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Kultur „Lohengrin“ – Das Märchen vom singenden Bild
Nachrichten Kultur „Lohengrin“ – Das Märchen vom singenden Bild
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16:31 26.07.2018
Lohengrin Bayreuth Anja Harteros (Elsa von Brabant) und Pjotr Beczala (Lohengrin). Quelle: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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Bayreuth

Spätestens mit Beginn des zweiten Aufzugs ist klar, wer das Sagen hat in der „Lohengrin“-Inszenierung, mit der die 107. Bayreuther Festspiele begannen. Wir schauen in einen Himmel voller dramatischer Wolken, sehen das Meer, Schilf, Sträucher. Untermalt von Wagners fis-Moll-Raunen ist schon dies von ungeheurer Kraft. Dann, unmerklich fast, gerät es in Bewegung – auch jenseits der Fliege, die sich in den Projektor verirrt hat. Es erhebt sich ein Kopf: Telramund weist Ortrud an: „Erhebe dich, Genossin meiner Schmach.“ Dass die längst steht, ist einer von vielen handwerklichen Fehlern der Regie, stört aber nicht. Denn wie die beiden sich da umschleichen in einem Gemälde aus dem Niemandsland zwischen Watteau und Friedrich, das brennt sich augenblicklich in die Netzhaut.

Ein singendes Bild von Neo Rauch

Ein Gazevorhang nimmt der Szene die Tiefe, der Bewegungszauber sowie Reinhard Traubs Licht führen eine neue Dimension ein. Und wenn Elsa das Fenster ihrer Kemenate öffnet, ist die Illusion perfekt: ein singendes Bild. Ein singender Neo Rauch, um genau zu sein. Denn der Leipziger Maler und seine Frau Rosa Loy haben Bühne und Kostüme dieses „Lohengrin“ gestaltet.

Im ersten Aufzug nehmen ein Umspannturm, allerlei elektrische Installationen, der Himmel, die Zypressen, das Gesträuch, die Andeutungen, die Chiffren und Symbole sofort gefangen. Im zweiten Bild des zweiten Aufzugs schon weniger. Da sehen wir von hinten ins Zentrum der elektrischen Macht, der angejahrte Energieversorger-Pomp entlarvt sich als Potemkinsches Dorf. Im Brautgemach des dritten Aufzuges schließlich beweist ein riesiger Isolator vor allem eines: Angst vor Elektrosmog hatten sie nicht im Antwerpen der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts.

Ortrud als böse Disney-Fee

Die Kostüme sehen aus, als entstammten sie unterschiedlichen Märchen in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Ortrud etwa ähnelt der bösen Fee in Disneys „Dornröschen“, viele im Chor sehen aus wie Schlümpfe, die sich in einen fremden Kleiderschrank verirrt haben, König Heinrich wie einer dieser Spitzbartträger, wie sie Rauchs Bildwelten bevölkern. Und die Würdenträger tragen Flügel.

Lohengrin allerdings elektrisiert sich als Wiedergänger Heinz Rühmanns, als einer von den Drei von der Tankstelle herbei, also ziemlich normal. Und so zieht er am Ende auch wieder von dannen, nachdem zwischenzeitlich auch er Teil des Flügel-Völkchens war. Elsa schließlich wird von der Prinzessin zur modernen Frau. Das könnte so etwas wie ein Regieansatz sein. Und tatsächlich gibt Yuval Sharon Hinweise darauf, dass es ihm um Emanzipation gehen könnte. Da entwickelt sich der Titelheld im Brautgemach schon zum Gewaltmenschen. Und fast scheint es, als stelle Elsa die verbotene Frage, um dieser Ehehölle möglichst schnell wieder zu entkommen.

Ein neoromatisches Märchen als unpolitischer Bayreuth-Auftakt

Ansonsten aber lässt er seine Darsteller die Bilder nur füllen, kaum je beleben. Eine durchaus brisante Kernthese, die Rauchs und Loys Konzept aufdrängt, verfolgt er nicht weiter: Es ist die wieder ziemlich populäre Idee, alles könne gut werden, wenn von irgendwo ein Fremder kommt, ein starker Mann, ein Führer, der die Gesellschaft mit neuer Energie auflädt. Aber diese Festspiele beginnen vollständig unpolitisch, als neoromantisches Märchen. Und die weitaus meisten im Saal sind zufrieden mit einer Opernästhetik, die sich Rauchs Surrealismen als Moderne-Feigenblatt vor die theatermuseale Scham hält. Auch und vor allem, weil keinerlei Aufregung von der erregenden Musik ablenkt.

Die allerdings ist diesmal wirklich so, wie man es in Bayreuth erwartet. Das liegt zunächst einmal an Christian Thielemann, der in seiner zehnten und damit letzten Bayreuth-Oper erneut beweist, dass ihm in diesem Fach niemand etwas vorschlägt. Vom körperlos in höchsten Lagen oszillierenden A-Dur des Anfangs bis zum letzten trockenen Schlag, der in der gleichen Tonart beweist, dass sich nicht viel verändert hat, ziseliert er einen Wagner-Zauber unendlicher Wonnen. Feingliedrig klingt das Orchester aus dem Graben und dennoch kraftvoll, detailversessen und doch fließend. Unerhörtes schürft er aus dieser so bekannten Partitur an die Oberfläche, ohne dass derlei etwas Gesuchtes hätte. Zartes geht unter die Haut, und dem etwas hohlen Fanfaren-Pathos nimmt Thielemann das Gewollte. Während also Rauch und Loy den Raum zum Bild machen, wird zum Raum hier der Klang. Ein Raum, in dem sich exzellente Sänger bewegen. Die haben im ersten Aufzug noch Findungsschwierigkeiten. Aber alsbald rastet der Gesang auf dem Niveau ein, das auch auf dem Grünen Hügel öfter behauptet als erreicht wird.

Piotr Beczala – Suchender statt kraftmeiernder Erlöser

Allen voran ist da Piotr Beczala. Er entwickelt die Titelpartie von der lyrischen Seite aus, leiht keinem kraftmeiernden Erlöser seine traumschöne Stimme und vorbildliche Artikulation, sondern einem Suchenden. Folglich ist er am besten im Brautgemach und bei der an der Grenze zur Stille beginnenden, atemberaubenden Gralserzählung.

Anja Harteros nähert sich Elsa von der anderen, der dramatischen Seite. Da steht kein naives Dummchen auf der Bühne, sondern eine Frau, die schon ziemlich viel erlebt hat. Dazu passen die eisgrauen Haare und die kraftvollen Töne, mit denen sie sich auflehnt. Sie ist anders, diese Elsa. Aber sie ist verdammt gut. Das ist auch Waltraud Meier bei ihrer Rückkehr auf den Grünen Hügel nach 18 Jahren. Ihre Ortrud ist nicht Hexe, sondern Manipulatorin. Geschmeidig und im Vorübergehen injiziert sie ihr Gift, subtil in ihrer Bosheit, erotisch in ihrer Machtgier. Ja, am Ende geraten Spitzentöne außer Kontrolle. Aber so singt halt, wer sich unvermittelt auf dem Scheiterhaufen wiederfindet.

Ekstatischer Jubel für Beczala und Waltraud Meier

Eigentlich ist Ortrud die Böse in diesem Märchen. Doch singt Tomasz Konieczny Telramund, den Verführten, als sei er es. Mit allen Farben des Schurken-Regenbogens. Das hat nicht viel zu tun mit dem Charakter, den Wagner in Tönen malte, ist aber sehr beeindruckend. Eindrucksvoll sind schließlich auch die Rollenporträts, die Georg Zeppenfeld als König Heinrich und Egils Silins als Heerrufer zeigen. Die Edlen sowie Eberhard Friedrichs durchschlagender Chor lassen ebenfalls nichts anbrennen.

Diese musikalische Qualität, kombiniert mit Neo Rauchs prachtvoller Bühne und einer Regie, die nicht wehtut, sorgen für Jubel, ungetrübt und lautstark wie schon lange nicht mehr. Beinahe ekstatisch fällt er aus für Beczala und Meier.

Von Peter Korfmacher/RND

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