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Panorama „Es wäre gut, wenn Partner länger umeinander kämpfen würden“
Nachrichten Panorama „Es wäre gut, wenn Partner länger umeinander kämpfen würden“
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15:32 22.01.2019
Quelle: dpa/Christian Charisius
Leipzig

Nach seinem Buch „Partnerschaft ist einfach“ von 2014 schreibt Matthias Stiehler nun in seinem neuen Buch „Partnerschaft geht anders“ über die Erfahrungen, die er und seine Frau Sabine in vielen Jahren gemeinsamer Paarberatung gemacht haben. Was passiert, wenn Paare unzufrieden sind oder sich entfremdet haben? Wann kann die Paarberatung helfen? Wann ist eine Trennung unausweichlich? Mit vielen Beispielen beschreibt der Autor sehr plastisch, in welche Konfliktsituationen Paare häufig schlittern, wie Träume im Alltag zerplatzen und was eine Beratung leisten kann.

 

In Sachsen und Thüringen wurde 2017 mehr als jede dritte Ehe geschieden. Auch Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass immer mehr Ehen in der Sackgasse stecken. Im Zusammenhang mit Ihrem Buch „Partnerschaft ist einfach“ von 2014 sprachen Sie noch davon, dass 98 Prozent der Ehen zu retten seien. Wie kommt diese Wandlung?

Von außen her haben wir meist den Eindruck, die beiden passen doch gut zusammen. Aber manchmal ist so viel passiert in der Ehe, haben sich viele nicht ausgeräumte Streitpunkte und Verletzungen angesammelt, ich nenne das Kieselsteine, dass der Haufen einfach zu groß geworden ist. Die Bereitschaft, auseinanderzugehen, ist dann mitunter größer als die, den Kieselhaufen abzutragen.

Gleich zu Beginn des Buches bedanken Sie sich bei Ihrer Frau Sabine für die gemeinsame Arbeit in der Paarberatung seit 2001 und für dreißig gemeinsame Lebensjahre. Wie ist das, wenn man als Ehepaar andere Paare in der Krise berät? Löst man da gleich seine eigenen Probleme oder kommen neue dazu?

Neue Probleme kommen nicht hinzu. Wir können aber als Paar nur dann eine gute Paarberatung machen, wenn wir selbst den Klärungsprozess immer wieder durchführen. Bei uns ist auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Die Probleme der anderen sind uns nicht fremd. Das gute Miteinander ist uns nicht in den Schoß gefallen. Aber wir wissen: Probleme darf man nicht aufschieben, sondern muss man klären.

Wir selbst sind auch als Paar gefordert

Das heißt, Sie häufen selbst als Paar nicht so viele Kieselsteine an?

Genau. Wir sind als Paar selbst gefordert, konsequent unsere eigenen Streitereien zu klären. Schließlich können wir nicht von den anderen Paaren verlangen, an ihrer Partnerschaft zu arbeiten, aber selbst sagen: Wir sitzen das lieber aus.

Achten die anderen genau auf Sie beide, wie sich als Paar verhalten? Steht man da nicht auf dem Präsentierteller?

Ja, das stimmt. Es wird sehr genau beobachtet, wie wir auf die Probleme reagieren. Und wir sind auch nicht immer einer Meinung. Das ist in einer Partnerschaft normal. Sich auseinanderzusetzen und sich trotzdem zu lieben, das ist doch das Gute.

Sie schreiben, eine glückliche Beziehung muss erarbeitet und immer wieder hergestellt werden. Es reicht also nicht, den Traumpartner zu finden und zu hoffen, dass das Glück ewig hält?

Das ist der furchtbare Unsinn, der in Hollywood-Filmen befeuert wird. Nach dem Happy End vor dem Traualtar wird ausgeblendet. Dabei beginnt dann die Arbeit an der Partnerschaft erst richtig. Das kann und muss auch mit Auseinandersetzung und Streit einhergehen. Das zeigt doch auch, dass der andere mir nicht egal ist. Doch letztlich ist entscheidend, ob ich bereit bin, die positiven Seiten des Miteinanders anzuschauen oder ob ich mich vor allem an dem aufhalte, über das ich mich jeden Tag aufregen kann. Also bedeutet Partnerschaft vor allem Arbeit an mir selbst, an meiner Sicht, an meiner Haltung dem anderen gegenüber.

Den Kopf schütteln, worüber sich manche Paare streiten

Also raten Sie Paaren, nicht jeden kleinlichen Streit - er will Fußball gucken und sie einen Liebesfilm - hochzukochen?

Ja, genau, in dem Fall wären zwei Fernseher eine Lösung. Aber auch dann passiert es, dass er Fußball schaut, sich freut und dann mit ihr schlafen will. Sie aber verweigert das, weil er nicht mit ihr den Liebesfilm angesehen hat. Dann ist der Mann gekränkt und sagt: Sie liebt mich nicht.

Was raten Sie in solchen Fällen?

Zur Gelassenheit. Nicht alles auf die Goldwaage zu legen, sich auf das Grundlegende zu besinnen, ob die Frau oder der Mann einem gut tut, ob die Partnerschaft einen in der Seele berührt. Von außen betrachtet, kann man nur den Kopf schütteln, worüber sich manche Paare streiten.

„Der lässt immer seine Socken rumliegen“

Worüber?

„Der lässt immer seine Socken rumliegen.“ „Sie vergisst immer, das Licht auszumachen.“ Das ist endlos, weil jeder irgendwelche Macken hat, über die sich der andere aufregen kann.

Sie warnen davor, in einer Partnerschaft immer mehr Kieselsteine anzusammeln, die das Miteinander beschweren. Wie lässt sich das verhindern?

Es ist wichtig darüber zu sprechen und diese Themen dann auch wieder beiseitezulassen. Wir erleben, dass Paare sich nach Jahren noch irgendwelche Streitigkeiten vorwerfen, die nie ausgeräumt wurden. Das geht oft von den Frauen aus, der Mann kann sich meist schon gar nicht mehr erinnern, dass er sie oder ihre Mutter irgendwann vor vielen Jahren mal beleidigt haben soll. Männer leiden eher im Stillen, sie fressen es in sich rein, gehen nicht in die Auseinandersetzung.

Dem Partner fünf positive Dinge sagen, ehe man ihn einmal kritisiert

Ist ein Hauptgrund für schleichende Entfremdung, dass die Paare nicht miteinander offen über ihre Probleme reden?

Ja, es wird zu wenig über die eigenen Empfindungen gesprochen. Aber es gibt noch einen weiteren Prozess, der zur Entfremdung führt, und zwar, alles für selbstverständlich anzusehen. Etwa, dass der andere für einen das Frühstück macht, die Wäsche wäscht, das Auto putzt und so weiter. Man sieht gar nicht mehr, was man am anderen hat, sondern meckert nur noch über Kleinigkeiten. Daher mein Rat, sich immer wieder in gegenseitiger Freundschaft zu begegnen, sich zu freuen, dass der andere da ist. Man sollte dem anderen erst einmal fünf Dinge sagen, die man toll an ihm findet, die man an ihm liebt, ehe man ihn einmal kritisiert. Wenn wir das in der Paarberatung ansprechen, sagen die Paare häufig, dass sie gar nicht fünf gute Sachen am anderen zusammenbekommen.

Das ewige Verliebtsein ist eine Illusion

Ist das nicht traurig?

Ja. Aber ich denke, die Dinge gibt es schon, aber sie sind selbstverständlich geworden. Am Anfang findet er es noch sensationell, dass sie den Frühstückstisch deckt und lobt sie überschwänglich. Dann ist es Alltag und wird nicht mehr erwähnt. Es sind diese Alltäglichkeiten, die gar nicht mehr als Aufrechterhaltung des Miteinanders wahrgenommen werden. Die Partnerschaft ist doch die intensivste Beziehung, die man lebt. Das sollte immer wieder gewürdigt werden. Sicher gibt es auch Hoffnungen, die sich nie hundertprozentig erfüllen lassen. Aber das muss man akzeptieren. Auch das gehört zu einem guten Miteinander. Die Partnerschaft, in der das anfängliche Verliebtsein ewig bestehen bleibt, ist eine Illusion.

Beim Sex zeigen sich früh die Konflikte

Wann sollte ein Paar zur Beratung kommen?

Am besten, bevor es anfängt zu kriseln oder bei den ersten Anzeichen der Unzufriedenheit. Je eher das Paar sich Hilfe sucht, desto besser die Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen. Übrigens ist Sexualität oft so etwas wie ein Brennglas. Nicht alle Probleme haben mit Sexualität zu tun, aber oft zeigen sich hier besonders früh die Konflikte. Zu uns kam kürzlich ein Paar, das berichtete: „Sex findet fast nicht mehr statt. Es ist einfach so eingeschlafen. Wir sind doch schon vier Jahre zusammen.“ Sie waren Mitte dreißig, fanden das nicht gut, aber haben es dennoch hingenommen. Gekommen sind sie dann, weil sie andere Probleme nicht mehr aushalten konnten.

Wird der Besuch einer Paarberatung nicht als Niederlage empfunden, besonders von den Männern?

Das ist genau das Problem und ein Grund dafür, weshalb ich das Buch geschrieben habe. Eigentlich braucht jedes Paar immer wieder mal eine Beratung. Denn es ist normal, dass man nicht alles hinbekommt und auch mal Hilfe braucht – von jemandem, der von außen drauf schaut. Das ist keine Niederlage. Eine Niederlage ist es, so lange auszuhalten, bis es gar nicht mehr geht. Und im Unterschied zum Anfang unserer Paarberatung vor fast 20 Jahren, ergreifen jetzt mehr Männer die Initiative, zur Beratung zu kommen. Aber in der Mehrzahl sind es noch die Frauen. Neben dem dringenden Wunsch, das Miteinander endlich zu verbessern, ist häufig der Trennungswunsch einer der Partner, aber auch das Fremdgehen Anlass, eine Paarberatung aufzusuchen.

Fremdgehen resultiert fast immer aus Unzufriedenheit

Gibt es beim Fremdgehen Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Ja. Fremdgehen resultiert fast immer aus der Unzufriedenheit mit der Partnerschaft. Aber wenn Männer fremdgehen, wird für sie die Partnerschaft damit aushaltbarer. Sie haben dann oft auch weiterhin Sex mit ihrer Frau. Frauen hingegen bewegen sich mit dem Fremdgehen eher aus der Partnerschaft hinaus. Für sie ist es der erste konkrete Schritt zur Trennung. Daher haben sie dann oft auch keinen Sex in ihrer Partnerschaft mehr. Grundsätzlich aber ist Fremdgehen immer ein letztes Signal, dass es nicht mehr so weitergeht und endlich etwas passieren muss.

Ist die Ehe danach noch zu retten?

Das hängt von den Paaren ab. Für manche ist das ein Weckruf, und sie kommen in die Paarberatung. Die macht allerdings nur Sinn, wenn die Affäre beendet ist. Mit einer Nebenbeziehung hat Paarberatung keine Chance. Wir hatten auch einen Fall, da hat die Frau sich neu verliebt und trennte sich von ihrem Mann. Inzwischen ist sie mit ihrem neuen Partner auch in der Paarberatung. Es läuft nicht besser als mit dem ersten Mann. Das ist ein wichtiges Argument, sich nicht zu schnell zu trennen.

Viele nehmen alte Probleme mit in die neue Partnerschaft

Nehmen viele also ihre Probleme mit in die nächste Partnerschaft?

Das ist oft der Fall. Man nimmt sich ja immer selbst mit. Die Art, wie man Partnerschaften gestaltet, bleibt meistens gleich. Ja, anfangs ist man neu verliebt, der andere hört einem zu, man genießt die Verliebtheit. Danach wird es schwieriger. Nur der Partnerwechsel bringt nichts, wenn man sich nicht auch selbst ändert.

Was sollte man ändern?

Von überzogenen Erwartungen an den anderen ablassen, ihn liebevoll betrachten und die eigenen Probleme in die eigene Verantwortung nehmen.

Das Umeinanderkämpfen gehört dazu

Geben Paare zu schnell auf?

Ja, den Eindruck habe ich. Natürlich ist jeder mal genervt, gar verzweifelt und will nicht mehr. Das Gefühl kennt doch jeder, der in einer Partnerschaft lebt. Aber das Umeinander-Kämpfen gehört auch dazu. Auch ich denke manchmal im Streit noch nach 30 Ehejahren: Das geht nicht mehr. Aber das hält mittlerweile nur fünf Minuten an. Es wäre gut, wenn die Partner länger umeinander kämpfen würden.

Partnerschaft sollte nicht ins Hintertreffen geraten, wenn Kinder geboren werden

Nicht wenige Paare lassen sich nach der Silberhochzeit scheiden, warum merken sie erst dann, dass es nicht passt?

Es hat auch damit zu tun, dass die Kinder aus dem Haus sind und diese als Kitt dann wegfallen. Deshalb rate ich dringend, in einer Familie auch die Zweisamkeit zu pflegen und sich nicht nur auf die Kinder zu konzentrieren. Ich habe oft den Eindruck, dass die Partnerschaft ins Hintertreffen gerät, wenn Kinder geboren werden. Das ist nicht gut, auch nicht für die Kinder, die darauf angewiesen sind, dass Mutter und Vater sich liebevoll verstehen. Meist steht die Frau den Kindern näher als ihrem Partner. Das ist kein gutes Zeichen. Das Paar muss beieinanderstehen.

Patchworkfamilien als besondere Herausforderung

Sie schreiben auch über die besonderen Herausforderungen der Patchworkfamilien. Da sollte nach Ihrer Empfehlung der Partner aber immer das eigene Kind an erste Stelle setzen. Ist der Neue dann nur Partner zweiter Klasse?

Patchworkfamilien sind wirklich eine Herausforderung für alle Beteiligten. Bei Patchworkfamilien ist die Elternteil-Kind-Beziehung aber das dominierende. Zu uns kommt eine Familie, in der hat er drei Kinder, sie hat eins, und eines haben sie gemeinsam. In den Wochen, in denen er laut Wechselmodell seine drei Kinder hat, muss er in eine andere Wohnung, sonst geht es nicht. Das ist keine Partnerschaft zweiter Klasse, aber sie ist anders, geprägt von der Verantwortung gegenüber den eigenen Kindern. Die sind ja aber auch mal erwachsen.

Kinder sind ein großer Schatz, aber auch Belastung

Sind Kinder der Kitt für eine Ehe oder eine Belastung für die Partnerschaft?

Beides. Also ich bin ein Romantiker und kann mir ein Leben ohne Kinder und Enkel gar nicht vorstellen. Sie sind ein großer Schatz, aber grundsätzlich natürlich auch eine Belastung für das Paar. Und ich habe den Eindruck, dass die Paare heutzutage noch weniger mit dieser Belastung klarkommen als früher. Kinder sind aber auch Kitt, weil man sich wunderbar mit ihnen befassen kann und so Probleme der Partnerschaft verdrängt.

Reichen drei Besuche bei Ihrer Beratung – und die Beziehung ist wieder in Butter?

Nein. Höchstens, wenn ein Paar mit einem konkreten Konflikt kommt. An der Partnerschaft zu arbeiten, ist ein lebenslanges Thema. Das wird auch meine Frau und mich mindestens bis zur goldenen Hochzeit beschäftigen. In drei Stunden ist das in der Regel nicht zu schaffen.

Bei tiefen Verletzungen ist die Trennung meist unausweichlich

Wann ist eine Trennung unausweichlich?

Wenn die Gefahr besteht, dass sich beide körperlich angehen, dann raten wir zur schnellen Trennung, ehe noch etwas passiert. Dann gibt es Paare, die aus unserer Sicht gut zusammenpassen, bei denen sich aber ein Partner innerlich schon gelöst hat. Meist sitzen die Verletzungen dann sehr tief. Manchmal kommen Paare zu uns, die uns nur brauchen, um sich trennen zu können.

Was ist Ihr Rezept für eine gute Partnerschaft?

Da sehe ich drei Punkte. Erstens: Dem Partner grundsätzlich wohlwollend begegnen. Zweitens: Ihn als wichtigsten Menschen in Ihrem Leben ansehen. Drittens: Regelmäßig Sex mit ihm haben.

Interview: Anita Kecke

Zur Person

Matthias Stiehler (57), Paarberater in Dresden und Buchautor.  Quelle: privat

Der gebürtige Leipziger Matthias Stiehler (57) hat am Theologischen Seminar in Leipzig Theologie studiert und arbeitet als psychologischer Berater im Gesundheitsamt Dresden, leitet dort das Sachgebiet „Sexuelle Gesundheit“. Stiehler ist seit 30 Jahren verheiratet. Das Paar hat insgesamt drei erwachsene Kinder und drei Enkel. Sabine Stiehler ist Soziologin, psychologische Beraterin und leitet im Studentenwerk Dresden die psychosoziale Beratungsstelle. Gemeinsam mit ihr berät Stiehler in Dresden seit dem Jahr 2001 Paare in Konfliktlagen - innerhalb des Instituts für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft. Zudem beschäftigt er sich mit der Männergesundheit.

Von Matthias Stiehler sind bereits erschienen: „Partnerschaft ist einfach! Ein kleines Buch für ein gutes Leben“ (2014, Verlagshaus Monsenstein Münster), „Väterlos“ (2012, Gütersloher Verlagshaus) und „Der Männerversteher“ (2010, C.H. Beck München).

Von Anita Kecke/LVZ/RND

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