Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Medien „Jedes Buch ist ein toter Baum“
Nachrichten Medien „Jedes Buch ist ein toter Baum“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 15.03.2018
Der Literaturkritiker Denis Scheck. Quelle: dpa
Anzeige

Herr Scheck, sind Schriftsteller anders als andere Menschen?

Meiner Erfahrung nach ist der literarische Kosmos genau so bunt und variantenreich wie die nicht schreibende Welt. Schreiben sei eine Verhaltensstörung, hat mir mein Freund W. G. Sebald einmal gesagt. In jedem Fall ist Schreiben eine einsame und anstrengende Angelegenheit, und jeder, der sich schon einmal mit dem furchterregenden Weiß eines leeren Blatts konfrontiert sah, wird sich eines gewissen Respekts vor der schriftstellerischen Tätigkeit nicht enthalten.

Welcher Autor hat Sie denn am nachhaltigsten beeindruckt – und warum?

Das waren lustigerweise drei literarische Übersetzer, die durch ihre segensreiche Arbeit dafür sorgen, dass wir nicht im Mustopf unserer deutschen Nationalliteratur sitzen müssen: Karen Krieger, die deutsche Übersetzerin von Elena Ferrante, hat mich ebenso fasziniert wie der Schweizer Homer-Übersetzer Kurt Steinmann. Und Frank Günther hat nach bald vier Jahrzehnten nun seine Übertragung von Shakespeares sämtlichen Werken fast abgeschlossen. Die Übersetzer sind die leider oft unbesungenen Helden des Literaturbetriebs.

Zur Person

Denis Scheck wurde 1964 in Stuttgart geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Politologie. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer amerikanischer und britischer Autoren sowie Herausgeber und freier Kritiker. Scheck war 20 Jahre lang Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Seit 2003 moderiert der Comicfan „Druckfrisch“ im Ersten, seit 2014 „lesenswert“ (SWR) – dessen 50. Ausgabe am 22. März zu sehen ist – und seit 2016 das Kulturmagazin „Kunscht!“ (SWR). Er ist verheiratet und lebt in Köln.

Und welches war die seltsamste Begegnung?

Arno Geiger hat mich nach einer Muschelvergiftung mal als Literaturkritiker mit grünem Gesicht auf ziemlich wackligen Beinen erleben müssen – das wollen wir lieber nicht vertiefen. Aber Arno Geiger hat das mit Fassung und Humor ertragen.Und als ich einmal bei Ray Bradbury in Los Angeles war, musste ich erkennen, dass leider auch Schriftsteller nicht vor Demenz gefeit sind. Natürlich hat man da als Journalist auch eine Verantwortung dem Gast gegenüber.

Hatten Sie selbst je den Wunsch, Schriftsteller zu werden?

In meiner Jugend habe ich es schon mit eigenem Schreiben versucht. Aber angesichts von 90 000 Neuerscheinungen jedes Jahr wachsen die Skrupel, da nun unbedingt noch einen eigenen Gedichtband oder Roman hinzuzufügen. Schließlich ist jedes Buch ein toter Baum.

Sie moderieren neben „lesenswert“ auch „Druckfrisch“. Welche Sendung ist Ihnen lieber?

Fragen Sie einen Bigamisten nie, welche Frau ihm lieber ist. Im Ernst: Beide Sendungen haben ihre Stärken. In „lesenswert“ bin ich der Gastgeber und freue mich, Autoren ins wunderschöne und geschichtsträchtige Palais Biron nach Baden-Baden einzuladen, um über ihre aktuellen Bücher oder ihre lebensentscheidenden Lektüren zu sprechen. „Druckfrisch“ ist internationaler angelegt, da besuche ich die Autoren sozusagen in ihrem natürlichen Habitat.

In „Druckfrisch“ treten Sie Bücher regelmäßig in die Tonne. Das kann nicht ohne Beschwerden von Autoren und Verlagen bleiben.

In der Regel trösten sich Verlage und Autoren damit, dass diese Bücher auf der Bestsellerliste stehen, und halten sich an den Satz des amerikanischen Schmalz-Pianisten Liberace, der angesprochen, wie er es mit den Verrissen seiner Kritiker halte, einmal so schön sagte: „I cried all the way to the bank.“ Aber glauben Sie mir, angesichts der intellektuellen Zumutungen in diesen Büchern sind meine Kritiken ausgesprochen milde. Wenn ich wählen müsste, einen neuen Fitzek oder Coelho zu lesen oder lieber noch einmal so eine Muschelvergiftung durchzustehen, ich entschiede mich für die verdorbene Muschel.

Was unterscheidet denn überhaupt gute von schlechter Literatur?

Man sollte einem Roman schon zwanzig, dreißig Seiten Zeit geben. Aber manchmal reichen mir auch schon ein paar Absätze, um zu merken, dass ich dieses Buch nicht lesen möchte. Ein gutes Buch verändert meine Sicht auf die Welt. Man verlässt einen großen Text nicht als derselbe Mensch, der ihn aufgeschlagen hat. Franz Kafka, Samuel Beckett oder Arno Schmidt sind zum Beispiel Autoren, die meine Anschauung der Dinge nachhaltig verändert haben. In letzter Zeit sicher auch Martin Walser mit seinem schönen Satz: „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“

Und wenn Sie drei Bücher wählen müssten, die Ihr Leben beeinflusst haben – welche wären das?

Zu meinen Beseeligungstexten – also Bücher, die mich verlässlich trösten, wenn ich mal einen Durchhänger habe – zählen das Gesamtwerk von Shakespeare, Arno Schmidts „Zettels Traum“ und die Enten-Comics von Carl Barks in der deutschen Übersetzung von Dr. Erika Fuchs.

Von Martin Weber

Das neue Fernsehzeitalter erreicht den Adolf-Grimme-Preis: Netflix, die Bezahlsender Sky und TNT, Satire und Qualitätsserien wie „Dark“ und „Babylon Berlin“ zählen zu den Siegern 2018. Ein Mann jedoch hat jetzt erst einmal genug Grimme-Preise.

14.03.2018

Erstmals kommen mehrere Serien aus dem Pay-TV zu Grimme-Preisen, darunter „Babylon Berlin“. Aber auch der von „Circus HalliGalli“ ausgedachte Gosling-Gag bei der Verleihung der Goldenen Kamera ist dabei.

14.03.2018
Medien Pro7-Show mit Klaas Heufer-Umlauf - Darum kann „Late Night Berlin“ ein Erfolg werden

Klaas Heufer-Umlauf will ein in Deutschland brachliegendes TV-Genre beleben: die Late-Night-Show. Pro7 lässt ihm dafür alle Freiheiten. Und nein – der erste Gast ist nicht Joko Winterscheidt. Da sagen wir mal: Gut Kick!

11.03.2018
Anzeige