicht, die ohnehin schon gesund leben. Selbst in den medizinischen Leitlinien zu Adipositas werden keine Empfehlungen gegeben, wie man dem Dickwerden sinnvoll vorbeugen kann. So herrscht weitgehend Ratlosigkeit – und es wird viel ausprobiert.

Bei den Krankenkassen ist es beispielsweise gerade en vogue, dem Zucker die Hauptschuld am Übergewicht zu geben. Mit Programmen wie „Sherlock Sugar“ von der Techniker Krankenkasse will man schon Kinder dafür sensibilisieren. Auch „Jolinchen Kids“ von der AOK will Kinder zu einem gesunden Lebensstil animieren. Die großen Gesundheitsverbände wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft und die Deutsche Adipositas Gesellschaft haben einen anderen Ansatz: Sie sehen die Politik in der Pflicht.

Heike Englert leitet das Projekt „Gemeinsam gesund leben in Billerbeck“, bei dem es nicht nur ums Kalorienzählen, sondern auch um Selbstverantwortung geht. Quelle: Die Hoffotografen GmbH Berlin

Heike Englert, Professorin für Ernährungsmedizin am Fachbereich Ökotrophologie der Fachhochschule Münster, will nicht warten, bis unsere Politiker aktiv werden. Sie legt lieber selbst los. Ihr ursprüngliches Fachgebiet ist die Epidemiologie, und damit ist sie für das Thema Übergewicht, auch eine Epidemie, bestens gewappnet. Sie war es, die die Fotos vom Goldketten-Mann gezeigt und damit klargemacht hat: Wir können uns verändern, auch im Alter. Den Weg dorthin soll ihr Projekt zeigen: „Gemeinsam gesund leben in Billerbeck“.

Billerbeck, das sind rund 11 500 Einwohner, 25 Kilometer westlich von Münster, viel roter Klinker und ein neogotischer Dom, der mit den zwei je 100 Meter hohen Türmen für die kleine Stadt etwas überdimensioniert wirkt. Im Eiscafé sitzen vereinzelt Gäste. Ansonsten ist die Fußgängerzone verwaist, die Geschäfte schließen über Mittag. Begegnet man sich auf der Straße, wird das Gegenüber aufmerksam betrachtet. Man könnte sich ja kennen. Und wenn man sich nicht kennt, grüßt man sich trotzdem freundlich – oder nickt sich zumindest zu. Das ist Billerbeck.

Billerbeck, das sind rund 11 500 Einwohner, 25 Kilometer westlich von Münster, viel roter Klinker und ein neogotischer Dom. Quelle: Imago

Eine Stadt, die gesünder werden soll. Nicht, weil die Billerbecker weniger gesund sind als die Menschen in München oder Köln, sondern weil sie in einer überschaubaren Gemeinschaft leben. Heike Englert macht klar, dass es ein Unterschied ist, ob man in Berlin oder in Billerbeck 100 Infoplakate aufhängt. In der Großstadt gehen sie unter, in der Kleinstadt stößt man alle paar Meter darauf.

Die Durchschlagskraft ist höher, und es ist einfacher, die Menschen zusammenzubringen, Dinge gemeinsam zu entwickeln. Die Teilnehmer aus dem Vorjahreskurs kümmern sich darum, dass an den gemeinsamen Abenden in der Pause Bananen, Äpfel und Karottensticks bereitstehen, ein pensionierter Arzt bietet Kochkurse an. Die Menschen kümmern sich. „Etwas zu geben, sich für andere einzusetzen, auch das ist ein Gesundheitsfaktor“, sagt Englert.

112 Teilnehmer, 14 Abende

Ansonsten gibt es an 14 Abenden Veranstaltungen zu Ernährung, Bewegung und Entspannung, viel Motivation und Praxis in Form von gemeinsamem Einkaufen oder Workshops wie Bogenschießen oder Tischtennis. Die insgesamt 112 Teilnehmer werden in einem Check am Anfang gewogen, der Blutdruck und verschiedene Werte wie der Cholesterinspiegel bestimmt. Dazu kommt ein persönliches Coachinggespräch.

Der Check wird am Ende des Programms und noch vier weitere Male innerhalb von zwei Jahren wiederholt. Für die Ehemaligen – vergangenes Jahr gab es den Kurs schon einmal – gibt es ein Alumniprogramm. Sie treffen sich einmal im Monat und tauschen zum Beispiel Rezepte aus oder bereiten einen Gesundheitsmarkt vor.

Gesund essen und kochen – das lernen die Teilnehmer des Programms an insgesamt 14 Abenden. Quelle: privat

Einen Professor oder eine Professorin aufs Land zu schicken, das kann schiefgehen. Statt ins Audimax geht es in die Alte Landwirtschaftsschule, statt Vorlesungen vor einem akademisch gebildeten Publikum zu halten, sollen Menschen aus allen Schichten zusammengebracht werden.

Bei Heike Englert klappt das gut. Sie ist im Alter ihrer Zielgruppe, die 54 Jahre sieht man der schlanken, lebhaften Frau aber nicht an. Mit ihren schulterlangen blonden Haaren, in taubenblauer Lederjacke, Jeans und buntem Gürtel läuft sie vor den Stuhlreihen ihrer Zuhörer auf und ab.

Denkt man sich das Mikrofon weg, wirkt das Ganze mehr wie ein Gespräch unter Freunden, Akademikersprech oder Berührungsängste gibt es hier nicht. Als eine Zuhörerin das Thema Thermomix aufbringt, geht die Professorin sofort darauf ein und fragt: „Wer von Ihnen hat eigentlich einen Thermomix?“ Als die ersten Finger hochschnellen, hakt sie nach: „Und, zufrieden?“

Zur Gesundheit gehört auch die soziale Ebene

Die meisten Teilnehmer sind um die 50, 60 Jahre alt. Das ist kein Zufall. Die Ernährungsepidemiologin weiß, dass in dem Alter oft die ersten chronischen Erkrankungen auftreten. Außerdem befänden sich viele in einer Lebensphase, in der sie sich neu orientierten: Die Karriereplanung ist in der Regel abgeschlossen, bei manchen sogar das Berufsleben, die Kinder sind vielleicht aus dem Haus.

Der Kopf ist frei für Neues, und für viele stellt sich die Frage: „Was jetzt?“ Oder, wie Heike Englert es so schön formuliert: „Wie fühle ich mich im Leben eingebettet?“. Und spätestens mit der Frage wird klar: Zur Gesundheit gehört nicht nur der Cholesterinspiegel, sondern auch die soziale und mentale Ebene.

Chance, Leute kennenzulernen

Sehr bewusst ist das Teilnehmern wie Monika Reimer (68). Die freundliche Frau wirkt zufrieden. Von ihrem Hausarzt wusste sie schon, dass ihre Cholesterinwerte etwas zu hoch waren und sie etwas dagegen tun sollte. Sie hat den Kurs im Vorjahr mitgemacht, und ihr Mann und sie essen mittlerweile viel Gemüse wie Brokkoli, Paprika, Zucchini und Blumenkohl und weniger Fleisch. Sie haben auch Tofu für sich entdeckt und geben zum Beispiel angebratenen Räuchertofu auf ihren Salat.

Sie fühlen sich besser mit der neuen Ernährung. Trotzdem ging es Monika Reimer um etwas anderes, als sie sich für den Kurs anmeldete: Sie war erst kurz zuvor nach Billerbeck gezogen und wollte neue Leute kennenlernen. Das hat geklappt. Die Walkinggruppe, die aus dem Kurs heraus entstanden ist, trifft sich regelmäßig einmal pro Woche.

„Was bedeutet Fitness für Sie?“, fragt Heike Englert ihre Zuhörer. „Denken Sie mal darüber nach.“ Und: „Sie können es auch aufschreiben.“ Kurze Pause, niemand greift zum Stift. Die Professorin ergänzt: „Oder Sie erzählen es Ihrem Nachbarn.“ Kaum hat sie den Satz ausgesprochen, schon erhebt sich lautes Stimmengewirr. „Ich sehe, das funktioniert besser“, sagt Englert lachend. Es ist kein Zufall, dass die Teilnehmer alle Namensschilder tragen. Heike Englert sind der Austausch und die gegenseitige Unterstützung der Teilnehmer wichtig.

Der Austausch und die gegenseitige Unterstützung der Teilnehmer sind ebenso wichtig wie gesundes Essen und viel Bewegung. Quelle: privat

Sie erreicht Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen durch ihren Kurs – und doch nicht alle. Da sind zum Beispiel die extrem übergewichtigen Bekannten einer Teilnehmerin, die sich nicht getraut haben, sich anzumelden. Da sind Menschen wie Frau G., die der Gesundheits- und Ernährungspsychologe Professor Christoph Klotter vor einigen Jahren in einem Programm für sozial benachteiligte, stark Übergewichtige betreute.

Frau G., wie er sie nennt, war zu der Zeit berufstätig, musste sich um ihre Kinder kümmern und um ihre pflegebedürftige Mutter. „An Work-Life-Balance war bei ihr gar nicht zu denken“, sagt Klotter. „Sie hatte nur eine Belohnung, und die war das Essen.“ Für den Psychologen ist klar: Ist jemand dauerhaft überfordert, wie es diese Frau gewesen sei, resultierten daraus fast automatisch gesundheitliche Pro­bleme.

Eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft nicht stellt

Diese Menschen zu erreichen, ist eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft nicht stellt. Das Programm, bei dem der Ernährungspsychologe damals mitwirkte, funktionierte, weil dahinter eine Krankenkasse steckte, die einzelne Mitglieder gezielt ansprach. Die Krankenkasse gibt es nicht mehr.

Wenn heute jemand stark übergewichtig ist, wird er von der Gesellschaft als disziplinlos angesehen, als jemand, der unnötige Kosten für das Gesundheitssystem verursacht. „Wir denken nicht nach über die Menschen, die dahinterstehen“, sagt Christoph Klotter.

„Es geht mir darum, Menschen zu zeigen, dass sie nicht ohnmächtig sein müssen, sondern ganz viel selbst dazu beitragen können, ein gutes Leben zu führen“, sagt Heike Englert. Quelle: privat

Auch in der Gruppe von Heike Englert hat jeder seine Vorgeschichte. Als es um die eigenen Einschnitte im Leben geht, erzählen einige davon ganz offen vor der Gruppe. Die jüngere Frau zum Beispiel, die schon verwitwet ist, und die andere, bei der die Trennung, der Tod der Eltern und die eigene Erkrankung zusammenkamen. Sie war ganz unten, hat sich gefragt, was vom Leben noch bleibt. Und dann ging es wieder bergauf, vor einigen Monaten hat sie geheiratet.

Manchmal muss man erst lernen, sich um sich selbst zu kümmern. Psychologe Klotter und Epidemiologin Englert haben das gleiche Ziel: Sie wollen die Menschen befähigen, die Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Ohne erhobenen Zeigefinger, das ist Heike Englert ganz wichtig. Jeder soll für sich den optimalen Lebensstil finden. „Es geht mir darum, Menschen zu zeigen, dass sie nicht ohnmächtig sein müssen, sondern ganz viel selbst dazu beitragen können, ein gutes Leben zu führen.“ Und das gilt nicht nur für die Ernährung.

10 000 Kilometer gelaufen

Als die Professorin vom Abschiedsfest ihres Projektes erzählt, erfährt man erst auf Nachfrage, wie sich die Werte der Teilnehmer verbessert haben, dass es zum Beispiel mehrere geschafft haben, zwölf Kilogramm abzunehmen und den Cholesterinwert von 260 auf 200 oder von 240 auf 180 zu senken.

Englert ist wichtiger, was sie als Gruppe erreicht haben: So haben die Ernährungsprotokolle ergeben, dass sie gemeinsam 50 Prozent weniger Fleisch und 75 Prozent weniger Wurst essen und dass sie zusammen 10 000 Kilometer gelaufen sind, festgehalten per Schrittzähler. Um das Wirgefühl zu stärken, hätten sie noch zusammen gesungen – „Ein Hoch auf uns“ und „Ich war noch niemals in New York“ –, bevor sie motiviert und beseelt nach Hause gegangen seien.

Die Professorin glaubt nicht, dass man mit einem einzelnen Ernährungs- oder Fitnesskurs zum Ziel kommen kann. Ihr geht es – ebenso wie dem Ernährungspsychologen Klotter – um den gesamten Lebensentwurf der Teilnehmer. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz. Denn die eigentlichen Problemzonen, das sind in den seltensten Fällen Bauch oder Po.

Manchmal muss man erst lernen, sich um sich selbst zu kümmern – denn die eigentlichen Problemzonen, das sind in den seltensten Fällen Bauch oder Po. Quelle: privat

„Bei der Prävention bilden wir das Schlusslicht“

Barbara Bitzer ist Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft und Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), einem Zusammenschluss aus 22 medizinischen Fachgesellschaften, Verbänden und Forschungseinrichtungen, der sich für die Prävention von Adipositas und Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden und einigen Krebsarten einsetzt. Quelle: Dirk Michael Deckbar

Wie gesund ist unsere Gesellschaft?

Wenn es um die Therapie von Krankheiten geht, stehen wir in Deutschland gut da. Bei der Prävention bilden wir hingegen eher das Schlusslicht. Etwa drei Viertel aller vorzeitigen Todesfälle hierzulande sind durch den Lebensstil bedingt, das heißt durch ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung und Rauchen.

Inwiefern verursacht unser Lebensstil vorzeitige Todesfälle?

Wir ernähren uns zu zucker-, fett- und salzhaltig, und wir bewegen uns zu wenig. 50 Prozent der Bevölkerung sind bereits übergewichtig, 25 Prozent sogar adipös, also stark übergewichtig. Und es werden immer mehr. Das Problem: Adipositas ist der Treiber für viele Zivilisationserkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, verschiedene Krebsarten, Gelenkerkrankungen und so weiter. Es wird uns auch nicht leicht gemacht: Ungesunde Snacks stehen allerorts zur Verfügung, egal ob wir im Baumarkt sind oder im Möbelgeschäft. Dazu kommt die Werbung, mit der vor allem ungesunde Lebensmittel mit viel Aufwand vermarktet werden, insbesondere auch an Kinder.

Wie können wir verhindern, dass die Gesellschaft immer dicker wird?

Es gibt viele Projekte, die an die Vernunft des Einzelnen appellieren: Du musst dich mehr bewegen! Du musst gesünder essen! Doch das eigene Verhalten dauerhaft zu ändern ist extrem schwierig und gelingt nur den wenigsten. Mit den bisherigen Angeboten erreicht man meist nur diejenigen, die ohnehin gesundheitsbewusst leben. Das sind zu wenige. Und so rollt die Adipositaswelle weiter auf uns zu. Wir verfehlen die Zielgruppe, die am meisten von den Zivilisationserkrankungen betroffen ist, nämlich sozial schwache Menschen. Ein Mann aus einer ärmeren Schicht lebt beispielsweise 10,8 Jahre kürzer als einer aus einer Schicht mit sehr hohem Einkommen. Billige, aber ungesunde Lebensmittel spielen dabei eine große Rolle. Um das zu ändern, müssen wir die Verhältnisse, in denen wir leben, gesünder gestalten.

Was fordern Sie konkret?

Wenn die Kinder in den Kitas und Schulen jeden Tag Sport treiben und eine gesunde Mahlzeit bekommen, bringt das mehr, als nur auf gesünderes Essen und mehr Bewegung zu dringen. Am wichtigsten ist aus unserer Sicht eine Änderung der Mehrwertsteuer. Wir fordern, gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse mit null Prozent zu besteuern, Lebensmittel, die im mittleren Bereich sind, wie Nudeln, Reis und Fleisch, mit 7 Prozent und ungesunde Lebensmittel, die viel Zucker, Fett und eine hohe Energiedichte enthalten, mit 19 Prozent. Sinnvoll wäre auch, Softdrinks mit einer Mehrwertsteuer von 29 Prozent zu belegen.

Gesundheitsexpertin Barbara Bitzer fordert eine Steuerbefreiung für Obst und Gemüse – sowie jeden Tag Sport in Schulen und Kitas. Quelle: privat

Jetzt lässt sich ja niemand gern bevormunden. Die Grünen haben viel Gegenwind bekommen, als sie den Veggieday einführen wollten.

Die gesunde Mehrwertsteuer ist ja mehr eine Empfehlung als eine Vorschrift. Letztlich entscheidet jeder selbst, was er kauft. Damit Käufer sich bewusst entscheiden können, ist eine klare Kennzeichnung der Lebensmittel nötig.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Inzwischen haben rund 20 Länder verschiedene Arten von Steuern auf ungesunde Lebensmittel erhoben. In Ungarn wurde mit sehr großem Erfolg eine Steuer auf Zucker und Salz eingeführt. Rund 40 Prozent der Hersteller haben daraufhin ihre Rezepturen geändert. In Mexiko wurde eine Extrasteuer für hochkalorische Nahrungsmittel und Softdrinks eingeführt. Auch in Finnland und Frankreich gibt es inzwischen eine Softdrinksteuer.

Warum tut sich unsere Regierung so schwer mit Änderungen?

Das Bewusstsein für diese Problematik ist in Deutschland noch nicht genug angekommen. Dabei sind Zivilisationskrankheiten nicht nur mit Leid für die Betroffenen verbunden, sondern auch mit enormen Kosten für die Gesellschaft. Allein für die Folgen von Diabetes gibt die Solidargemeinschaft pro Jahr 35 Milliarden Euro aus. Trotzdem nimmt die Politik das Thema nicht ernst. Es gibt zum dritten Mal einen Gipfel der Vereinten Nationen, auf dem Maßnahmen für Prävention beschlossen werden. Aus anderen Staaten kamen immer Regierungschefs und Gesundheitsminister, Deutschland hingegen war dort bisher nur sehr nachrangig vertreten. Das scheint sich zum Glück zu ändern. Wir begrüßen sehr, dass Lutz Stroppe, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, am diesjährigen Gipfel teilgenommen hat. Ein weiteres Problem ist, dass der gesundheitliche Verbraucherschutz in Deutschland beim Ernährungs- und nicht beim Gesundheitsministerium angesiedelt ist. Das Ernährungsministerium vertritt aber eher Interessen der Lebensmittelindustrie. Wir begrüßen zwar die jetzt vereinbarte Reduktionsstrategie, mit deren Hilfe die hohen Anteile an Fett, Salz und Zucker in Fertiglebensmitteln reduziert werden sollen. Jedoch ist die Frist bis 2025 viel zu lang. Auch unsere Forderung, diese Reduktion für die Industrie verpflichtend festzulegen, wurde nicht gehört. Zudem sehen wir die Reduktionsstrategie nur als ersten kleinen Schritt, dem weitere Maßnahmen folgen müssen.

Also kein Grund für Optimismus?

Es gibt auch gute Nachrichten. Wirklich beachtlich ist die Zunahme der öffentlichen Diskussion, zum Beispiel zur Zuckersteuer oder zur Lebensmittelkennzeichnung. Nicht nur das Ernährungsministerium gerät dadurch zunehmend unter Druck, auch in der Industrie tut sich etwas. Mit Danone haben wir jetzt sogar einen Vorreiter, der als Erster eine sinnvolle Lebensmittelampel umsetzt.

Von Monika Herbst

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