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Kultur Was Mick Jagger auch mit 75 Jahren zum Frauenhelden macht
Nachrichten Kultur Was Mick Jagger auch mit 75 Jahren zum Frauenhelden macht
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13:39 26.07.2018
Sänger Mick Jagger bei einem Konzert der Rolling Stones Quelle: dpa
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London

Mick Jaggers Leben, das ist der alte Kampf zwischen Feuilleton und Klatschblatt. Präzise in der Schnittmenge liegen die Wurzeln des Rock’n’Rolls, seit Elvis hat sich daran nichts geändert. Auf welcher dieser beiden Seiten lernt man mehr von Jagger, dem Sänger der Rolling Stones? Auf der des Boulevards. Zwar liebt er seine Songs und seine Kunst huldvoller als die Frauen – doch die Frauen haben ihn zu dem gemacht, was wir heute, an seinem 75. Geburtstag, unter überlebensgroßer Männlichkeit verstehen. Kurzum: unter einem Rockstar.

Im Berliner Olympiastadion hat er neulich sieben, acht Minuten in „Gimme Shelter“ gebadet. Irgendwann schlich sich die Backgroundsängerin nach vorne auf den Bühnensteg, eine schwarze, schöne Walküre, und Jagger wackelte in Höhe ihres Unterleibs mit seinen Hüften. Ging es ihm um ihre Stimme oder ihren Körper? Bestimmt um beides. Was will man anderes von einem Mann erwarten, der die Rebellion zum Markenzeichen seiner Band gemacht hat, und finanziell aufs Beste vom „Ich-bin-dagegen“ lebt? Er hat gelernt, dass Konsequenz oder Prinzipien nur ein hinderlicher Luxus sind, er muss sich nicht entscheiden zwischen Pro und Contra. Groß wirst du nur, wenn du sagst: „Ich will alles!“

Mick Jaggers charakteristische Lippen

Diesen kindlichen Ur-Schrei kann man sich nur leisten, wenn man Lippen wie Mick Jagger hat. Was soll er machen mit diesem wollüstigen Mund, außer Singen und Küssen oder Küssen und Singen? Die Reihenfolge ist seine Privatsache.

Merkwürdig, dass ausgerechnet ein Mann die klarsten Sätze über Jaggers Mund gefunden hat. Der Schriftsteller Tom Wolfe schrieb, Jagger „hat zwei wulstige und ungewöhnlich rote Lippen, und die Lippen schürzen sich zu dem trägsten, vertraulichsten, feuchtesten und lippigsten Beischlafgrinsen.“

Eine von Jaggers Frauen war Marianne Faithfull. Sie prophezeite in den 90er-Jahren, gute zwei Jahrzehnte nach der Trennung vom Sänger: „Wenn ich mit jemandem wie mir zusammen gewesen wäre, dann wäre ich womöglich längst tot.“ Doch Jagger überlebte, ließ sich während der WM in Russland sehen, beim Halbfinale zwischen England und Kroatien. England verlor, wie eigentlich immer, wenn Jagger seinem Heimatland zuguckt. Das sind eben die Optionen, die Jagger seinen Weggefährten lässt: Sie scheitern in seiner Gegenwart, oder sie werden unsterblich. Unsterblich wie Keith Richards, der so glamourös an Jaggers Seite kaputtgegangen ist, doch immer noch atmet.

Vitale Altstars

Die Rolling Stones mit Mick Jagger haben ihre Europa-Tournee mit dem Auftritt am 8. Juli 2018 in Warschau abgeschlossen. Vielleicht – und mittlerweile ist das sehr wahrscheinlich – war es die letzte Band-Tour überhaupt, denn es ist fraglich, ob die Stones ein neues Album aufnehmen, das ihnen als Anlass für weitere Tourneen dient.

Altstars sind generell nicht müde, immer wieder vor ihr Publikum zu treten. Einerseits lässt sich in diesen Zeiten vor allem und fast ausschließlich mit Konzerten Geld verdienen, weil Plattenverkäufe und Streamingdienste wenig Gewinn abwerfen. Andererseits ist gerade das solvente Publikum in einem etablierten Alter und möchte die Stars der eigenen Jugend immer wieder sehen.

Im Jahr 2018 spielen oder spielten neben den Rolling Stones in Deutschland auch altgediente Acts wie Roger Waters, Robert Plant, Bob Dylan, Patti Smith, Van Morrison, Tom Jones, Status Quo, Ringo Starr und Guns n’ Roses. Für 2019 hat sich bereits Elton John angekündigt.

Die Frauen in Jaggers Leben wissen, dass sie am Ende so flüchtig wie ein Dreiminutenlied geliebt werden. Und richten sich danach. Carla Bruni schrieb ihm ein Fax, das unglücklicherweise seiner damaligen Gefährtin Jerry Hall in die Hände fiel: „Let’s Spend The Night Together“, hat sie gehaucht und ahnte: Länger wird es nicht dauern. Hall hat Jahre später resümiert, „Mick ist ein wunderbarer Mann, aber ein furchtbarer Ehemann.“

Das wird sich auch Bianca Jagger gedacht haben, die er 1971 in St.-Tropez heiratete. Kurz vor der Trauung hat er ihr einen Ehevertrag abgenötigt, das Paar geriet vor den Augen von Paul McCartney, Ringo Starr und Eric Clapton in den heftigsten Streit. Nach der Scheidung bekam Bianca 500.000 Pfund, nach den Maßstäben der Stones sind das Almosen.

In fast jedem Lied beschwört er Potenz und Sexualität

Noch 1969 hatte Jagger beteuert, „I used to be cocky, but I ain’t anymore.“ Ich war ziemlich triebgesteuert, aber bin’s nicht mehr. Ernst nehmen muss man diese Selbsteinschätzung wirklich nicht. Noch immer ist fast jedes seiner Lieder die Beschwörung von Potenz und Sexualität. Wenn man es mythologisch sagen will: Bis heute lebt er künstlerisch als Eros, dem griechischen Gott der Liebe, der aber schnell hinüber rutscht zum Thanatos, dem Gott des Todes. Das Wissen um diesen Unterschied macht ihn zum Gegenbild von Leuten wie Helene Fischer, die in aller Unschuld singen, die Sünden der Liebe seien mit dem Kater am nächsten Morgen ausgestanden.

Eine Mischung aus Blues-Sänger und britischem Gentleman

Der Künstler Mick Jagger war meist eine Mischung aus schwarzem Blues-Sänger und britischem Gentleman (nur Ende der 60er war er kurzzeitig ein zugedröhnter, psychedelisch aufgekratzter Marsmensch). Der Blues hat ihn gelehrt, dass man keine akademisch geschulte Stimme braucht, um die Gefühle auf den Punkt zu bringen. Die Welt der Gentlemen hat ihm gezeigt, wie wichtig es ist, dabei gut auszusehen. Und gesund zu bleiben. Er wohnt jetzt im Grünen und hat komplett auf biologisch-dynamische Diät umgestellt.

Mick Jagger hat es geschafft, vom Mensch zur Marke zu werden, zu einem „Way of Life“. Er protestiert: „Meine Güte, ich kann das nicht mehr hören. Wenn ich das glauben würde, müsste ich verrückt werden. Ich würde zu einem Cartoon, zu einer lächerlichen Figur, die es nicht mehr bringt.“

Kann jemand mit Sicherheit sagen, wofür Jagger heute steht? Ist er ein Snob oder im Herzen ein Hippie? Sucht er Liebe oder zählt er lieber Geld? Und sogar das ist nicht gewiss: Will er Frauen oder Männer? Marianne Faithfull, die es wissen müsste, glaubt: „Mick hatte vielleicht nie vor, seine homoerotische Sehnsucht nach Keith auszuleben. Es war viel besser, dass seine Wünsche unerfüllt blieben. Denn das war die geheime Antriebskraft der Stones.“

Von Lars Grote

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