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13:03 29.01.2019
Keine gedruckten Wörterbücher mehr: Ein digitales Informationssystem soll künftig den deutschen Wortschatz in Geschichte und Gegenwart umfassend und verlässlich beschreiben. Quelle: Jörg Carstensen/dpa
Berlin

Kollegen sind heute oft nicht mehr nur Kollegen, sondern Kolleg*innen. Wähler werden zu Wähler*innen. Während das „Gendersternchen“ manchen ein Dorn im Auge ist, halten andere es für die korrekte Form, Männer und Frauen sprachlich gleichzubehandeln und auch Geschlechter jenseits von Mann und Frau sichtbar zu machen. Sprachwissenschaftler und Germanisten haben das Gendersternchen am Dienstag in Berlin zum „Anglizismus des Jahres“ gekürt.

Es habe sich sprunghaft verbreitetet, begründet die Jury um den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin. Das Sternchen habe zudem eine zentrale Bedeutung in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem schwierigen und heftig umstrittenen Thema der sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter.

Projekt wird zunächst mit elf Millionen Euro gefördert

Obwohl derzeit weit verbreitet, ist die Bezeichnung in großen deutschen Wörterbüchern noch nicht zu finden. Doch das kann sich schnell ändern. „Wenn es häufig genutzt wird, wird das Wort sicher auch bald in unserem Wörterbuch zu finden sein“, sagt der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein.

Der Berliner Professor hat sich für die kommenden Jahre wohl eines der ehrgeizigsten Projekte der Sprachwissenschaft vorgenommen: Mit Kollegen der Wissenschaftsakademien in Berlin, Göttingen, Mainz, Leipzig sowie dem Institut für Deutsche Sprache in Mannheim soll der deutsche Wortschatz im größten digitalen Wörterbuch erfasst werden.

„Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache“ (ZDL) heißt das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zunächst für fünf Jahre mit elf Millionen Euro und je nach Erfolg drei weitere Jahre gefördert wird.

Gedruckte Wörterbücher künftig nur noch für „wackelige Tische“

Schüler, Studenten, Lehrer, Übersetzer, Journalisten, Deutschlerner in aller Welt – sie alle sollen künftig von dem kostenlosen Online-Lexikon profitieren, das auf aktuelle Sprachentwicklungen flexibel reagieren kann, anders als gedruckte Wörterbücher. Die haben laut Klein nur noch einen praktischen Vorteil, der digital nicht auszugleichen sei: „Man kann sie unter einen wackeligen Tisch legen“.

In der Duden-Redaktion sieht man das etwas anders: „Es wird weiterhin Wörterbücher der deutschen Sprache auf Papier geben“, sagt Leiterin Kathrin Kunkel-Razum. Nicht mehr rentabel sei allerdings das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ in Papierform. Die aktuelle Auflage sei 2011 nur noch in digitaler Form erschienen. Gleichzeitig sei auch das Nachschlagen im Onlinewörterbuch die Zukunft. Der Verlag arbeite daher parallel kontinuierlich am Online-Duden.

Mehr als fünf Millionen Wörter werden täglich genutzt

Wie groß der deutsche Wortschatz genau ist, weiß niemand. Sicher ist laut Klein nur, dass derzeit mehr als fünf Millionen verschiedene Wörter tatsächlich genutzt werden. Selbst beim größten deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm gibt es nur eine Schätzung zur Stichwortzahl: 350 000. „Die deutsche Sprache ändert sich fortlaufend, der Wortschatz wächst ständig. Allein im 20. Jahrhundert hat er sich um 30 Prozent vermehrt“, so der Wissenschaftler.

„Es gibt immer mehr Ideen und Dinge, die es früher nicht gab, andererseits werden auch Wörter von vor 100 Jahren kaum noch genutzt wie etwa „Droschken“ und „abzwecken““, erläutert er. Momentan sorgten vor allem Internet und Smartphone für immer neue Begriffe. Und diese seien nicht immer schlecht. „Das Wort „liken“ mag ich sehr. Es ist eine echte Bereicherung“, erläutert Klein. Es beschreibe im Deutschen eine ganz spezielle Handlung und sei sogar präziser als im Englischen, wo es nur „etwas mögen“ bedeute.

Dem jetzt ausgezeichneten Anglizismus „Gendersternchen“ würde Klein nur die Note „6 plus“ verleihen. „Ich finde es hässlich, wenn man deutsche und englische Wörter kombiniert, und die Verwendung des Sternchens verstößt gegen jede grammatikalische Regel. Aber das ist vielleicht mehr eine Frage der Sache als des Wortes“, so Klein.

Texte aus vier Jahrhunderten

Welche Wörter eine Chance haben, ausführlich im Lexikon bearbeitet zu werden, hängt laut Klein auch davon ab, wie weit ihre Verbreitung in verschiedenen Textformen ist. Bei ihrer Suche nutzen die Wissenschaftler digitalisierte Texte aus Literatur, Wissenschaft, Zeitungen oder auch Ratgebern aus vier Jahrhunderten.

„Wir versuchen, schrittweise so viele Wörter wie möglich zu erfassen, die in unseren Daten vorkommen“, erläutert Klein. Alle Wörter zu beschreiben, sei aber wegen ihrer Vielzahl unmöglich, da es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dauern würde. Momentan sind Kleins Mitarbeiter damit beschäftigt, Artikel über Wörter neu zu bearbeiten, deren einstige Verwendung nicht mehr dem heutigen Zeigeist entspricht. „Dazu gehören zum Beispiel „Neger“ oder „Zigeuner“, sagt Lexikograph Sebastian Göttel.

„Wir haben auch lange überlegt, ob wir Texte und Begriffe aus der Zeit des Nationalsozialismus aufnehmen sollen“, so Klein. Das Team habe sich dafür entschieden. „Schließlich gehören diese Begriffe leider auch zum deutschen Wortschatz und man kann sie nicht einfach unter den Teppich kehren.“

Für das neue Lexikon bauen die Wissenschaftler auf dem bestehenden Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache mit 120 000 Stichwörtern auf. Es hat wird laut Klein monatlich etwa vier Millionen Mal aufgerufen. Der Online-Duden hat rund 27 Millionen Nutzerkontakte monatlich. Kunkel-Razum freut sich, dass das Thema Wörterbücher durch das neue Projekt eine breite Aufmerksamkeit bekomme. Allerdings ist sie überzeugt, dass „Duden auch in Zukunft die wichtigste Instanz für Wörterbücher der deutschen Sprache bleiben wird“.

Von RND / dpa

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