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Medien Shakespeare hat Serienreife: „Will“ will Rock You!
Nachrichten Medien Shakespeare hat Serienreife: „Will“ will Rock You!
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14:38 11.07.2017
Ein Rockstar seiner Zeit: Der junge William Shakespeare (Laurie Davidson).  Quelle: Foto: TNT
London

 „Ich kann nicht den Rest meiner Tage damit verbringen, Handschuhe zu machen“, sagt Will Shakespeare, der sich zu Größerem berufen fühlt, in größeren Städten als Stratford-upon-Avon mit seiner ländlichen Verschlafenheit. Die Kunst glimmt in ihm, in seinem Kopf tanzen Figuren. Er verlässt Weib und Kinder und landet in London. Und als er am Nabel der Welt angekommen ist und aus dem Fester auf die Stadt sieht, spielen The Jam, die Wave-Band des britischen Popmusikers Paul Weller, ihr „That’s Entertainment“. Prophetisch – denn einen größeren Entertainer als Will wird’s so bald nicht mehr geben in Britannien.

Das 16. Jahrhundert auf der falschen Seite der Themse

401 Jahre nach seinem Tod erhält der vielleicht größte Dramendichter aller Zeiten eine Fernsehserie. Es ist nicht die erste, schon 1978 war Tim Curry, der Frank N. Furter der „Rocky Horror Picture Show“, Shakespeare gewesen. Aber während die Vorgängerin noch brav das elisabethanische Zeitalter auffaltete, ist „Will“ ein buntschmutziges Fest der Sinne. Das 16. Jahrhundert auf der falschen Seite der Themse fühlt sich lebendig, flutschig, herrlich gefährlich an.

Das Auge wird bestens bedient, das Ohr auch – die Sprache Shakespeares erstrahlt in ihrer ganzen Köstlichkeit. Fern trockener Unterrichtsstunden wirkt sie plötzlich feurig und leidenschaftlich, und dass Jetztzeitfloskeln in die Dialoge eingewoben werden, schadet nicht im Mindesten. Spannend ist die – in weiten Teilen von Shekhar Kapur, dem Regisseur der „Elizabeth“-Filme mit Cate Blanchett inszenierte – Serie überdies. Ob der von dem ziemlich attraktive Wuschelkopf Laurie Davidson gespielte Titelheld nun in einem fremden Bett erwacht (warum an die Lerche zu Hause denken, wenn man eine Londoner Nachtigall haben kann?) oder als Katholik stets um sein Haupt fürchten muss, weil diese Konfession im noch recht frisch anglikanisierten England extrem ungelitten ist. Die Kamera wirft den Zuschauer mitten in all das hinein. Und er kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Shakespeare in einer Parallelwelt

Gewesen sein oder nicht gewesen sein – das ist hier gar nicht mal die Frage. Über den jungen Shakespeare ist quasi nichts bekannt. Und was niemand weiß, macht die Fantasie der Drehbuchdichter seit je besonders heiß. Die Serienmacher von „Will“ arbeiteten natürlich mit historischer Beratung, aber zu jedem beratenden Historiker gibt es einen beleidigten Gegenhistoriker. Und jeder Film, der sich in der Geschichte verankern möchte, ist Erbsenzählern ausgesetzt, die ihm den Anker lichten. Kapur und seine Leute unterlaufen Faktenhuberei mit ihrer Steampunk-Attitüde.

Und bist du nicht Will … so what? Indem die Popmusik unserer Tage erklingt, The Clash „London Calling“ abjodeln und David Bowie mit John Lennon sein „Faaaaame!“ heult, indem die Künstler Stagediving betreiben wie die jungen Rockgötter in den Mehrzweckhallen von heute und indem die Theaterplakate aussehen wie Konzertposter aus der New-Wave-Ära der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, ist dieser „Will“ sowieso nicht in unserem Universum festzunageln. Eine elisabethanische Parallelwelt ist das hier. Sorry!

Jeans statt spanischer Hose

Craig Pearce, der langjährige Autor von Baz Luhrman (der Shakespeares „Romeo + Julia“ in die Gegenwart verlegte), zieht die Parallele zu Punk und Rock bewusst. Das Theater sei für die Massen damals gewesen, was der Rock heute ist. Das Publikum war nicht mucksmäuschenstill, sondern involviert, Teil der Show, und wenn‘s nicht gefiel, wurde so lange gemeutert, bis das Ensemble abbrach und zu einem beliebteren Stück wechselte. Und so drückte die Kostümabteilung dem verblüfften Davidson, der noch an der Dramenschule lernte, als er die Rolle bekam, also eine enge Jeans in die Hand statt der ausgepolsterten spanischen Hose und einer Halskrause.

Und so wird anders, weit furioser als in John Maddens „Shakespeare in Love“ oder in Roland Emmerichs „Anonymus“ erzählt, wie Shakespeare gewesen sein könnte. Wie er auf James Burbage (Colm Meaney) stieß, den Company-Chef, der einen eigenen Theaterbau hat, und dem jungen Poeten die Chance gibt, ein Drama („Zwei Herren aus Verona“) zu schreiben. Wie sein Cousin (Max Bennett) versucht, ihn in eine katholische Revolte zu ziehen. Wie er nur noch Augen hat für Alice, die Tochter seines Chefs (Olivia DeJonge). Wie er mit seinem Konkurrenten ringt, dem unersättlich lebenslustigen Christopher Marlowe (Jamie Campbell Bower), der sich von ihm herausgefordert fühlt. Und wie alle gegen die politischen Kräfte streben, die das Theater für den Humus des Umsturzes halten und die Häuser schließen wollen. In einem großartigen Ensemble ist der charismatische Davidson die Kirsche. Wie man im Showbiz sagt: A star is born!

Dieser Shakespeare rockt sein Publikum

Nicht auszumalen, wenn Davidson sich statt fürs Fernsehen fürs Londoner Theater und für die Tevje-Rolle in „Anatevka“ entschieden hätte. Schlimmer wäre nur gewesen, hätte sich Shakespeare 1589 für Stratford und die Handschuhe entschieden (sein Vater war im Ledergewerbe). Dann gäbe es diese Fernsehserie nicht. Und die verspricht jedem, der es mit ihr wagt: Will will rock you!

Von Matthias Halbig / RND