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Nachrichten Medien Poetry-Slammer Abdollahi bekommt Late Night Show
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11:35 29.03.2018
Sein Name spricht sich etwas anders aus als beim deutschen Namensvetter: Late Night Show mit Michel Abdollahi“. Quelle: Foto: NDR
Nürnberg

Michel Abdollahi braucht kein Gebrüll, er lässt lieber andere für sich brüllen. Michel Abdollahi benötigt auch kein Warm-up mit Lachkommandos, wenn er sein Publikum auf Betriebstemperatur bringt. Im Krawallgewerbe Bühnenhumor schwingt Michel Abdollahi eher feines Florett als groben Säbel, weshalb ihn seine Kollegin Anja Reschke respektvoll „Gentleman-Journalist“ nennt. Kurzum: Der NDR-Conférencier Michel Abdollahi ist die Bestbesetzung eines Formats, das noch immer als Krönungs- und Totenmesse des Fernsehens zugleich gilt.

Für alle, die Michel Abdollahi vorm Debüt seiner Late Night Show nicht kennen: Der Hamburger mit dem persischen Migrationshintergrund ist ein versierter Chirurg nationaler Befindlichkeiten. Ob man seinem Kind beim Schnippeln des importierten Winterapfels auch sagen würde, jetzt käme Obst mit Migrationshintergrund ins Müsli? Solche Seitenhiebe sind denkbar, wenn der Gastgeber unzähliger Poetry-Slams Freitagmitternacht in Harald Schmidts knietief ausgetretene Fußstapfen tritt.

Bei der Aufzeichnung zeigte sich: Er passt da ganz gut rein. Michel Abdollahi ist es schließlich gewohnt, dorthin zu gehen, wo es wehtut. Geboren 1981 am bildungsbürgerlichen Stadtrand von Teheran, transplantierten ihn seine Eltern fünf Jahre später politisch verfolgt in ein Problemviertel unweit der Hamburger City. Ausländer galten dort seinerzeit im besten Fall als Gastarbeiter, im schlechteren als Kanaken.

Aus Michel Abdollahi wird „Der deutsche Michel

Die neue, raue, fremde Umgebung war jedoch auch eine Schule des Lebens, die den kleinen Michel mit französischem Schmuse-Sch zielstrebig zum großen Michel mit teutonischem Ch erzogen hat. Hier lernte er, ohne Lärm laut zu sein, aber auch ohne Scheu ausdrucksstark. Hier wurde er „Der deutsche Michel“. So heißt seine Late-Night-Show, doch der Name ist natürlich ironisch gemeint: Wie Abdollahi in Lackschuhen die einfach dekorierten, aber weltgewandten Bretter eines Liveclubs nahe der Reeperbahn besteigt, wie er sich für den ungewohnt bedächtigen Standup-Teil auf ein breites Sofa voller Plastikfische setzt und das Geschehen vor der Tür Revue passieren lässt, wie sein allererster Herzensgast Wigald Boning mit ihm übers Tagesthema „Wunderwelt der Gene“ plaudert, ohne allzu oft ins Schwafeln zu geraten, wie es dem Gastgeber gelingt, Kante zu zeigen und doch charmant zu bleiben – das hat mit dem Klischee vom ordnungsliebenden Biedermann fast ebenso wenig zu tun wie mit klassischer Late Night.

Umso mehr verleiht die nette Rampensau dem Format Glamour, von dem der gerade gestartete Kollege Klaas Hefer-Umlauf nur träumen kann. Michel Abdollahi will die Krisen da draußen nicht nur durch den Wolf der eigenen Selbstverliebtheit drehen, wie hierzulande üblich; er orientiert sich dabei an den Enkeln pensionierter US-Originale von Letterman bis Leno: Jimmy Kimmel, Stephen Colbert, John Oliver, Jimmy Fallon – humorbegabte, hochseriöse Infotainer, die den zusehends verwaisten Part politischer Berichterstattung mit massentauglichem Spott übernehmen.

Abdollahi hat sich auch einen Mann fürs Grobe geholt. Sebastian 23, langjähriger Wegbegleiter durch die Dichtercontest-Hauptstadt Hamburg, liefert dem deutschen Michel ein paar Säbelgefechte fürs Florettformat. Sein Chef nämlich hört eigentlich lieber anderen zu als sich selbst. „Ich bin eher Gesprächs- als Ausfragejournalist“, beschreibt er sich in einem Nobelrestaurant der benachbarten HafenCity. Es gehe ihm um Gespräche statt Interviews, um Fremdentlarvung durch Selbstoffenbarung. „Mir ist wichtig, wirklich zu verstehen, wie jemand wird, was er ist.“ Nach diesem Prinzip hat er wochenlang im „Nazi-Dorf“ gelebt und dabei preisgekrönte Einblicke ins Seelenleben Rechtsextremer gewonnen. Nach diesem Prinzip stellt er sich schon mal mit „Ich bin Muslim. Was wollen sie wissen?“ auf einem Schild in die Fußgängerzone und wartet. Nach diesem Prinzip könnte er es auch dank seiner entwaffnenden Art gepaart mit telegener Attraktivität noch weit bringen im Fernsehen. Wenn er denn wollte.

Will er aber gar nicht, bislang. In seinem meist nächtlichen Programmbiotop aus „Panorama“, Poetry Slam und Performancekunst fühlt sich der abgebrochene Islamwissenschaft-Student mit dem scharfen Scheitel in Stahlgrau nämlich pudelwohl. Für die ganz große TV-Bühne fehlt ihm zudem wohl der Killerinstinkt.

Von Jan Freitag

Der Journalist Christian Lindner wird am 1. April stellvertretender Chefredakteur der „Bild am Sonntag“. Das teilte das Medienhaus Axel Springer am Freitag mit. Lindner (58) war von 2004 bis 2017 Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“ und von „Rhein-Zeitung.de“ in Koblenz.

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