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„Aktueller geht’s gar nicht“

Hannoveraner dreht Film über Russland

Alles wie im Kino: Bomben, Terroristen und ein Geheimdienst der viele Strippen zieht. Der Hannoveraner Regisseut Dennis Gansel hat mit „Die vierte Macht“ einen Film zur aktuellen Situation gedreht. Im Interview spricht er über Wladimir Putin, seine aufwändigen Recherchen und verrät, ob er bei den Dreharbeiten Angst hatte.
Foto: Der Hannoveraner Regisseur Dennis Gansel vor seinem Kino-Plakat.

Der Hannoveraner Regisseur Dennis Gansel vor seinem Kino-Plakat.

© Steiner

Hannover. Herr Gansel, haben Sie den Kinostart Ihres Politthrillers „Die vierte Macht“ gezielt auf die Präsidentschaftswahlen in Russland gelegt?

Nein, ursprünglich wollten wir im Januar starten. Die Verschiebung hatte produktionstechnische Gründe. Aber als ich heute gelesen habe, dass es angeblich einen Bombenanschlag von tschetschenischen Separatisten auf Putin gab, den der Geheimdienst verhindert haben will, gemeldet vom russischen Staatsfernsehen, habe ich gedacht: Aktueller geht’s gar nicht. Das klingt wie in einem Drehbuch erfunden: Der angebliche Attentäter wird mit Verletzungen im Gesicht den Kameras präsentiert. In unserem Film geht es ja im Kern um ein Komplott des russischen Geheimdienstes, der Tschetschenen Bombenattentate in die Schuhe schieben will.

Glauben Sie, dass die Aktualität Ihrem Film an der Kasse nutzt?

Schwer zu sagen. Das Publikum geht rein, wenn der Film spannend ist. Das darf man als Regisseur nie vergessen. Aber Filme lösen Diskussionen aus. Was in Russland gerade passiert, bietet Stoff für viele Politthriller. Ich gehe davon aus, dass die Zuschauer sich dafür interessieren, wie sich Terrorismus staatlicherseits steuern lässt, auch wenn sie nicht jeden Tag den Politikteil der Zeitungen lesen. Und die Frage stellt sich ja nicht nur in Russland. Meiner Ansicht nach lässt sich in vielen Ländern beobachten, dass Regierungen Terrorismus für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Das gilt jetzt aber nicht für Deutschland. Oder doch?

Bestimmt nicht in dieser krassen Form und auch nicht heute. Nein. Allerdings gab es auch hier schon Merkwürdigkeiten: 1999 habe ich den Fernsehfilm „Das Phantom“ über die RAF gedreht. Ich habe darin angedeutet, dass es womöglich beim Tod von Benno Ohnesorg nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Es hagelte Kritik. Und heute wird darüber diskutiert, ob es womöglich tatsächlich Mord war.

Sind Sie ein Anhänger von Verschwörungstheorien?

Überhaupt nicht. Über den 11. September würde ich nie einen Verschwörungsthriller drehen. Das wäre alles viel zu abstrus. Ich zeige lieber, was sich recherchieren lässt. Das Bombenattentat, um das sich unser Film dreht, lief in der Wirklichkeit wie ein Uhrwerk ab.

Sie beziehen sich auf eine reale Vorlage.

Ja, 1999 gab es eine Serie von Bombenanschlägen in Russland, bei denen ganze Wohnhäuser in die Luft gesprengt wurden. Über 300 Menschen kamen dabei ums Leben. Danach begann der zweite Tschetschenienkrieg, weil man die Tschetschenen für die Attentate verantwortlich machte. Putin war bis kurz vor den Anschlägen Chef des Geheimdienstes. Als Ministerpräsident startete er dann den Krieg gegen Tschetschenien und wurde dadurch so populär, dass er später als Präsident gewählt wurde. Die Hinweise, dass der Geheimdienst dahintersteckte, waren deutlich.

Wie deutlich?

Letztlich gibt es nie Gewissheit. Beweisen konnte man es nicht. Es gibt tschetschenischen Terror, klar, aber dieser Terror wurde teilweise auch vom Geheimdienst orchestriert. Die Russen reden ziemlich offen darüber – weil bislang auch klar war, dass sich sowieso nichts ändert.

Haben Sie ein Beispiel parat?

In einem Hochhaus in Rjasan wurde 1999 das Attentat verhindert. Die Polizei transportierte den im Keller gefundenen Sprengstoff ab. Es stellte sich heraus, dass es sich just um jene Art von Sprengstoff handelte, den der Geheimdienst verwendete. Später hieß es, in den Säcken sei Zucker gewesen.

Woher wissen Sie das?

Man kann das nachlesen, überall, im Internet, in wissenschaftlichen Büchern. Zum Beispiel in Alexander Litwinenkos und Juri Felschtinskis Buch  „Blowing up Russia“. Die Beweislage ist frappierend.

Wie haben Sie selbst recherchiert?

Ich habe vor Ort mit mehr als 100 Leuten gesprochen – von Tschetschenen über Geheimdienstleuten bis hin zu Putin-treuen Journalisten. Wir waren in Gefängnissen, waren auch in dem Keller in Rjasan, wo der vereitelte Anschlag hätte stattfinden sollen. Die Bereitschaft zu reden war groß, aber wir hatten auch abstruse Begegnungen, zum Beispiel mit einem ehemaligen KGB-Oberst, der sechs Handys vor uns aufbaute und die ganze Zeit mit den Telefonen rumspielte. Man fragt sich, in was für einer Welt man sich gerade befindet, ob das wirklich real ist. Aber so war es.

Sie haben in Kiew in der Ukraine gedreht. Warum nicht in Russland?

Das hatte zunächst finanzielle Gründe. In Moskau ist es fünfmal teurer zu drehen als beispielsweise in Berlin.

Und die Moskau-Bilder?

Für die Außenaufnahmen waren wir drei, vier Tage dort. Aber das gestaltete sich als schwierig. Für viele Drehorte muss man das Skript einreichen und hat es mit einer schwerfälligen Bürokratie zu tun. Unsere Berater vor Ort haben gesagt, diese oder jene Szene sei okay, aber verratet bitte nach Möglichkeit nicht die ganze Geschichte. Eigentlich haben wir einen Liebesfilm gedreht: Moritz Bleibtreu kommt nach Moskau und verliebt sich – „Liebesgrüße aus Moskau“ sozusagen. Stimmt ja auch.

Und – gab es Schwierigkeiten?

Nicht direkt. Ich bin etwa 2010 just an dem Tag in Moskau gelandet, als Bomben in der U-Bahn explodierten. Genau da wollten wir drehen. Das ging dann natürlich nicht. Aber schon da hatte ich das Gefühl, von der Realität eingeholt zu werden. Gleichzeitig war die Hilfsbereitschaft groß. In Kiew ging bei einem Nachtdreh das komplette Straßenlicht aus. Dann kannte jemand jemanden, der einen Kumpel bei der Stadtverwaltung kannte. Der Mann fuhr los und schaltete alle Lampen an. Plötzlich war es hell.

Welches Gefühl hatten Sie bei den Dreharbeiten in Moskau?

Wir haben bereits gespürt, dass es in dem Land brodelt. Aber was inzwischen passiert ist, war kaum abzusehen: Beispielsweise fragten wir unsere Berater, wie viele Leute denn bei einer Demonstration realistisch wären. Sie sagten: Weniger als 100, die Hälfte davon müssten Rentner sein, alle anderen demonstrieren nicht. Ich wollte wenigstens 350 Leute. Und heute gehen 80 000 auf die Straße. Mag sein, dass Putin die Wahlen klar gewinnt, aber das Land hat sich verändert: Auch staatstreue Blätter trauen sich, Fotos von Demonstrationen abzudrucken. Die vierte Macht, die Presse, kommt wieder zu Bewusstsein.

Hatten Sie manchmal Angst?

Ich habe mein Hotelzimmer jedenfalls immer gut abgeschlossen. In Moskau riet man uns, unsere Telefone gelegentlich auszuwechseln. Man kann bei so einem Film schon ein bisschen paranoid werden.

Die Fragen stellte Stefan Stosch


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