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Kultur Tukur benimmt sich anständig daneben
Nachrichten Kultur Tukur benimmt sich anständig daneben
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00:15 20.01.2016
Von Stefan Arndt
Erbarmungslos unterhaltsam: Ulrich Tukur im Aegi.  Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Vielleicht ist es ja das Lächeln. Ulrich Tukur kann selbst nach der größten Ungezogenheit so verbindlich gucken, dass man ihm nichts übel nehmen kann. Dabei ist dieses besondere Lächeln weit entfernt davon, um Nachsicht oder Entschuldigung zu bitten. Es ist vielmehr eine Bestätigung und sogar Verstärkung des eben Gesagten oder Geschehenen.

Tukur mischt zarte Goethe-Gedichte mit dreckigen Witzen und bringt eine Zuschauerin aus der ersten Reihe mit einer rücksichtslosen Aufforderung zum Tanz schwer in Verlegenheit. Er raucht und trinkt und sprengt mit einer riesigen Wasserpistole weiträumig den Zuschauerraum - im ausverkauften Theater am Aegi, wo Tukur mit seinen Rhythmus Boys am Wochenende gleich zweimal aufgetreten ist, wird er dafür nur noch mehr geliebt. „Let’s Misbehave“ ist das Programm zum 20-jährigen Bestehen dieser skurrilen Tanzkapelle überschrieben. Und Tukur setzt noch einmal alles daran, um zu beweisen, dass er der größte Virtuose ist, wenn es darum geht, sich stilvoll danebenzubenehmen.

Natürlich passiert all dies in der kunstvollen Beiläufigkeit, die nur ein wirklich guter Schauspieler vorzutäuschen vermag. Eigentlich geht es bei Tukur schließlich um Musik. Und zum Geburtstag seiner Band hat er ein ganz neues Programm aufgelegt, das deutlicher denn je zeigt, wie gut er und seine Kumpanen mit ihren Instrumenten umgehen können.

Statt deutscher Schlager aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren haben sich die Theatermusiker diesmal den Ursprung ihres eigentlichen Repertoires vorgenommen: den amerikanischen Swing. Im Mittelpunkt des Programms stehen die Komponisten, die die amerikanische Musik der Zeit mehr als alle anderen geprägt haben: Cole Porter, Irving Berlin und George Gershwin. Tukur erzählt allerhand unterhaltsame Halbwahrheiten über diese Ikonen des Musicals - und belegt mit mitreißenden Arrangements ihrer Stücke, wie zeitlos einstige Hits wie „The Continental“ und „Shall we Dance“ sind.

Gemeinsam mit dem Bassisten Günter Märtens, Schlagzeuger Kalle Mews und dem Gitarristen Ulrich Mayer serviert Tukur diese musikalischen Schätze als singener Pianist mit bewundernswerter rhythmischer Energie und viel Gespür für eine verloren gegangene Eleganz.

Kontrastiert wird der musikalische Feinsinn durch rustikale Scherze und Nonsense-Einlagen wie dem Ballett der ungleichen Rhythmus Boys, das lustig bleibt, selbst wenn man es schon sehr oft gesehen hat. Neu im Programm ist ein fiktiver Gründungsmythos der Band als Vorläufer und Ideengeber der Elektrotechniker von Kraftwerk. Tukur und die Band tragen dabei Fliegenklatschen und Brillen aus Küchensieben. Dass so etwas nicht lächerlich, sondern lustig wirkt, ist wohl ein Schlüssel zum langjährigen Erfolg dieser schon etwas betagten Bad Boys der Tanzmusik. Am Ende gibt es wie seit Jahrzehnten die möwenquietschende Instrumentalversion von „La Paloma“: Wer sich so kunstvoll danebenbenimmt, ist immer gern gesehen.

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