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Kultur Macht, Moral und Makel: Philip Roth mit 85 Jahren gestorben
Nachrichten Kultur Macht, Moral und Makel: Philip Roth mit 85 Jahren gestorben
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09:35 25.05.2018
Philip Roth im Büro seines Verlegers, Mifflin. Quelle: dpa
New York

Als der „Spiegel“ ihn vor zehn Jahren auf den Literaturnobelpreis ansprach, lächelte Philip Roth und sagte: „Ach, der Nobelpreis, daran denke ich nicht.“ Umso öfter dachten andere daran, galt der US-amerikanische Schriftsteller als Favorit – war er doch eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Gegenwart, ein großer Erzähler seiner Generation. Am Dienstag ist Philip Roth im Alter von 85 Jahren in New York an Herzversagen gestorben.

Themen seines Schreibens waren immer wieder die tyrannische Wirkung von Familie und Religion, die Spielarten der Macht in Politik und Privatem. Er habe, sagte er Mitte der Siebzigerjahre, die zentrale Beschäftigung der Pornographie mit dem Körper als erotischem Objekt isoliert „und dann diese Obsession zurück in ein ganz diesseitiges Familiensetting“ gesetzt. In „Portnoys Beschwerden“ (1969) nämlich. Aus Irrungen und Missgeschick schält sich auch bei ihm die Komödie. Mitunter treten Nostalgie und Pathos hinzu.

Nathan Zuckerman ist sein bekanntester Held

Seine bekannteste literarische Figur ist der jüdisch-amerikanische Schriftsteller Nathan Zuckerman, ein Held, den Roth in einigen Romanen sterben lässt, bevor er ihn in „Exit Ghost“ (2007) nach Hause schickt, dessen Biographie trotz einiger Parallelen eine imaginäre ist. Da beruft sich der Autor auf die Einschätzung des Kollegen John Updike (1932–2009): „Was Roth erfindet, liest sich wie ein Schlüsselroman, ist aber keiner.“ Es gebe keine Freundschaft zwischen ihm und den Figuren seiner Bücher, hat Roth gesagt.

Doch es gab in den gut 30 Werken so etwas wie ein wechselseitiges Begleiten: vom Kurzroman „Goodbye, Columbus“, für den er 1960 den National Book Award erhielt, über „Mein Leben als Mann“ (1974), die amerikanische Trilogie mit „Amerikanisches Idyll“ und „Mein Mann, der Kommunist“ und „Der menschliche Makel“ (1997 bis 2000) über „Das sterbende Tier“ (2001) und „Jedermann“ (2006) bis schließlich „Nemesis“ (2010). Zwei Jahre später verkündete Roth seinen Ruhestand: „Jedes Talent hat seine Bedingungen, seine Beschaffenheit, sein Ausmaß, seine Kraft – nicht jeder kann für immer ergiebig sein.“ Geboren wurde Philip Roth am 19. März 1933 als zweites Kind jüdischer Eltern in Newark/New Jersey. Seine Großeltern stammen aus Osteuropa. Er studierte Jura und Literatur, später lehrte er Literatur und Creative Writing.

Zuletzt lebte Roth zurückgezogen in Connecticut

Der Autor, der zuletzt in New York, zeitweise aber auch zurückgezogen auf dem Land in Connecticut lebte, gleich hinter der Grenze zur Einsamkeit, ging durch Depressionen, entfaltete in seinen Büchern die Tiefe und Breite eines Lebens, zu dem Körper und Sex gleichermaßen gehören wie Kunst und Sprache.

Zuweilen erschienen die neuen Romane im Jahresrhythmus. „Es ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung, und ich habe nach jedem Buch Angst, dass ich nicht in der Lage sein werde, ein neues zu schreiben“, sagte er 2008. Manchmal aber sei ihm ein Buch quasi geschenkt worden, so wie der Roman „Sabbaths Theater“ (1995), für den Roth seinen zweiten National Book Award erhielt. Für „Amerikanisches Idyll“ bekam er 1998 den Pulitzer Preis. In seinem Alltag, das sagte er auch, habe Ruhm keine Rolle gespielt. Schreiben war für ihn „harte Arbeit“ oder auch eine „ganz tief sitzende Gewohnheit“.

Begleiter des Alters ist das Erschrecken vor dem Ende aller Möglichkeiten. Er kenne die Verwüstungen der Zeit, sagte Roth, und zeigt die Facetten des Verfalls. In „Exit Ghost“ kehrt Nathan Zuckerman nach Jahren des Rückzugs voller Hoffnung zurück nach New York als „ein winziges, isoliertes Wesen, ein erschöpfter Flüchtling vor der rauen Welt, zermürbt durch Impotenz und in der schlechtesten Verfassung seines Lebens“. Am Beispiel der Männlichkeit und der Moral zeigt Roth Vergeblichkeiten der Zeit, die sich im Unvermögen ihrer Protagonisten spiegeln. Schreibt er in „Empörung“ (2008) über den Zorn eines jungen Mannes, dessen Aufbruch ins Leben an seiner Herkunft und kleinbürgerlichen Schranken scheitert, überträgt er in „Nemesis“ die Lähmung des Körpers auf die Entstellung des Geistes.

Er wickelt den amerikanischen Traum in Tragik und Trauer

In Tragik und Trauer wickelt Philip Roth den amerikanischen Traum, bringt sich beim Schreiben als Beteiligter und Zuschauer ins Spiel. „Wir Menschen, die lesen und schreiben, sind am Ende – wir sind Geister, die das Ende des Zeitalters der Literatur erleben“, heißt es in „Exit Ghost“. Unabhängig davon, in welcher Zeit, an welchem Ort und unter welchen Umständen genau der Autor die Handlungsspielräume einrichtet – seinen Figuren eingeschrieben ist sein Wissen um Schwächen, Strukturen, um die Leerstellen des Lebens, die sich im Rückblick zu Biographien reihen. Es kann Lesern Luft verschaffen, wenn literarische Figuren mit einer Zwangslage ringen.

Von all dem hat Philip Roth auf eine Weise erzählt, die Lektüren zum Gewinn macht, zum Vergnügen nämlich an einer mit den Mitteln der Sprache geführten Auseinandersetzung mit Macht, Moral und Makel.

Von Janina Fleischer/RND

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