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Kultur “21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“: In Zukunft denken
Nachrichten Kultur “21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“: In Zukunft denken
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14:00 23.09.2018
Die Doppelrevolution aus Biotechnologie und Informationstechnologie stellt laut Autor Harari die Menschheit “vor die größten Herausforderungen, mit denen unsere Spezies je konfrontiert war“. Quelle: Fotolia
Hannover

Die Zukunft ist in unserer Zeit gegenwärtiger denn je. Mit Smartphones, künstlicher Intelligenz und 3-D-Druckern hat sie schon spürbar begonnen. Vor allem aber ist die Zukunft eine andere als früher. Früher war das Morgen verbunden mit Fortschritt, mit Besserung, mit einem “Ihr werdet es mal besser haben als wir“. Heute wird die Zukunft begleitet von vielen großen Fragezeichen – und einer riesigen Portion Ratlosigkeit, wenn nicht sogar Angst.

Die Fragezeichen stehen am Ende von Sätzen wie: Was machen all diese Algorithmen mit uns? Wird künstliche Intelligenz uns die Arbeit wegnehmen? Werden unsere Körper schon bald mit Maschinen verschmelzen? Was geschieht mit den liberalen Werten? Wird es mir morgen noch genauso gut gehen wie heute? Und wie soll ich all diese komplizierten Themen überhaupt umfassend verstehen? Oder wenigstens eins davon?

Beliebter Weltendeuter der Politprominenz

Einer der Denker, die sich seit Jahren über all diese Fragen intensive Gedanken machen, ist der israelische Historiker und Philosoph Yuval Noah Harari. Zu weltweiter Berühmtheit gelangte der heute 42-Jährige im Jahr 2013, als er “Eine kurze Geschichte der Menschheit“ veröffentlichte. Darin steht die Frage im Mittelpunkt, wie wir zu den Menschen werden konnten, die wir heute sind. Nicht geschadet hat es Harari sicherlich, dass Barack Obama, Bill Gates und Mark Zuckerberg dieses Buch hochlobend empfohlen haben.

Endgültig in aller Munde war Harari dann, als er im vergangenen Jahr “Homo Deus“ veröffentlichte. Der Jerusalemer Universitätsprofessor beschreibt darin unter anderem, wie der Mensch sich zum menschlichen Gott emporschwingt und sein Schicksal dank Technik und Wissenschaft selbst bestimmt. Und er analysiert, wie der Glaube an die Daten Kategorien wie den freien Willen, freie Entscheidungen, Individualismus und Liberalismus ersetzt oder ersetzen könnte.

Diese beiden Bücher sind in 50 Sprachen übersetzt und haben sich rund zwölf Millionen Mal verkauft. Harari ist durch seine Bucherfolge zu einem beliebten Weltendeuter geworden. Angela Merkel ist ein bekennender Fan seiner Bücher, Emmanuel Macron hat ihn im Élysée-Palast empfangen, Harari hat beim Weltwirtschaftsforum gesprochen und vor wenigen Wochen den Eröffnungsvortrag der Jahrestagung des Deutschen Ethikrats gehalten.

Nun wird sich die Zahl der verkauften Bücher weiter steigern, denn Hararis neues Buch verspricht ebenfalls wieder, ein Weltbestseller zu werden. In “21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (C. H. Beck, 459 Seiten, 24,95 Euro) nimmt Harari das Hier und Jetzt und die unmittelbare Zukunft menschlicher Gesellschaften in den Blick. Bildung ist ihm ebenso ein Kapitel wert wie die bereits ansatzweise sichtbare Revolutionierung der Arbeitswelt.

Er thematisiert die Freiheit in Zeiten des Dataismus genauso wie die Frage, wie wir in einer immer komplexer und vernetzter werdenden Welt überhaupt noch zu zuverlässigem Wissen und daraus ableitbarem vernünftigem Handeln kommen können. Er spricht über Terrorismus und Krieg, über Gerechtigkeit und ­Science-Fiction, über Sinn, Meditation und das Postfaktische.

Das Angenehme an Hararis neuem Buch ist, dass er nicht den Eindruck erwecken will, Antworten auf all die unklaren Fragen zu haben. Wie sollte er auch, kann doch auch er nicht wissen, wie genau die Welt in zehn, 20 oder 50 Jahren aussieht? Aber das Buch, das weniger ein eng vernetztes, zusammenhängendes Werk ist als eine Ansammlung von Themenessays, hilft uns Gegenwartsmenschen, die richtigen Fragen zu stellen. Harari liefert wertvolle Anstöße für heute notwendige Debatten.

Blick in die nicht allzu ferne Zukunft

Beispiel künstliche Intelligenz: “Künstliche Intelligenz und Biotechnologie verschaffen der Menschheit die Macht, das Leben zu verändern und zu manipulieren“, schreibt Harari in den “21 Lektionen“. Diese Doppelrevolution aus Biotechnologie und Informationstechnologie stellt laut Harari die Menschheit “vor die größten Herausforderungen, mit denen unsere Spezies je konfrontiert war“. Denn es könnte irgendwann möglich sein, die Gefühle und Gedanken von Menschen zu hacken.

So weit der Blick in die – vielleicht nicht allzu ferne – Zukunft. Es folgt die Frage für die Gegenwart: “Schon bald wird irgendjemand entscheiden müssen, wie wir diese Macht nutzen.“ Doch wer wird dieser Jemand sein? Die eher bedächtigen Philosophen oder doch die blitzschnellen Ingenieure und Vordenker des Silicon Valley? “Wenn wir nicht wissen, was wir mit der Macht, Leben zu manipulieren, anfangen sollen, werden die Marktkräfte nicht ein Jahrtausend lang warten, bis wir eine Antwort darauf gefunden haben.“

Und: “Wenn wir nicht wollen, dass die Zukunft des Lebens den Quartalsberichten von Unternehmen anvertraut wird, brauchen wir eine klare Vorstellung davon, was das Leben überhaupt ausmacht.“ Die Zeiten, in denen die Menschheit die Ruhe haben konnte, Moralfragen ausschließlich in die Universitäten und Gelehrtenstuben auszulagern, sind vorbei.

Düstere Prognosen für die Arbeitswelt

Auch die Arbeitswelt steht vor radikalen Veränderungen durch künstliche Intelligenz. Wenn Algorithmen besser arbeiten, kreativer sind und Entscheidungen besser treffen als Menschen, befürchtet Harari eine Spaltung der Menschheit in eine kleine Elite und Millionen Menschen, “die nicht unter Ausbeutung zu leiden haben, sondern unter etwas viel Schlimmerem – unter Bedeutungslosigkeit“.

Harari spricht von der “nutzlosen Klasse“. Er kommt zu der düsteren Prognose, dass “keiner der verbliebenen menschlichen Arbeitsplätze jemals vor künftiger Automatisierung sicher sein“ könne.

An solchen Punkten droht das Buch manchmal ins Spekulative abzurutschen. Denn verlässliche Prognosen über die Zukunft lassen sich heute noch nicht treffen. Es kann so kommen, dass künstliche Intelligenzen einen Großteil der Arbeitsplätze vernichtet, ohne dass genügend neue entstehen. Es kann aber auch durch staatliche Regulierungen oder Ideen und Entwicklungen, von denen wir heute so wenig ahnen wie vor 20 Jahren vom Smartphone, alles in eine vollkommen andere Richtung gehen.

Man muss daher nicht mit jeder These, jeder Voraussetzung und jeder Schlussfolgerung in Hararis Buch einverstanden sein.

Zudem haben die “21 Lektionen“ die Schwäche, dass ein Autor, der über so viele verschiedene Themen schreibt, oft nicht ausreichend in die Tiefe gehen kann. Gleichwohl kann dies auch als Stärke ausgelegt werden, wenn man das Buch als anregende Essaysammlung begreift, die Anstöße zum Weiterdenken, Weiterlesen, Weiterdiskutieren gibt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, die Harari so formuliert: “Ist Homo sapiens in der Lage, die Welt, die er geschaffen hat, zu verstehen?“

So gesehen sind Yuval Noah Hararis “21 Lektionen“ ein eindrückliches Plädoyer, den Kopf vor der Zukunft nicht in den Sand zu stecken. Sondern mitzudenken, mitzudebattieren, mitzugestalten. Es ist schließlich nicht irgendeine Zukunft, um die es schon heute geht. Sondern unsere.

Von Kristian Teetz

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