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Neuanfang in der ARD

Gottschalk sucht nach richtigem Ton für die „Todeszone“

Moderator Thomas Gottschalk wagt in der ARD den Neuanfang – und sucht noch nach dem richtigen Ton für die „Todeszone“. Das ist schwierig, wenn ein Freigeist wie Gottschalk in einem festen Korsett von 22 Minuten spontan sein möchte.
Foto: Thomas Gottschalk feierte am Montagabend mit Stargast „Bully“ Premiere.

Thomas Gottschalk feierte am Montagabend mit Stargast „Bully“ Premiere.

© dpa

Hannover. Das wäre eigentlich eine erstklassige Steilvorlage für einen alten Showhasen gewesen: Heidi Klum und Seal trennen sich pünktlich zur Premiere von „Gottschalk live“ – das perfekte Einstandsthema für die noch frische Liebe zwischen Thomas Gottschalk und der ARD. Am Montagabend um 19.20 Uhr ging der 61-Jährige auf Sendung. „Mein Anspruch ist es, das Publikum nicht zu verarschen und selber nicht zu verblöden“, hatte er vorher gesagt. Nach Ausgabe eins muss man feststellen: Die Gefahr ist noch nicht gebannt.

Das ist eben schwierig, wenn ein Freigeist wie Gottschalk in einem festen Korsett von 22 Minuten spontan sein möchte. Dann kann es passieren, dass plötzlich das „Wetter“ kommt und Premierengast Michael „Bully“ Herbig mitten in einem Gag steckenbleibt. Über weite Strecken war „Gottschalk live“ einfach sehr, sehr belanglos. Und zu Heidi und Seal sagte er dann nicht viel mehr, als dass er beide persönlich kenne. „Ich brauche jeden Zuschauer“, meinte er am Ende. Es klang flehend.

Etwas altväterlich trat er auf, versprach nach einem rockigen Vorspann zum Titelsong „Bohemian Like You“ von den Dandy Warhols eine „Wulff-freie halbe Stunde“. „Hier sind Sie sicher. Und es wird auch nicht gekocht.“ Leider wurde auch sonst nicht viel. Witze? Nö. Publikum? Auch nicht. Dafür jubelte und klatschte die hippe Redaktion, als werde sie dafür bezahlt. „Bully” Herbig durfte ausgiebig für seinen neuen Film „Zettl“ werben. Und Leute aus der Rechtsabteilung sollten keine Witze machen.

Für Gottschalk soll es ein Neustart werden. Voll auf Risiko in der „Todeszone Vorabend“. Live. 140-mal 22 Minuten netto im Jahr – quasi die Clubtour nach den großen Stadien. Als würde Bruce Springsteen in einer Kneipe zur Gitarre singen. Er wolle sich „die Dinge des Tages auf der Zunge zergehen lassen“, eine Fernseh-Wellness-Oase liefern, bevor er sein Publikum in die grausame, schmutzige Realität der „Tagesschau“ entlässt. Doch was dann kam, war merkwürdig dünne Suppe. „Gottschalk live“ in der Kurzzusammenfassung geht ungefähr so: „Keine Witze – Werbung – Keine Witze – Werbung – Keine Witze – Wetter.“ Das Studio sah aus, wie Gottschalk sich anzieht: eine Mischung aus Lifestyle-Loft und Kinderzirkus.

Man hat das ja schon fast vergessen: Der Mann war jahrzehntelang der deutsche Entkrampfungsbeauftragte schlechthin. Ein Anarchist der Mattscheibe. Nie war Gottschalk so gut, so spontan, so witzig wie als Warm-upper in irgendeiner Messehalle um 20.05 Uhr kurz vor „Wetten, dass...?“, wenn die Kameras noch nicht liefen. Nun hat er sein tägliches „Warm-up“. Mit dem Unterschied, dass die Kameras eben laufen. Am Dienstag um 19.20 Uhr gibt’s Armin Rohde, Franz Beckenbauer und ein Eisbärbaby. Und auch nach der Premiere ist „Gottschalk live“ noch nicht mehr als ein großes Versprechen.

[Imre Grimm]

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