Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Fernsehen Königinnen mit Rädern – „Die Affäre Borgward“
Nachrichten Medien Fernsehen Königinnen mit Rädern – „Die Affäre Borgward“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 06.01.2019
Ein Mann so recht fürs Wirtschaftswunder: Thomas Thieme spielt den Automobilfabrikanten Carl F.W. Borgward. Quelle: Foto: Jörg Landsberg/NDR
Bremen

Hier treffen sich zwei, die zueinander passen. Thomas Thieme spielt Carl Borgward. Ein Biopic, in dem Deutschlands zurzeit wuchtigster Schauspieler Deutschlands einst wuchtigsten Unternehmer spielt.

Der Bremer Regen drückt Wasser in den Fußraum der „Arabella“

Thieme steht darin am Rand einer Teststrecke, auf der seine Figur das neue Statussymbol der jungen PS-Nation prüfen lässt. Die Zigarre wiegt schwer in Borgwards massiger Hand, als er den Belastungstest der „Arabella“ beobachtet, seinem Wirtschaftswunderwagen für den kleinen Mann: modern, robust, elegant und billig – wenngleich so billig, dass der Bremer Regen Wasser in den Fußraum drückt. Knöcheltief. „Wir wollen doch nicht petzen“, mahnt der Ingenieur den Prüfbeauftragten da zur Verschwiegenheit. „Bei so was ist der Alte ziemlich streng.“

Wir. Alter. Strenge. Mit diesem Dreiklang wäre das Auferstehen der Republik aus den Ruinen des Dritten Reichs prima beschrieben. Laut Legende waren es ergraute Fabrikanten wie Carl Borgward, die das eben noch nationalsozialistisch ausgerichtete Volk mit uneigennütziger Strenge ins demokratische System überführten. Schon der Anfang des Films zeigt allerdings, dass dabei keineswegs alles reibungslos verlief.

Weil der drittgrößte Pkw-Produzent nach VW und Opel Ende der Fünfzigerjahre im zügig asphaltierten Land nur dem Willen des technisch begnadeten, ökonomisch dilettantischen Selfmade-Millionärs aus dem Hamburger Elendsviertel folgte, beginnt „Die Affäre Borgward“ zwei Jahre nach dem Wassereinbruch.

Borgward scheitert an Arroganz und Naivität

Anfang 1961 nämlich hört Thieme alias Borgward im Radio seines Verkaufsschlagers „Isabella“, dass Bremens größter Arbeitgeber vor der Pleite steht. Im steten Wechsel von Vor- und Rückblenden erzählt Regisseur Marcus O. Rosenmüller fortan nach eigenem Buch mehrheitlich überlieferter Ereignisse, wie es dazu kam: Der fürsorgliche Chef scheitert nicht nur am destruktiven Durcheinander von Arroganz und Naivität, die an den – mehrfach verfilmten – Fall Schlecker erinnert; es ist der rüde Konkurrenzkampf einer rasant wachsenden Branche, die ihn Richtung Untergang treibt.

Und Rosenmüller inszeniert das als nostalgische Mockudramentary. In einer Mischung aus Spielfilm, Archivmaterial und Fake-Doku entledigt sich der fiese kleine Diktaturgewinnler BMW des netten großen Mitbewerbers Borgward und das damals noch bäuerliche Bayern damit nebenbei der Standortkonkurrenz Bremen.

Als Wirtschaftskrimi, der die kapitalistische Erbarmungslosigkeit jener Tage kenntlich macht, funktionieren die 87 Minuten also ganz gut. Nur: wie ein NS-Profiteur mit NSDAP-Ausweis am Ende mit viel Nachkriegspathos reingewaschen wird – das ist selbst für ARD-Verhältnisse etwas unangenehm.

Das Fernsehland liebt seine Wirtschaftswunderhelden

Andererseits: Was liebt das Fernsehland abseits vom Krimi mehr als seine Wirtschaftswunderhelden – die Dasslers und Krupps, Beate Uhse oder Aenne Burda, Axel Springer und Clemens Wilmenrod? Verrauchte Geheimzirkel mit selbstgerechten Alphatieren. Und mit Betafrauen, die nur als bienenkorbfrisierte Sekretärinnen (Franziska Mencz) oder Dienstbotinnen (in Rüschenschürze) vorkommen. Das ist die Atmosphäre, in der deutsche Vergangenheit so gern heil fantasiert wird.

Kein Wunder, dass Kritik an den Wohlstandsgestaltern da nur im Vorübergehen Platz findet. Borgwards Verstrickung in den NS-Staat wird zwar ebenso wie die Tausende von Zwangsarbeitern in seinen Werken vor 1945 angerissen; Richtung Ende überstrahlt Thiemes beispiellose Physis, gepaart mit seiner famosen Fähigkeit, Macht im Kammerton zu verkörpern, aber doch die Ruchlosigkeit bis ins porentief reine Unhappyend hinein.

Und dazu singen dann viel zu saftig die Geigen.

Von Jan Freitag / RND

Im ZDF ist der Sonntagabend Rosamunde Pilcher gewidmet. Die Romanze „Morgens stürmisch, abends Liebe“ im ZDF ist ein überraschend vielschichtiges Drama, das optisch aber ein Film von der Stange bleibt.

06.01.2019

Dan Lucas gewinnt die erste Staffel von „The Voice Senior“. Der 64-Jährige ist schon in der DDR ein Star, nach der Flucht bleibt der große Erfolg aber aus. Doch am Ende spricht keiner über seinen Erfolg.

05.01.2019

Der „Tatort“ aus Köln mit Freddy Schenk und Max Ballauf in der ARD will spannende Action liefern – bleibt aber an billigen Klischees hängen.

05.01.2019