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Kultur Rolling Stones in Berlin: Zwischen Hits und Hexenwerk
Nachrichten Kultur Rolling Stones in Berlin: Zwischen Hits und Hexenwerk
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11:45 23.06.2018
Mick Jagger im Berliner Olympiastadion. Quelle: epa
Berlin

Mick Jagger kommt in roter Lederjacke, wieder dieser Gang, bei dem die Knie sich reiben, so eng setzt er den Schritt. Wahrscheinlich ist das etwas Sexuelles, der Mann erlaubt ja keine andere Interpretation. Keith Richards atmet tief, derart versunken, als stecke er in einer Yogaübung. Freitagabend, kurz vor 21 Uhr, das Olympiastadion macht sich locker. Die Rolling Stones starten mit „Street Fighting Man“, dem Lied, in dem besungen wird, was ein weißer Junge im besten Fall erreichen kann: in einer Rock’n’Roll-Band zu spielen.

Die Rolling Stones haben in Berlin ein fulminantes Konzert im ausverkauften Olympiastadion gegeben – frei von hemmender Routine, voll mit Lust und lasziven Anspielungen.

Charlie Watts, auf den es ankommt bei den Stones, weil er am Schlagzeug und somit im Maschinenraum hockt, trägt Gelb und Rot, wie eine Playmobilfigur. Ron Wood stürmt auf die Bühne mit notorisch guter Laune, die einen überrascht, wenn man bedenkt, wie sehr der Mann sich letzthin finanziell von einer schönen Russin rupfen ließ. Wood bleibt ein manisches Kind, das mit seinen 71 Jahren so etwas wie Jugend in die Band bringt, die sonst durchweg fünf Jahre älter ist als er.

„Es ist großartig hier zu sein“, streut Jagger auf Deutsch in diesen Abend, der gute zwei Stunden dauert, und von den Stones so fulminant gefeiert, gespielt und beschworen wird, dass man auf die sonst haltlose These kommt, das Stadion sei das natürliche Zuhause des Rock’n’Roll. Um das zu untermauern, braucht man freilich noch im kleinen Finger so viel Charisma, wie nur Jagger es hat.

Sie spielen „Tumbling Dice“, das Stück von „Exile On Main Street“, dem letzten Album, das als Steigerung der Band verstanden werden kann. 1972 haben sie sich hier zum letzten Mal gestreckt, fortan fielen den Stones die Früchte in den Schoß. Was ihren Songs nicht immer gut bekam.

Olympiastadion sorgt für schlechten Sound

Die Bilder auf den mehrfamilienhaushohen Monitoren wechseln zu Schwarz-Weiß. Das Lied war auf dem Blues-Album von 2016, es ist Futter für die Leute, die stets die Wucht, den Eigensinn und den Sex der Band liebten, aber mit dem Kommerz nicht mehr zurechtkamen. Dieses rohe, schnell dahingeschlenzte Blues-Album sollte nachweisen, dass der Schmutz in der Musik der Rolling Stones noch nicht verloren ging. Schmutz, das ist im Rock’n’Roll die härteste und ehrlichste Währung, die sich seit Chuck Berry denken lässt.

Wie ist der Sound? Nicht gut, zumindest in der ersten Hälfte des Konzerts. Das ist ein chronisches Problem im Olympiastadion. Guns n‘ Roses sind neulich für diesen Berliner Stadionbrei von der Kritik verprügelt worden. Bei den Stones aber hat sich nie jemand über solch halbgare Technik mokiert. Bei der Band zählt nur die große Erzählung, das Narrativ: dass sich die Männer schon als Jungs gekannt haben und immer noch zusammenspielen; dass sie weiß sind, aber der schwarzen Musik huldigen; dass sie mutmaßlich mit mehr Frauen im Bett waren als der gesamte männliche Innenraum des ausverkauften Stadions mit 67.000 Menschen, aber Musik streng unter Männern machen – abgesehen von einer großartigen Backgroundsängerin, die bei „Gimme Shelter“ über sich hinauswächst und sinnlich auf den Steg ins Publikum marschiert.

„Wir sind auch ohne großartigen neuen Flughafen gelandet“

Keith Richards meidet jede große Geste, er verlegt sich auf ein weises Lächeln. Bei ihm besteht die Kunst ja darin, zu wissen, was er nicht zu spielen braucht. Diese Form der Auslassung und der sporadischen, genialen Pointen hat er in Berlin weiter verfeinert.

Jagger zieht die Jacke aus, steht ganz in Schwarz vorm Publikum, zeigt sich als gelenkiger Lord der Dunkelheit und singt „Paint It Black“. Die Nacht gehorcht dem Mann. Sie gießt ihr Schwarz über das Stadion, die Lieder werden länger, intensiver, sie pulsieren, als würden sie von Jagger intravenös verabreicht. „Sympathy For The Devil“, „Midnight Rambler“, „Jumpin‘ Jack Flash“, „Brown Sugar“. Die Scheinwerfer fluten das Stadion, es ist kalt in dieser Nacht, doch es wird die beste Party seit Langem.

Mick Jagger erzählt auf Deutsch, „wir sind auch ohne großartigen neuen Flughafen gelandet.“ Nach dem letzten Song „Satisfaction“ zünden sie ein grelles Feuerwerk, es dampft und knallt. Die Band ist weg. In Berlin haben sie übernatürliche Kräfte bewiesen. Vermutlich sind sie mit dem Hexenbesen entschwunden.

Von RND/Lars Grote

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