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Nachrichten Kultur Martin Walsers neuer Roman „Gar alles“
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13:17 27.03.2018
Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Roman. Rowohlt Verlag; 112 Seiten, 18 Euro Quelle: Verlag
Leipzig

Justus Mall war Oberregierungsrat im Justizministerium, zuständig für Migration. Er hat dem Staat „loyal und leidenschaftlich gedient“. Was so ähnlich auch für seine Frauen gilt. Dann allerdings wurde er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Schuld war ein „Missgeschick“ in der zweite Pause von „Tristan und Isolde“. Andere nannten es Skandal.

Jedenfalls steht jetzt „Philosoph“ auf seiner Visitenkarte, und einen neuen Namen hat er auch. Als sich selbst Fremder schreibt er Sätze hin wie: „Die Wirklichkeit ist ein Gespinst aus erfundenen Fäden.“ Ein typischer Walser-Satz in Martin Walsers neuem Roman, der am 27. März erscheint: „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“.

Eine Korrespondenz im Wortsinn sind diese Briefe nicht. Justus Mall veröffentlicht sie in einem Blog, nicht täglich, aber unbeirrt und in regelmäßiger Einseitigkeit. Sie gehen an eine „liebe Unbekannte“, sind unterschrieben mit „Ihr Bewerber“ oder „Ihr vielseitiger Verehrer“, „Ihr Klient“, „Ihr Ohnmächtiger“, „Ihr Was-sie-wollen“, „Ihr Illusionist“ oder einfach nur: „JM“.

Zwischen zweien

Was zunächst kultiviertes Zielgruppen-Stalking befürchten lässt, stellt sich heraus als Selbstgespräch. Als ein Fall von Geständnisliteratur, in der Justus Mall, der 91-jährige Walser ist ja ein Männerversteher, Erlösung sucht. Denn er ist gefangen zwischen zwei Frauen, „zwei mich Beherrschenden“, zwischen denen er „hin- und herleidet“. Die „ältere Liebe ist inzwischen ein Sternbild, mächtig, würdig, anbetbar. Eine bejahrte Innigkeit.“

Die andere „ein Blütenschwall, ein Hochgesang, ein Zwang zur Besinnungs- und Bedenkenlosigkeit“. Immer wieder kommt er auf sein Thema „Zwischen zweien“ zurück: Katharina II., Goethe, Schiller, Brecht, Zerbinetta  ... Große Gesellschaft für einen gefallenen Beamten mittleren Alters.

„Jeder, dem nicht in jedem Augenblick einfällt, welcher Wochentag gerade dran ist, darf sich Philosoph nennen“, heißt es gleich zu Beginn. Der Ton dieses Satzes ist wichtig, gibt er doch das Maß der Selbstironie an, die vorauszusetzen das Vergnügen an der Lektüre steigert.

Der Philosoph als Postulator

Die dritte, die noch unbekannte Liebe und Adressatin der Texte, ist vor allem eine „Befreiungsillusion“. Dafür steckt Walser den Bekenntnisraum ab, in den sein Ich-Schreiber hereinbittet, um mit „Gefühlserwachen“ zu konfrontieren oder einer „jungen Frau mit steilen Brüsten“. Wer hier schon an #MeToo denkt, wird später nicht enttäuscht.

Justus Mall hofft allerdings nicht auf die Brüste, sondern auf jemanden, dem er davon erzählen kann, eine Frau „die dergleichen Vorkommnis mit, sagen wir, Zärtlichkeit beantworten würde“. Hinter seinen Wünschen summt das „Hohelied der Liebe“, die alles erträgt, glaubt, hofft und duldet, nicht Mutwillen treibt und sich nicht aufbläht. Und die sich an der Wahrheit freut.

Um diese Wahrheit kreist der Philosoph als Postulator. Mal berichtet er von Begebenheiten, Träumen, mal erzählt er von früher, von Gerda oder Irmgard. „Frauen sind nicht weniger disponibel als Männer“, weiß er. Immer wieder kommt er auf Schönheiten zu sprechen, und immer wieder fragt er die Unbekannte, ob er mit ihr darüber hätte sprechen können. So gelesen ist „Gar alles“ ein Roman über die Einsamkeit des ins Ungewisse liebenden Mannes in seinem inneren Verlassensein.

Er beichtet sein Glück beim Beten, den Momenten der Abwesenheit von allem Beleidigenden und Niederdrückenden: „Betend war ich, glaube ich, unerreichbar.“ Zum Jahreswechsel schickt er „eine Choix“ aus seinem Wörtergarten: „Um jemanden zu unterwerfen, muss man ihn nur loben.“ Oder: „Hier sitze ich besser als dort, wo ich lieber wäre.“ Oder: „Das Einzige, was ich gegen mich tun kann, ist rauchen. Aber selbst das tue ich auch für mich.“

Überfluss und Überdruss

Justus Mall veröffentlicht auch Bücher. Über den „Irrtum als Erkenntnisquelle“ und „Die Wahrheit als die Mutter der Lüge“. Sein „Selbstbildnis Otto Iks“ ist ein Versuch, „die menschliche Existenz mit einem Zaun aus Wörtern zu umgeben, aus schützenden Wörtern, aus das Nichts abwehrenden Wörtern“.

Das bringt Ulrich Steinbrecher, seinerseits Zyniker und Erfinder eines Instituts für Beziehungsforschung, darauf, Mall vorzuschlagen, etwas vollkommen Überflüssiges zu verfassen. „Geschrieben muss es so sein, dass du nicht aufhörst zu lesen, obwohl du mit dem Gelesenen nichts anfangen kannst.“ Vollkommen ziel- und zwecklos soll er das Überflüssige darstellen als das Tor zum Reich der Freiheit.

Mall lässt sich darauf ein. Auch auf die Gefahr hin, von seinem schärfsten Kritiker, dem „Chef-Aufpasser“ DPA (Dolf Paul Alt, vernichtet zu werden. In der medialen Welt – wie überhaupt – erzielt das Überflüssige Wirkung. Da ist es mit dem Überdruss verwandt. In gewisser Weise schreibt Walser hier die vorangegangenen Romane fort: „Statt etwas oder Der letzte Rank“ und „Ein sterbender Mann“.

So wie der leicht entflammbare Herr Mall mit einer Unbekannten, so spielt Herr Walser mit dem Vertrauten: der Schwäche des Menschen, konkret des männlichen. Auch mit Reflexen der Verurteilung, nicht zuletzt der medialen. Dem 55-jährigen Justus Mall widerfuhr ein Vorwurf der Altersgeilheit mit allem, was dazugehört. Er, der so loyal und leidenschaftlich liebt, wundert sich um Kopf und Kragen. „Liebe ist nichts anderes als Unselbständigkeit“, weiß er. Es wird wohl von Jahr zu Jahr schlimmer.

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Roman. Rowohlt Verlag; 112 Seiten, 18 Euro

Von Janina Fleischer

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