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Kultur Sänger, Schauspieler, Diplomat: Charles Aznavour ist tot
Nachrichten Kultur Sänger, Schauspieler, Diplomat: Charles Aznavour ist tot
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17:27 01.10.2018
Der französische Sänger Charles Aznavour im Dezember 2013 in Amsterdam. Quelle: Evert Elzinga/ANP Kippa FILE/dpa
Paris

Die Türkei mochte den Film nicht. Die Türkei zeigte den Film auch nicht. Türkische Radikale hatten mit Konsequenzen gedroht, falls doch. Der türkische Kultusminister nannte den Film einen „primitiven Propagandastreifen“. Die offizielle Türkei wollte nicht an den Völkermord an den Armeniern 1915/16 erinnert werden. Für den kanadisch-armenischen Regisseur Atom Egoyan war der Film wichtig. Für Charles Aznavour auch.

Der Sänger, Komponist und Schauspieler übernahm 2002 eine Hauptrolle in Egoyans Drama „Ararat“, spielte darin den armenischen Filmemacher Ed Saroyan, der die Tragödie seines Volkes in einen Film fassen möchte. Die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten, sei die Aufgabe des Künstlers, wird in „Ararat“ gesagt, einem Film über die Notwendigkeit des Erinnerns wie auch über den damit verbundenen Schmerz. Je älter Aznavour wurde, desto mehr schien ihn dieses Thema zu bedrängen.

Lieder von der Tragödie seines Volks

Aznavour, der gestern im Alter von 94 Jahren im südfranzösischen Mouriès in der Bergregion der Alpilles starb, war selbst armenischer Herkunft. Im Lauf seiner Karriere sang er immer wieder über das Land seiner Ahnen und die von Vergessenheit bedrohte Tragödie seines Volks. Geboren wurde er zwar im Pariser Quartier Latin, seine Eltern waren vor dem Morden und dem Hass in ihrem Land geflüchtet und in Frankreichs Hauptstadt gestrandet.

Aznavour stand schon als Kind im Rampenlicht. Als Neunjähriger sang der Sohn eines Sängers und einer Schauspielerin Lieder für die Gäste im Restaurant seiner Eltern. Er wollte werden wie der große Maurice Chevalier – ebenfalls Sänger und Schauspieler.

Später wurde Aznavour aus den kleinen Cafés heraus einer der großen französischen Chansonniers – mit einem Tenor mit Bariton-Koloratur, heiser und zärtlich, einer Stimme, die nach einem Übermaß an Tabak und Cognac klang. Es ging in seinen Liedern um Liebe, Zuhause, Familie, Enttäuschungen, um Menschen am Rand. Alles klang echt – erlebt und erfühlt.

Auch in Deutschland brachte Aznavour Platten heraus – in deutscher Sprache. Sein berühmtestes Lied war 1961 „Du lässt dich geh’n“, die Klage eines Machos, der gleich eine ganze Litanei auflistet, was ihm an seiner Ehefrau missfällt und was sie tun müsse, um seine wertvolle Liebe zurückzubekommen. Nur wenigen fiel auf, dass sich der in Rage redende Ich-Erzähler dieser Geschichte selbst als saufender Jammerlappen zu erkennen gibt: „Ich trinke schon die ganze Nacht / und hab mir dadurch Mut gemacht …“.

Von Edith Piaf geliebt und gefördert

Edith Piaf hatte 1946 einen Auftritt des damals 22-Jährigen gehört. Der Legende nach wurde sie seine Geliebte und kümmerte sich um sein Vorankommen. Schon 1948 tourte er durch Kanada und eroberte eine Dekade später auch die Leinwand. In François Truffauts „Schießen Sie auf den Pianisten“ spielte er 1960 einen traurigen Klavierspieler, der gegen seinen Willen in eine Gangstergeschichte hineingezogen wird – auch hier trug seine Figur den armenischen Namen Ed Saroyan. In knapp 80 Filmen und Serien wirkte er mit.

Charles Aznavour als jüdischer Spielzeughändler, hier mit David Bennent als Oskar Matzerath on Volker Schlöndorffs Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ von 1978. Quelle: imago/United Archives

In Volker Schlöndorffs Oscar-Film „Die Blechtrommel“ (1979) verkörperte er den jüdischen Spielzeughändler, bei dem Oskar Matzerath seine Trommel erhält. Claude Chabrol besetzte ihn in „Die Fantome des Hutmachers“ (1982) als einen Armenier, der über einen Mord schweigt und sein Wissen mit ins Grab nimmt. Vor gut einem Jahr erst bekam Charles Aznavour seinen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

„Entertainer des Jahrhunderts“ – vor Elvis, Dylan und Sinatra

Bei CNN und Time Online wurde Aznavour 1998 zum „Entertainer des Jahrhunderts“ gewählt und ließ die großen amerikanischen Drei – Elvis, Dylan und Sinatra – hinter sich. 1300 Lieder in acht Sprachen sind sein Erbe, 180 Millionen Platten hat er verkauft. Sein Album „Duos“ von 2008 schloss mit einem künstlich erzeugten Zwiegesang mit der längst verstorbenen Piaf: „C’est un gars!“ Das ist ein Kerl!

„Lebe jetzt. Wer weiß, was morgen kommt“, war das Motto dieses gerade einmal 1,60 Meter großen Kerls, der dreimal verheiratet und Vater von sechs Kindern war. Damit war Aznavour bis zuletzt als Künstler erfolgreich. Die Dreharbeiten zu seinem neuen Film „Une Revanche à Prendre (Eine Rache zum Nehmen)“ hatten gerade begonnen.

In Armenien wurde Charles Aznavour beinahe wie ein Heiliger verehrt. Vor zehn Jahren bekam er auch die Staatsbürgerschaft zugesprochen. In der Hauptstadt Eriwan ist ein Kulturhaus mit Museum nach ihm benannt. 1995 bestellte ihn die Unesco zum Sonderbotschafter für Armenien. Seit 2009 war er „Außerordentlicher und generalbevollmächtigter Botschafter“ seines Landes in der Schweiz, wo er auch lebte.

Von Matthias Halbig und Stefan Stosch/RND