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11:59 20.10.2017
Laura (Saskia Rosendahl, links) und Manu (Johanna Ingelfinger) sind mit dem Kleinstadtdealer Tarik (Mehmet Atesçi) in ein Drogengeschäft verstrickt. Quelle: Foto: ARD
Hannover

Wer glaubt, dass Bayern das Bundesland ist, in dem Milch und Honig fließen und dessen Bewohner dementsprechend fröhlich durchs Leben gehen, der wird in der ARD-Miniserie „Das Verschwinden“ eines Besseren belehrt. Und zwar gründlich. Selten wohl wurde die deutsche Provinz, in diesem Fall ein niederbayrischer Ort nahe der tschechischen Grenze, trostloser und trauriger gezeigt.

Im Mittelpunkt stehen die alleinerziehende Mutter Michelle (großartig gespielt von Julia Jentsch) und ihre Tochter Janine (Elisa Schlott). Michelle war erst 16, als sie Janine auf die Welt brachte. Das Verhältnis von Mutter und Tochter ist schwierig. Michelle versucht es mit der Kumpeltour, die stets ein wenig somnambul wirkende Janine blockt ab – sodass eine echte Kommunikation nicht stattfindet. Nach einem Discobesuch mit ihren Freundinnen Manu (Johanna Ingelfinger) und Laura (Saskia Rosendahl) ist Janine plötzlich spurlos verschwunden. Und niemand scheint zu wissen,wo sie sein könnte. Zunächst beginnt nur Michelle mit der verzweifelten Suche nach der jungen Frau, zögerlich dann auch die örtliche Polizei.

Die Suche bleibt zwar lange erfolglos, hat aber Folgen für zahlreiche Menschen aus Janines Umfeld. Konflikte verschärfen sich, Geheimnisse kommen ans Licht, mancher begeht eine Kurzschlussreaktion. Doch Michelle lässt sich davon nicht beirren. Sie möchte wissen, was mit ihrer Tochter geschehen ist, koste es, was es wolle. Damit möchte sie auch eigene Fehler wieder gutmachen.

Es ist die erste Arbeit des Regisseurs fürs Fernsehen

Der Regisseur Hans-Christian Schmid stammt selbst aus dem bayrischen Altötting. Für seine Kinofilme, zum Beispiel „23“, „Lichter“ oder „Requiem“, ist er mehrfach ausgezeichnet worden. „Das Verschwinden“ ist seine erste Arbeit fürs Fernsehen, die Kritiker beim Filmfest München – die die 360 Minuten am Stück sahen – hat er bereits begeistert. Aber auch andere deutsche Serien wie zum Beispiel Dominik Grafs grandioses Gemälde der Berliner Unterwelt „Im Angesicht des Verbrechens“ wurden von der Kritik gefeiert und erzielten dann doch nicht die erhofften Quoten.

„Das Verschwinden“ könnte ein ähnliches Schicksal erleiden. Schmid lässt sich im Vierteiler viel Zeit, die einzelnen Charaktere zu entwickeln, möglicherweise ein wenig zu viel Zeit. Für einen klassischen Thriller ist das Tempo jedenfalls deutlich zu langsam. Dies ist ein Stilmittel Schmids, geht aber leider ab der dritten Folge zulasten der Spannung. Vielleicht wäre es besser gewesen, „Das Verschwinden“ in drei Teilen zu erzählen.

Die Jugend konsumiert Chrystal Meth, die Eltern streiten

Schmid zeigt durchaus eindrucksvoll und realitätsnah eine verlorene Jugend, die keine Zukunftsaussichten hat und sich darum dem Handel mit und dem Missbrauch von Chrystal Meth hingibt. Anders als zum Beispiel beim Kieler „Tatort“ „Borowski und der Himmel über Kiel“ hat die Droge bei Schmid nichts Aufpeitschendes. Die jungen Menschen wirken eher gedämpft und deprimiert.

Und dies ist eine weitere Schwäche von „Das Verschwinden“. Es gibt dort keine Auswege, nirgends Hoffnung. Dass sich die Elterngeneration nur um sich selbst dreht und dabei die eigenen Kinder aus dem Blick verliert, wird nicht variiert sondern an drei Familien in ähnlichen Mustern erzählt. Und so wirkt die Serie dann doch insgesamt wie ein typisch deutscher Problemfilm in extralanger Überlänge.

Nichtsdestoweniger ist „Das Verschwinden“ natürlich besseres und intelligenteres Fernsehen als vieles, das üblicherweise im Öffentlich-Rechtlichen läuft. Es ist eine Art kleine, leise Schwester der viel beworbenen Sky-Serie „Berlin Babylon“. Sehr viel günstiger, aber mit einem ähnlich talentierten Personal. Warum die ARD diese Produktion erst um 21.45 Uhr zeigt?

Antwort: unbekannt. Der Quote wird es nicht helfen.

Das Verschwinden läuft am Sonntag, 22.10., am 29.10., am 30.10. und am 31.10., jeweils um 21.45 Uhr im Ersten.

Von Christiane Eickmann/RND

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