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Fernsehen „Polizeiruf 110“-Kritik: Ein Kommissar, der nicht mehr kann
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20:42 19.08.2018
Neue Nazis, so weit das Auge reicht: Farim Koban (Jasper Engelhardt) wird von Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt, rechts) befragt. Quelle: Foto: ARD
München

Früher wollte Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) die Menschen erziehen, heute möchte er sie nur noch retten. Er ist ein Pädagoge und beruft sich nicht nur auf das Recht, sondern auf den Anstand. Der neue „Polizeiruf 110“ aus München ist Meuffels’ vorletzter Fall. In der Folge „Das Gespenst der Freiheit“ dämmert schon das Ende – man spürt, es bröckelt zwischen Meuffels und den Aktenfressern seines Kommissariats.

Ein Polizist, der seine Fälle mit Menschenkenntnis löst

Meuffels ist ein Künstler, der die dunklen Bilder mag: Seine Fälle löst er meist mit Menschenkenntnis und dem Blick auf Handschrift und die große Bögen des Verbrechens. Spuren sichern und Details entschlüsseln sind nicht seine Sache – wenn er sich dabei die Hände schmutzig macht, raucht er eine Zigarette hinterher.

Eine junge Frau (Ricarda Seifried) kommt ins Büro zu Meuffels, sie erzählt, ein Flüchtling habe sie belästigt, vier Männer seien gekommen und hätten sie gerettet. Den Flüchtling haben sie verprügelt, „aus Notwehr“. Er ist derart zugerichtet, dass er ein paar Tage später stirbt. Meuffels lässt sich ein auf diese Frau, er hört ihr zu, sie fragt ihn, ob man bei ihm rauchen darf.

Und fast wirkt es, als sehe er an ihrer Zigarettenhaltung, dass sie ihn belügt. Er wird ironisch, dann bitter, und irgendwann erkennt er, dass die Frau ihn in den Sumpf führt. Ihre vier Helfer sind Nazis, mit denen „Glupschi“, wie die junge Frau bei ihnen heißt, gut bekannt ist. Meuffels verlässt das Zimmer. Er öffnet ein Paket, packt neue, teure Schuhe aus und zieht sie an. Das ist seine Form der Reinigung.

Der Kommissar mit dem Furor des enttäuschten Vertrauenslehrers

Später wird er fluchen, dass der syrische Flüchtling „keinen Bürgerkrieg überstanden hat, um sich dann von vier Arschgeigen totprügeln zu lassen.“ So sprechen Kommissare nur im Fernsehen, bei Meuffels klingt das trotzdem überzeugend. Weil ihm der Furor des enttäuschten, leicht runtergerockten Vertrauenslehrers im Gesicht steht. Und da er gerade so in Rage ist, ruft er einem Vorgesetzten, der seine Hand über die Nazis hält, ins Telefon: „Heil Hitler!“

Spätestens jetzt ist klar, dass Meuffels begonnen hat, seinen Nachlass zu ordnen. Mit dieser Alles-oder-Nichts-Rhetorik lässt sich nur noch eine letzte Folge dieser fulminant guten Münchner Serie durchhalten. Längst ermittelt Meuffels auf eigene Rechnung.

Die Bilder sind kalt, auch in der Filmmusik findet man keine Wärme. Das tut gut! In den deutschen Hitzesommer steckt die ARD dieses beinhart runtergekühlte Sittenbild, es wird viel geschrien, manchmal springen die Bilder, als hätten sie Gedächtnislücken. Großes Kino, was Regisseur Jan Bonny nach einer Idee von Günter Schütter zeigt. Sein Film muss nichts erklären, sein Sog ist kristallklar.

Ein Halbiraner begibt sich in die Dienste der Nazis

Der Film bewegt sich im Gegenlicht, das ist anstrengend. Es gibt wenig, was in Meuffels’ Alltag deutlich oder ausgeleuchtet wäre. Er lebt zwischen den Zeilen, mitunter sogar zwischen Gut und Böse. Eben diese Zwischenwelt verkörpert Farim Kuban (Jasper Engelhardt). Er ist Halbiraner, dient sich den Nazis an, hilft ihnen, den Flüchtling zu erschlagen.

Kuban ist ein Mann auf der Suche nach Identität, er möchte arischer als jeder Deutsche sein, denn er sucht Anerkennung – das macht ihn zum Opfer seiner Gefallsucht. Er ist empfänglich für falschen Trost und leere Versprechen. Von vielen Seiten nähert sich ihm das Land, in dem er heimisch werden möchte: die Nazis kommen, der Kommissar, der Verfassungsschutz (großartig und verschwitzt gespielt von Joachim Król).

Die Nazis wollen Kuban als dummen August, der die Drecksarbeit verrichtet. Der Kommissar möchte ihn vor den Nazis schützen. Der Verfassungsschutz plant, ihn enger an die Nazis zu binden, um die Szene auszuheben. Eine Kollision der Kulturen.

Man wird den Hauptkommissar von Meuffels schwer vermissen

Matthias Brandt als Kommissar wird fehlen, wenn im Winter die letzte Folge gelaufen ist. Er zeigt die Lust und den Verdruss am deutschen Fernsehen so seelenruhig, dass man am Ende nicht mehr weiß: Spielt er die Hauptfigur, oder ist er nur ein Zaungast, der zufällig ins Fernsehen rutscht und wider Willen im Zentrum steht?

Von Lars Grote / RND

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