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Netzwelt Vergessen ist menschlich – Was künstliche Intelligenzen für unsere Beziehungen bedeuten
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10:00 27.01.2019
Werden künstliche Intelligenzen für uns also bald auch die sozialen Kontakte managen? Quelle: Andrey Suslov/iStock
Berlin

Rund 1,8 Milliarden Menschen werden im Jahr 2021 eine künstliche Intelligenz als persönlichen Assistenten einsetzen – das prognostizierte vor Kurzem das Marktforschungsinstitut Tractica. Heute nutzen die meisten Menschen digitale Privatsekretäre wie Siri, Alexa oder Google Assistant vor allem dafür, ihnen etwas zu befehlen: auf eine SMS zu antworten, jemanden während einer Autofahrt anzurufen oder einem guten Freund auf den letzten Drücker ein Buch zum Geburtstag zu bestellen.

Die Entscheidung darüber, wie sich die Interaktion mit anderen Menschen konkret gestaltet, liegt dabei aber beim Nutzer selbst. Noch – denn schon heute können künstliche Intelligenzen einen Teil unserer Korrespondenz autonom bestreiten. Erste Anwendungen dieser Art sind bereits auf dem Markt.

So brauchen Facebook-Nutzer in den USA seit 2015 auf sie automatisiert eingestellte SMS mit Geburtstagserinnerungen nur noch mit einer 1 zu beantworten, und schon erscheint ein „Happy Birthday“ auf der Seite. Nutzer einer Smartphone-App namens Instantgo können sogar eine künstliche Intelligenz trainieren, auf bestimmte SMS automatisch zu antworten. Eigentlich soll die App Dienstleistern beim Service für ihre Kunden helfen, sie kann aber genauso gut auf private SMS angewandt werden.

Künstliche Intelligenz als Benimmtrainer

Das Start-up MEI aus New York geht da sogar einen Schritt weiter: Mit der gleichnamigen App können Nutzer ähnlich wie bei Whatsapp Nachrichten an Freunde oder Kollegen verschicken. Mit einem gravierenden Unterschied: Eine künstliche Intelligenz liest die Nachrichten mit und berechnet, wie angemessen die Wortwahl für den aktuellen Gesprächspartner ist – und schlägt im Zweifelsfall mit einer Art Benimmtrainer Alarm. So will das Unternehmen nach eigener Aussage die Beziehungen zwischen Menschen verbessern.

Werden künstliche Intelligenzen für uns also bald auch die sozialen Kontakte managen? Werden sie auf die Blumen zum Hochzeitstag hinweisen oder uns raten, einem guten Freund eine Aufmerksamkeit zu schicken, weil er im Krankenhaus liegt? Der Nutzer drückt dann nur noch den Bestätigungsknopf. Bequem wäre das zweifellos. Aber was würde das für unsere sozialen Beziehungen bedeuten?

Amazon Echo Spot Quelle: Andrea Warnecke/dpa

Oliver Zöllner, Leiter des Instituts für digitale Ethik der Stuttgarter Hochschule der Medien, hält das für eine Art von Entmenschlichung. „Ich habe über viele Jahre Briefe zum Geburtstag von meinem Stromanbieter bekommen“, sagt er. „Das waren alles erkennbar automatisierte Glückwünsche – viel Kraft für das neue Lebensjahr und Erfolg und so weiter.”

Das sei vielleicht ganz nett gemeint gewesen. Allerdings sei der Stromanbieter der Einzige gewesen, der ihm überhaupt per Post Geburtstagswünsche zukommen hat lassen. Seine Freunde schickten die Wünsche längst elektronisch. „Man weiß einfach sofort, dass man nur als Marketingobjekt angesprochen wird”, sagt Zöllner.

Als die automatisierte Post lediglich auf Marketing und Kundenpflege beschränkt war, konnte der Empfänger den Trick immerhin noch leicht durchschauen. Wenn nun die automatische Kontaktpflege auf Freunde und Familie übergreift, bekommt die Methode eine andere Dimension. Sie unterhöhlt das eigentliche Signal des Blumenstraußes: „Ich denke an dich.“ Wenn alles Soziale automatisiert wird, gehe vor allem eines verloren, sagt Zöllner: die Fehlbarkeit des Menschen.

Automatisierung der Kommunikation als „große Gleichmacherei“

Das eigenständige Erinnern an wichtige Termine sei gerade deshalb von Bedeutung, weil wir uns Mühe geben müssen, besondere Menschen in unserem Leben nicht zu vergessen. Dass künstliche Intelligenzen unsere sozialen Kontakte managen, sei da nur ein weiteres Kapitel im großen Narrativ des Internets, den perfekten Menschen zu schaffen. Zöllner beurteilt die Automatisierung der Kommunikation daher als „große Gleichmacherei“ des Menschen.

Es würde zwar unmöglich, Geburtstage zu vergessen, wenn ein digitaler Butler mit allen Kontakten, die auf einer bestimmten Liste stehen, automatisch korrespondiert. Wer den Butler dann aber nicht rechtzeitig mit dem aktuellen Beziehungsstatus füttert, schleppt schnell Karteileichen mit in die Zukunft. Vielleicht sogar bis in den Tod und darüber hinaus. Das soziale Netz Eter9 etwa kreiert einen virtuellen Avatar des Nutzers, der dessen Persönlichkeit zu Lebzeiten aus Interaktionen kennenlernt.

Im Falle des Todes postet der virtuelle Assistent fleißig weiter

In Abwesenheit und auch im Falle des Todes postet der virtuelle Assistent dann fleißig weiter. Ohne, dass die Familie des Verstorbenen etwas dagegen ausrichten könnte. Denn mit dem Tod eines Nutzers endet auch das Recht eines Nutzers auf Vergessenwerden, wie es die neue Datenschutzgrundverordnung festgelegt hat.

Im Extremfall könnte sich das persönliche soziale Netz also so weit von der Wirklichkeit entfernen, dass die Nutzer nicht einmal mehr mitbekommen, ob der Mensch am anderen Ende der Leitung überhaupt noch lebt. Zöllner vermutet, dies könnte es Menschen letztlich schwerer machen, Beziehungen zu beenden und Abschied von Verstorbenen zu nehmen.

„Jeder muss seinen eigenen Weg finden, den Austausch mit anderen nicht zu verlieren”

Nun aber regt sich erster Widerstand gegen den Verlust der Hoheit über soziale Beziehungen. So war ein Facebook-Nutzer aus Florida namens Colin Brickman von den Geburtstagserinnerungen so genervt, dass er 2016 eine Sammelklage gegen Facebook einreichte. Er argumentiert, dass Facebook die persönlichen Daten wie das Geburtsdatum ohne Einverständnis der Nutzer dazu nutzt, um die Interaktionen mit Facebook und damit die Werbeeinnahmen zu erhöhen. Noch ist das Verfahren nicht entschieden.

„Am Ende muss jeder Mensch seinen eigenen Weg finden, den Austausch mit anderen nicht zu verlieren”, sagt Professor Zöllner. Dazu gehöre in unserer Kultur bislang jedenfalls noch der Glückwunsch zum Geburtstag.

Automatisierte Erinnerungen an sich seien gar nicht das Problem. „Wir sollten es uns aber nicht nehmen lassen, die Grüße selbst zu formulieren und dabei an den anderen zu denken.” Es sei menschlich, einen Geburtstag auch mal zu vergessen, findet Zöllner. Und umso schöner ist es, wenn man im nächsten Jahr wieder dran denkt.

Von Christian Honey

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