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Fernsehen TV-Kritik: So war der neue Münster-„Tatort“
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21:55 27.05.2018
Mord in der Nachbarschaft: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, 2.v.l.) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) betrachten die tote Patrizia Merkens (Lilia Lehner). Quelle: Foto: ARD
Münster

Wenn Thiel und Boerne jetzt auch Tiere in den Münster-„Tatort“ holen, wirkt das so, als wenn der Sender in der „Sportschau“ nicht nur Fußball zeigt, sondern auch noch Gartentipps und Reisereportagen. Die Kernkompetenz geht verloren. Wenn sie zudem Boerne (Jan Josef Liefers), dem Gerichtsmediziner, eine eigene Kochshow ins Drehbuch schreiben, wird klar, woher der Wind weht: Er kommt herüber aus dem Gaga-Land.

Auch die ARD beherrscht die Kunst der Übertreibung

Ein Land, in dem sich eigentlich RTL oder Sat 1 eingerichtet haben. Doch auch die ARD beherrscht die Übertreibung: Was ist das für ein ungewohnter Wahnsinn, wenn sie den Sonntagabend mit Mord, Cuisine und Kuscheltieren überladen. Und am Ende sogar wissen, wie man die Melange stilsicher würzt.

Was wollen sie in Münster noch erreichen? Das größte Publikum haben sie schon, den borniertesten Boerne, den kalauerndsten Kommissar Thiel (Axel Prahl), auch den kiffendsten Thiel-Vater. In der neuen Folge „Schlangengrube“ kommt der süßeste Pinguin des Zoos dazu. Mehr Ruhm ist im öffentlichen-rechtlichen Fernseher nicht zu erwirtschaften. Auch wenn ein kiffender Vater schwer am „Ironie“-Schild um den Hals zu tragen hat. Dieser Papa ist eine buchstäblich gebückte Figur.

Neuer Münster „Tatort“ – worum ging es?

Die Nachbarin der Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann) ist Opfer eines Mordes – Klemm, das heimliche, wuchtige und gurgelnde Kraftzentrum am Standort Münster, sprach unermüdlich schlecht über die Frau, weil deren Katzen Chaos in ihr Leben brachten. Ist Klemm deshalb verdächtig? Ihre intrigante Kollegin, die Staatsanwältin Ungewitter (Tessa Mittelstaedt), hegt diesen Verdacht, vor allem deshalb, weil sie Klemm, die immer wie ein heiserer Verbrecher klingt, schikanieren will.

Schikane, das ist ein Scharnier, das den Krimi aus Münster zusammenhält. Auch Boerne und Thiel ziehen die Energie, morgens aus dem Bett zu steigen, vor allem aus dem Ehrgeiz, den anderen klein zu halten. Boerne spielt seine akademische Steifheit als Bildung aus, er setzt auch in der neuen Folge auf Wörter wie „saumselig“ und „kesse Lippe“ – Begriffe, die mittelfristig aus dem Duden fliegen, weil sie als verjährt gelten.

Süße Pinguine verkörpern die Unschuld

In der staubigen Bedeutungsschwere eines verflogenen Jahrhunderts fühlt sich Börne wohl. Nein, im Grunde fühlt er gar nichts. Das macht diese Figur so zeitlos – und kurios, weil sie mit einem aufgekratzten Heute konfrontiert wird. Das gibt Lacher, die billig sind, aber befreiend. Denn wer fühlt sich in so einer Gegenwart schon wohl, in der Bayern München sechs Mal nacheinander Meister wird und man darüber nachdenkt, das Lenken eines Autos der Software zu überlassen?

Da schaut man gerne mal auf süße Pinguine, weil sie die Unschuld und den ungelenken Gang durch unsere Zeit verkörpern. Patrizia Merkens (Lilia Lehner), die ermordet wurde, war oft in jenem Zoo, wo die Pinguine leben. Dort verschwinden Tiere. Das ist ein Sakrileg, wenn sich im Krimi nicht nur Menschen aus dem Weg räumen, sondern auch noch Tiere beseitigen. Ein ungewohnt ernster Ton in Münster.

Wer ist der Mörder – Zoodirektor oder Tierarzt?

Merkens hat in ihrem Testament den Zoo als Erben eingesetzt. Hatte der Direktor Interesse daran, sie aus dem Leben zu schaffen? Andererseits wurde sie mit Schlangengift behandelt, denn Merkens war krank. An eben einer Überdosis dieses Schlangengifts ist sie gestorben. War es der Tierarzt? Verdächtige gibt es genug. Zur Konfusion trägt bei, dass keiner weiß, wo das Testament liegt. Ohne greifbares Testament ginge das hinterlassene Geld an Merkens‘ Halbschwester. Auch sie hat also ein Motiv.

Es geht um Wörter wie „Tierkörperbeseitigungsanlage“, die chronische Ironie in Münster stößt hier an Grenzen. Ganz ohne Witze können sie trotzdem nicht. Das ist kein Frevel. Die Frische, mit der dieser Spagat von ernst und heiter glückt, ist nach mehr als 15 Jahren Dienst von Thiel und Boerne fast ein öffentlich-rechtliches Wunder.

Von Lars Grote / RND

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