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Fernsehen Auftaktdoku zur ZDF-Reihe „Fluchtgesichter“
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12:01 17.06.2018
Manifest der Menschlichkeit: Paul beim Kaffeetrinken mit den Eltern des Filmemachers Jakob Preuss. Quelle: Foto: ZDF
Mainz

Die wachsende Kluft zwischen arm und reich, wollen und haben, Anspruch und Wirklichkeit der westlichen Zivilisation – sie zeigt sich manchmal in luftiger Höhe. Wie verwehte Blätter hängen Dutzende Elendsgestalten auf einem Zaun am Rande Marokkos, während wenige Meter entfernt ein paar Luxustouristen Golf spielen.

Untergang des Abendlandes oder Prüfung humanitärer Werte?

Hier das satte Grün des Überflusses, da das staubige Grau des Mangels: Jakob Preuss hätte keinen imposanteren Auftakt seiner Dokumentation über das wählen können, was für die einen der Untergang des Abendlands ist, für andere die Prüfung all unserer humanitären Werte.

Dafür ist der junge Regisseur in Spaniens Exklave Merilla gereist, wo baumhohe Gatter Flüchtlinge gewaltsam von Europa fernhalten, bevor dessen Küste auch nur in Sicht gerät. Migration, Flucht, Flüchtlinge: so lauten drei der Sammelbegriffe für millionenfach erduldete, politisch missbrauchte Einzelschicksale, die sich langsam zur globalen Erzählung vom Fortbestand dieser Gesellschaftsform verdichten.

Flüchtlinge sind in der öffentlichen Wahrnehmung nur Zahlen

In der öffentlichen Wahrnehmung sind Flüchtlinge schließlich weder Individuen noch leibhaftige Gesichter, sondern meist nur nackte Zahlen. Fast 1,1 Millionen Asylsuchende haben Deutschland 2015 erreicht, bevor der Wert auf 321 361 sank und voriges Jahr mit 186 644 wieder unters Niveau vorm Scheitelpunkt der Fluchtwelle.

Die Menschen hinter den Daten haben daher kaum Namen, höchstens Registrierungsnummern. Auch ein gut gelaunter, reflexiver, lebenskluger Mann aus Kamerun, der heute zum Auftakt einer vierteiligen Reportage-Reihe des ZDF zum Kontinent all seiner Hoffnungen aufbricht, ist zunächst nur ein Geflüchteter unter vielen.

Bis ihn der Berliner Filmemacher Jakob Preuss auf der Suche nach dem Einzelfall im Strom der Statistik fragt, wie er denn heißt. Seine Antwort lautet: Paul Nkamani. „Ob er mich ausgewählt hat oder ich ihn“, das weiß Preuss zu Beginn einer 90-minütigen Fluchtbegleitung selber nicht so recht, aber wie auch immer: „Das ist die Geschichte unserer Begegnung.“

Der Regisseur wird vom Chronisten zum Akteur

Ihr Titel lautet „Als Paul über das Meer kam“. Und schon der Untertitel „Tagebuch einer Begegnung“ deutet an, dass die journalistische Grundregel der strikten Trennung von Berichterstatter und Berichtsgegenstand hier aufgehoben wird. Denn Preuss begleitet Paul nicht nur vom marokkanischen Auffanglager übers spanische Festland in die ostdeutsche Provinz; er wird vom Chronisten zum Akteur und greift so ein, dass der Flüchtling am Ende nicht nur neben dem Reporter im Auto sitzt, sondern bei dessen Eltern am Esstisch.

Nüchtern betrachtet sind die 95 Minuten zurückhaltend orchestrierter, zutiefst bewegender Reportage ein Bruch diverser Berufsprinzipien. Davon abgesehen jedoch bilden sie ein Manifest der Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit, von dem sich umso mehr lernen lässt.

Auf vielen Festivals gefeiert, nähert sich der Film dem Megathema Migration nämlich nicht melodramatisch wie manches Fernsehspiel, aber auch nicht betont distanziert wie im politischen Journalismus üblich. Preuss ist einfach hautnah dabei, wo Flucht und Vertreibung ihren Gang gehen.

Preuss ist immer hautnah dabei

Er filmt Flüchtlinge, die alle Schuld für Afrikas Leid auf Europa schieben, und solche, die Verständnis für dessen Abschottung haben. Er filmt Grenzschützer, denen es angeblich nur um die Sicherheit geht, und solche, die diesem Anspruch Humanität folgen lassen. Er filmt Sozialarbeiter, die Paul jede Hoffnung auf Asyl nehmen, und Betroffene, denen nicht einmal das die Zuversicht verhagelt.

Er ist einfach immer hautnah dabei und öffnet dank seiner Mehrsprachigkeit, der Hingabe, einer seltenen Form reservierter Empathie Türen, Menschen, Herzen. Und davon ist aus Sicht von Redaktionsleiterin Claudia Tronnier die ganze Filmreihe geprägt. Auch deren Spielfilme „Implosion“, „Geschwister“ und „Die Flucht“ zeigen ab kommenden Montag, „was für ein Glück es ist, nicht allein unterwegs zu sein“ auf dem Weg ins Unbekannte. Obwohl dieser Weg selbst in Begleitung qualvoll und hart ist, rufen die vier Beiträge jedoch nicht zur Flucht auf.

Sie suchen – leider nicht zur Hauptsendezeit – nach Verständnis für alle, die ihn gehen. Pauls Gesicht, sein Name, das greifbare Schicksal machen es uns ein bisschen leichter.

Von Jan Freitag / RND

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