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Fernsehen „Sklavinnen des IS“: ARD-Film beleuchtet ihr grauenvolles Leid
Nachrichten Medien Fernsehen „Sklavinnen des IS“: ARD-Film beleuchtet ihr grauenvolles Leid
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09:16 17.07.2018
Shirin, Jesidin in Lalish, ist vom IS gefangen gehalten und missbraucht worden. Der Film „Sklavinnen des IS - Suche nach Gerechtigkeit“ beleuchtet ihr Schicksal. Quelle: dpa
Berlin

Tausende von Menschen sind im Irak und in Syrien vom sogenannten Islamischen Staat (IS) entführt, verschachert und missbraucht worden, vor allem den Frauen wurde Schreckliches angetan. Im Rahmen der Reihe „Dokumentarfilm im Ersten“ beleuchtet nun der Film mit dem Titel „Sklavinnen des IS – Suche nach Gerechtigkeit“ das Schicksal zweier junger Frauen. Er ist an diesem Mittwoch (22.45 Uhr) im Ersten zu sehen.

Verschleppt, verkauft und über Monate vergewaltigt

„Als ich in der Gewalt des IS war, habe ich mich gefragt, wie ich noch eine Frau sein kann, wenn ich verkauft worden bin“, sagt Shirin (19) und fährt fort: „Ich habe mir die Haare abgeschnitten wegen all der Dinge, die mir angetan wurden. Ich wollte ein Mann sein und sterben wie meine Brüder“. Sie wirkt selbstsicher, doch ihren eigentlichen Namen Dalal verwendet sie bislang nur auf einer Halskette. „Die ganze Welt soll wissen, wer die Jesiden sind und was der IS uns angetan hat“, ergänzt die etwa gleichaltrige Lewiza. Vor allem ihr steht der Schrecken noch in den traurigen Augen; beide waren vom IS verschleppt, verkauft und über Monate vergewaltigt worden.

Das IS-Opfer Shirin. Quelle: SWR/Oxford Films

Shirin erzählt mutig, klar und gefasst ihre bedrückende Geschichte, mit vielen unvorstellbar grausamen Einzelheiten. Sie würde sogar vor Gericht als Zeugin gegen ihre Peiniger aussagen, damit alle die Wahrheit erfahren – vor allem ihr Vater. Woher sie die Kraft hierfür nimmt, weiß sie selbst nicht und zeigt sich ebenso verwundert wie glücklich, dem Horror entkommen zu sein. Ihre kurzzeitige Rückkehr in das irakische Heimatdorf ist sehr bewegend, doch sie will in Deutschland bleiben und hier einmal Anwältin werden.

Lewiza fordert für die Täter die Todesstrafe

Lewiza hingegen bricht öfter in Tränen aus, sie vermeidet das Wort Vergewaltigung und fordert – im Gegensatz zu Shirin – für die Täter die Todesstrafe. Nach ihrer Flucht wurden die beiden in ein Rettungsprogramm für 1000 misshandelte Jesidinnen aufgenommen, das Baden-Württemberg im Jahr 2015 unter Leitung des deutsch-jesidischen Traumatologen Jan Kizilhan ins Leben gerufen hatte.

Der Autor dieser erschütternden und wichtigen Dokumentation (Regie: David Evans) ist Philippe Sands; er wählt eine persönliche Ebene für seinen Film. Sands stellt sich gleich zu Beginn als Schriftsteller und Jurist vor, der sich seit 25 Jahren mit Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschäftigt. Er weist darauf hin, dass die Täter des IS nicht per Kampfdrohnen getötet, sonder vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden sollten.

Die Schilderungen werden kaum jemanden unberührt lassen

Er tut das im Saal 600 des Justizgebäudes in Nürnberg, wo 1945/46 die Prozesse gegen die Kriegsverbrecher des Naziregimes stattgefunden hatten, und zeigt so den Stellenwert des Rechts, insbesondere in einer entrechteten Welt. Sein Film zeigt mehrere Schauplätze, auch Lalisch im Nordirak, dem Heiligtum der Jesiden. Zu sehen sind Bilder aus Flüchtlingscamps, aber auch Propagandavideos des IS, die unter anderem das Feilschen um Frauen zeigen und die Menschenverachtung der Täter zum Ausdruck bringen.

Die drastischen Schilderungen von Shirin und Lewiza werden kaum einen Zuschauer unberührt lassen. Die beiden Frauen gingen einst davon aus, dass ein schönes Leben vor ihnen liegt – jetzt fühlen sie sich entehrt, sind stark traumatisiert und auf Hilfe angewiesen. Ob ihnen fürderhin ein schöneres, ein integriertes Leben möglich sein wird, hängt sicher auch von der Akzeptanz unserer Gesellschaft ab. Aber vor allem die Politik ist gefragt, die Vernichtung der Jesiden endlich als Völkermord (Genozid) zu bezeichnen und ihre weitere Existenz als eigenständige Gemeinschaft anzuerkennen. Nach all dem kaum begreifbaren Leid wäre immerhin das ein Zeichen auf der Suche nach Gerechtigkeit.

Von Klaus Braeuer/RND/dpa