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Nachrichten Medien So unrealistisch ist der „Tatort“
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18:38 25.06.2017
Der ARD-Sonntagskrimi „Tatort“ wird immer brutaler. Quelle: dpa
Hannover

Sechsundneunzig Verstöße gegen das Gesetz. In nur einem Jahr. Das ist keine Bagatelle mehr, das ist kriminelle Energie. Und es sind nicht irgendwelche Huckeduster, die allein im Jahr 2015 knapp 100-mal gegen Recht und Ordnung verstoßen haben – es sind Deutschlands populärste Ermittler: die „Tatort“-Kommissare der ARD, selbst Ikonen des Rechtsstaats. Sie ignorieren die Strafprozessordnung, sie lügen, manipulieren, tricksen, betreten Wohnungen ohne Durchsuchungsbeschluss, unterdrücken Beweismittel, zerstören Spuren. Polizeiliches Fehlverhalten zieht sich durch den Sonntagskrimi wie eine Schmutzspur. Der Paulus wird zum Saulus.

Dreimal pro Folge brechen „Tatort“-Kommissare das Gesetz. Das haben Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund und der Ruhr-Uni Bochum ermittelt. 72 Prozent dieser Verstöße betreffen die Strafprozessordnung. Wer im echten Leben so ermitteln würde wie im „Tatort“, wird nicht weit kommen. Ein echtes Gericht würde die „Beweise“ in der Luft zerreißen. „Der ,Tatort‘ schafft den Eindruck, die Realität abbilden zu wollen, auch im Hinblick auf die Justiz“, sagt Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der Technischen Universität Dortmund. „Die Darstellung der Polizeipraxis entspricht aber nur teilweise der Realität. Auf dem Weg zur Lösung des Falles sind beim ,Tatort‘ viele Mittel recht.“ Mehr noch: Die Rechtsverstöße trügen im Regelfall nicht mal dazu bei, den Täter zu ermitteln. Und nur in acht Prozent der Fälle hätten Verstöße disziplinarische Folgen für die übereifrigen Polizisten.

Der „Tatort“ lügt

Der „Tatort“ lügt. Und das hat ganz reale Folgen. „Es verändert den Blick der Zuschauer auf die Realitäten“, sagt Gostomzyk. Denn das Bild, das die meisten unbescholtenen Bürger von Polizeialltag und Gerichtswesen haben, ist medial geprägt. Wenn seine Studenten im ersten Semester Richter malen sollten, sagt Gostomzyk, seien die Figuren im Regelfall männlich (obwohl Richterinnen inzwischen in der Überzahl sind), hielten Hämmerchen in der Hand (was im deutschen Justizwesen nicht vorkommt) und trügen Perücken (was Richter von Berufs wegen nicht tun). Kurz: Sie sehen aus wie Fernsehrichter.

Der geliebte ARD-Krimi - der am vergangenen Sonntag mit der Kieler Folge „Borowski und das Fest des Nordens“ in die Sommerpause ging - entfremdet die Deutschen schleichend von den Realitäten der Verbrechensbekämpfung. In den USA trägt dieses Phänomen einen Namen: „CSI-Effekt“. Seit dem Siegeszug der gerichtsmedizinischen TV-Serie „CSI: Den Tätern auf der Spur“ haben US-Geschworene oft absurd hohe Erwartungen an die Forensik. Die juristischen Laien sind verwirrt: Die DNA-Analyse braucht Wochen? Das Gutachten sogar Monate? Im Fernsehen klappt das doch auch sofort! Mehr noch: „CSI“ und seine Ableger haben Fachwissen aus der Gerichtsmedizin popularisiert – und helfen echten Tätern so indirekt, ihre Spuren besser zu verwischen. Resultat: Im Jahr 2000 (vor „CSI“) wurden 46,9 Prozent aller Vergewaltigungen in den USA aufgeklärt. 2005 waren es nur noch 41,3 Prozent.

Krimis gehören mit „rom coms“, also romantischen (Liebes-)Komödien, zu den beliebtesten Genres überhaupt. Vor allem der „Tatort“ dient als Spiegel der deutschen Befindlichkeiten, als Brennglas, in dem sich Ängste und Sehnsüchte einer vom Verbrechen faszinierten Nation bündeln, die sich Sonntag für Sonntag zur Selbstfindung mit dem Serienmörder auf dem Sofa einfindet. Die deutsche Doppelhaushälfte als Zentrum des Verbrechens. Es darf gern wehtun, wenn das Böse plötzlich ins banale Leben einbricht, aber bitte nur ein bisschen. Gut jagt Böse. Gut gewinnt. Böse verliert. Nun kann es wieder Montag werden.

„Die meisten Krimis empfinde ich als Idyllen“

„Das angstfreie Ambiente hilft, die eigenen Ängste zu verdrängen“, schreibt der Psychothriller-Experte Sebastian Fitzek („Amokspiel“). Es sind Heimatfilme für ein Land, das sich wohlig schaudernd den eigenen Abgründen nähert – aber bitte an der Hand erfahrener Fachleute. „Die meisten Krimis empfinde ich gattungsmäßig als Idyllen“, sagte der österreichische Krimiautor Wolf Haas der „Zeit“. „Gerade durch die kriminelle Störung wirkt die Welt eigentlich intakt und abgegrenzt. Die Polizeiarbeit hat so etwas Integres, fast wie die letzte nicht entfremdete Arbeit.“

Es sind nicht nur die „Tatort“-Kommissare, die zunehmend Grenzen überschreiten und mit Konventionen brechen. Das gesamte Krimi- und Thrillergenre sucht derzeit nach immer heftigeren Kicks, buhlt mit immer radikaleren Mitteln um Aufmerksamkeit. Im zeitgenössischen Erzählfernsehen hat sich – jenseits von Horror- und FSK-18-Nischen – ein virtuos inszenierter Gewaltrealismus etabliert, der sich an Vorbildern wie Quentin Tarantino orientiert, freilich ohne dessen ironische Brechung und cartoonhafte Überzeichnung, die detailreiche Bluträusche erst erträglich machen. Nicht wenige der Erfolgsserien des „Golden Age of Television“ sind blutiger, als es vor Jahren gesellschaftlich sanktioniert gewesen wäre. „Es gibt einen eindeutigen Trend zu mehr Drastik in der Darstellung“, sagt auch der Medienforscher Jo Groebel. Nicht nur das Bild von Polizei und Gerichten verändert sich - es ist unser Verhältnis zur Gewalt selbst, das medial geprägt einen fundamentalen Wandel erlebt.

Fröhliches Foltern allerorten: In „Breaking Bad“ brechen die Reste einer sich auflösenden Leiche durch den Fußboden. In „The Walking ­Dead“ bohren sich Schwerter in offene Mundhöhlen. Es wird immer schwieriger für Medienproduzenten, den wohligen Schauer des Unerlaubten zu erzeugen. Die Folge: ein Überbietungswettbewerb, um der „Disaster Fatigue“ zu entgehen, dem Todfeind des Entertainment: Gleichgültigkeit. Führend in Gewaltfragen ist die Erfolgsserie „Game of Thrones“ (GoT), wo auch mal minutenlang Köpfe zerquetscht werden. Die entsetzte Reaktion von Zuschauern auf GoT-Schockmomente ist ein eigenes YouTube-Genre.

Das Lied vom Tod hat Konjunktur

Blut ist der Saft, aus dem die Träume der postmodernen Jugend sind. Eine frische Studie zeigt: 35 Prozent der jungen Zuschauer finden die Darstellung von Gewalt im Fernsehen unterhaltsam, Tendenz steigend – bei der Altersgruppe 55 plus sind es nur 9 Prozent. Das Lied vom Tod hat Konjunktur. Gerade Pubertierende sehen sich gespiegelt in bluttriefenden Vampiren, Zombies und Werwölfen, deren Körper sich – wie ihre eigenen – ständig verwandeln.

Und auch der „Tatort“ zeigt inzwischen ausführlich die blutigen Eingeweide einer toten Drogenkurierin in der Badewanne. Im KZ-Film „Nackt unter Wölfen“ zogen NS-Folterknechte ihre Opfer am Strick hoch und prügeln sie mit Eisenstangen. Um 20.15 Uhr im Ersten. Altersfreigabe: zwölf Jahre. Nach jedem Schüleramoklauf – in Littleton (1999), Erfurt (2002), Emsdetten (2006), Winnenden (2009) – diskutieren Politik und Medien kurzatmig über das Triebpotenzial von „Ballerspielen“ – über fiktive Gewalt als Trainingscamp für reale also.

Dabei hat der mediale Mainstream selbst eine ästhetische Radikalisierung erlebt, die viel subtiler wirkt als jedes Geballer mit dem Egoshooter. Ein Indiz: Die Gewaltkriminalität insgesamt nimmt zu, auch Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte häufen sich: 2015 waren 64 371 Beamte betroffen, 2,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Bundeskriminalamt spricht von einer „unvermindert hohe Bereitschaft in Deutschland zur Gewaltanwendung gegen im Einsatz befindliche Polizeibeamte“. Immer mehr Polizisten würden „angepöbelt, getreten, bespuckt oder geschlagen“, schrieb Oliver Malchow, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), an Bundesjustizminister Heiko Maas. In einer GdP-Dokumentation heißt es: „Vor vielen Jahren schützte die Uniform den Polizeibeamten, denn sie verlieh Autorität. Heute sie ist zunehmend auch zu einem Gefahrenpunkt für die Gesundheit des Uniformträgers geworden. Es gibt zu viele Mitbürger, die den Menschen in Uniform provozieren und ständig herausfinden wollen, wer der Stärkere ist.“ Die Gewerkschaft spricht von einer „Beziehungskrise im Verhältnis von Bürgern und Polizei“.

Plötzlich galt der Extremfall als Normalfall

Was ist die Ursache dieser Krise? Authentizität ist ein Fetisch unserer Zeit. Alle Welt will authentisch sein: Popstars, Politiker, Moderatoren, Waschmittelmarken, Modeschöpfer, Castingkandidaten. Je falscher die Zeiten, desto aggressiver die Echtheitsbehauptungen. Die Frage ist jedoch, ob das gesellschaftliche Streben nach Echtheit die Grenzen dessen, was im Film gezeigt wird, schleichend verschoben hat.

Der US-Evolutionspsychologe Steven Pinker vertritt die These, dass Gewalt im vergleichsweise gewaltlosen Gegenwartsalltag virtuell zelebriert wird, damit – wie Krimiautor Haas sagt – „uns Zivildienstleistenden nicht fad im Schädel wird“. Imitiert das Leben dabei die Kunst oder die Kunst das Leben? US-Soziologen teilen die Ansicht, dass das Fernsehen nach dem 11. September 2001 quasi als kulturelle Flanke in George W. Bushs Antiterrorkrieg Gewalt als probates Mittel von Politik und Geheimdiensten erst hoffähig gemacht hat. Dass Waterboarding als Mittel der nationalen Sicherheit quasi eine direkte Folge von Kiefer Sutherlands brutalen Verhörmethoden als Jack Bauer in der Fox-Thrillerserie „24“ war. Sadismus aus Staatsräson.

Plötzlich galt der Extremfall als Normalfall. Und Folter schien okay, wenn die Uhr tickt und Unschuldige sterben könnten. Es dient schließlich der guten Sache, wenn FBI-Agenten Hände abhacken, Chemikalien injizieren oder ganz altmodisch Knochen brechen. Ganz normale Drecksarbeit. „Ihr wollt Resultate sehen, euch aber nicht die Hände schmutzig machen“, pöbelt Sutherland alias Jack Bauer. „Die Show sorgte dafür, dass Folter normal erschien“, schrieb die „New York Times“. „Folter funktioniert bestens“, sagte auch US-Präsident Donald Trump. Da war er gerade sechs Tage im Amt.

„Was stimmt, ist, dass viel Kaffee getrunken wird“

In der Blutwelle des US-Serienfernsehens spiegelt sich bis heute die Debatte um Waterboarding und die Folter irakischer Gefangener im Gefängnis Abu Ghureib. Wenn es nur noch um den Kick geht, spricht man von „Torture Porn“, Gewalt von geradezu pornografischer Ästhetik, bei der der Täter zum Verführer wird, zur komplexen Figur, bei der Gut und Böse nicht mehr zu trennen sind. Der gebrochene, zerrissene Mensch ist der Held unserer Zeit

Schon in den Siebzigern reflektierte die Traumfabrik die Grausamkeiten, die US-Soldaten in Vietnam erlitten und begingen. Der Unterschied: Damals litt man noch mit den Opfern, heute herrscht eine Ideologie der Erbarmungslosigkeit. Dieser rote Faden zieht sich von den großen Erfolgsserien wie „Fargo“, „Homeland“ und „The Walking Dead“ hin zu den braven deutschen „Tatort“-Ermittlern, die für die vermeintlich gute Sache prügeln, lügen und Gesetze brechen.

Aber immerhin – ein Detail sei korrekt im „Tatort“, lobt jüngst der Frankfurter Polizeipräsident Achim Thiel: „Was stimmt, ist, dass viel Kaffee getrunken wird: Überall röcheln und dampfen die Maschinen.“ Es ist ein Anfang.

Von Imre Grimm

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