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18:05 30.12.2017
Ein warmes Rosa, das immer auch ein bisschen Verfall in sich trägt: “Millenial Pink“ war die Farbe des Jahres 2017. Quelle: Unsplash/mark-eder
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Hannover

Es ist eine kaum bekannte Aufnahme aus dem Jahr 1999: Auf dem Bild des Fotografen Juergen Teller liegt das britische Topmodel Kate Moss bis zum Kinn mit einer Decke bedeckt im Bett. Zu sehen ist nur ihr Kopf. Auf dem Kopfkissen liegen ausgebreitet ihre ungekämmten Haare, eine wilde Mähne, gefärbt in Rosa. Das Bild zeigt einen kräftigen Gegensatz: Kate Moss, die unbändige Ikone der Neunzigerjahre, immer zu haben für eine Zigarette oder einen Skandal, und zartes Rosa – das passt einfach nicht zusammen.

Fast 20 Jahre später hätte Teller das Bild möglicherweise nicht mehr auf dieselbe Art geschossen. Passend wäre es aber schon. Die Zeiten sind ähnlich diffus und irritierend. Und heute hat die Farbe, die Moss’ Haare damals trugen, einen eigenen Namen: Es ist Millennial Pink. Keine andere Nuance hat das Leben im Jahr 2017 so sehr begleitet und geprägt wie dieser Farbton.

Das begann schon im Januar: Pink waren die Pussyhats, also die Mützen, die die Teilnehmer der Women’s Marches im Januar kurz nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump bei ihren Protesten trugen. Pink waren plötzlich die Sofas und Sessel auf den Möbelmessen in Mailand oder die Tweedkostüme von Chanel in Paris oder das Bryce-Jacket von Stella McCartney. Die Kaffeehauskette Starbucks nahm 2017 einen “Pink Drink“ in die Palette ihrer klebrig-süßen Getränke auf. Nicht einmal das Deko-Tier des Jahres durfte wie zuvor die Eule, der Dackel oder der Hirsch ein dunkles Fell tragen: Auf Taschen, Stoffen und Geschirr balancierte stets ein pinkfarbener Flamingo.

Mit Silvana Armchair stellte das Designstudio Ciarmoli Queda ein rundes Sesselchen vor, das es auch im angesagten Rosa gibt. Quelle: CQS Ciarmoli Queda Studio

Aber all das ist schon fast zu eindeutig. Denn die Nutzer in sozialen Netzwerken diskutierten monatelang die Frage, um welche Nuance es sich bei Millennial Pink eigentlich handelte. Nicht alles, was Rosa ist, ist sogleich Millennial Pink, hieß es. So viel vorweg: Einigen konnten sie sich nicht. Immerhin einordnen lässt sich die Farbe als äußerst diffuse, unruhige und fast bedrohliche Mischung aus Rosa, Lachs, Orange und Apricot. Aufgeschnittene Grapefruits können bisweilen diese Farbe haben. Oder aber das Fruchtfleisch einer aromalosen, müden Wassermelone kurz vor Ende des Sommers.

Millennial Pink ist schmutzig, schwer zu fassen und immer auch ein bisschen gelb. Es mag Stärke repräsentieren, aber auch Furcht ausdrücken. Vielleicht ist Millennial Pink auch deshalb in den Augen zahlreicher Farbforscher ein Ausruck für die diffuse Zukunftsangst der um 2000 Geborenen. Die sogenannten Millennials gelten zumindest in der westlichen Welt als Generation, der es möglicherweise einmal weniger gut gehen wird als ihren Eltern. Die alternde Gesellschaft und der Klimawandel sind nur einige Herausforderungen, die die Angehörigen werden stemmen müssen.

Millennial Pink passt somit auch wunderbar in die Stimmung der Zeit. In einem Jahr, in dem alte Bündnisse zerbrechen, Staaten sich teilen und international wieder mit den Säbeln gerasselt wird, ist eine Farbe in den Mittelpunkt gerückt, die diffuser nicht sein könnte.

Ein Post-Rosa für das postfaktische Zeitalter

Mit dem von Initiativen wie “Pinks stinks“ viel kritisierten Rosa-blau-Schema für Mädchen und Jungen hat das neue Pink rein gar nichts zu tun. Vielmehr sehen Farbforscher passend zur Ehe für alle in der Nuance eine geschlechtsneutrale Neudefinition der Farbe. Es ist eine Art Post-Rosa, also eine Farbe, die alle Klischees längst überwunden zu haben scheint, und sie passt damit wunderbar in ein Zeitalter, das als postfaktisch von sich reden macht. Wer dieses schmutzige, aufmüpfige Rosa trägt, gibt zugleich ein Statement ab: “Hey, sieh mich an, ich bin stark – gerade weil ich Pink trage.“

Deshalb ist es keine Überraschung, dass der Farbton in fast jeder Kollektion der großen Fashion Weeks zu sehen war. Schwarz-weiß-Altmeister Calvin Klein färbte seine Kampagne in Rosa, Mansur Gavriel Jacken und Taschen. Und gerade erst hat das Luxuslabel Fendi gemeinsam mit dem Online-Shoppingportal mytheresa.com eine Capsule Collection in Millennial Pink herausgebracht.

Auch modisch betrachtet war das Jahr 2017 ein Jahr der Dekonstruktion. Auf den Laufstegen wurde so viel protestiert wie nie: Allen voran marschierte Grazia Maria Churri mit ihrem viel zitierten, aber auch viel kritisierten “We should all be feminists“-T-Shirt. Demna Gvasalia stellte mit seinem Label Vetements zuverlässig die Regeln von Luxus und Produktion auf den Kopf. 2017 waren Dinge auf dem Laufsteg zu sehen, die es beim Discounter gab, Discounter dagegen verkauften Kaviar.

Pretty in pink: Der Original-Entwurf der Tischleuchte Cap des Design-Duos kaschkasch war nicht rosa. Doch die Farbe begeisterte im Jahr 2017 die Designwelt. Quelle: Normann Copenhagen Items

Ins Rollen gebracht haben soll den Aufstieg des Farbtons allerdings kein Modedesigner, sondern ein Regisseur: Seit Wes Anderson in seinem retroverliebten Film “Grand Budapest Hotel“ ein pinkfarbenes Gebäude erstrahlen ließ, ist immer mal wieder von der Nuance die Rede. Andere wiederum sehen im Verkaufsstart des iPhones 6s in der Variante “Rose Gold“ die Initialzündung. Das war bereits im Jahr 2015. Im selben Jahr ernannt übrigens der US-amerikanische Farbsystemanbieter Pantone die Nuance Rose Quartz gemeinsam mit Serenity (einem hellen Blau) zu den Trendfarben des Jahres.

Das Jahr 2017 sah Pantone eher in leuchtendem, von heftiger Natursehnsucht geprägtem Grün. Immerhin für das Frühjahr aber legten die Experten nach. Die Nuancen Pale Dogdwood und Hazelnut treffen ziemlich gut das, was über Millennial Pink gesagt wird. “Es ist sehr neutral“, sagt Pantone-Farbchefin Latrice Eiseman dazu. “Und stark.“

Von Dany Schrader

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