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Kultur Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben
Nachrichten Kultur Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben
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16:48 04.05.2018
Der Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben. Quelle: dpa
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Stockholm

Das Gremium hatte sich lange beraten und nun eine Entscheidung getroffen: In diesem Jahr wird wegen der Krise in der Schwedischen Akademie kein Literaturnobelpreis vergeben. Das teilte das Jury-Gremium am Freitag in Stockholm mit. Der Preis für 2018 werde im kommenden Jahr zusammen mit dem Preis für 2019 vergeben. „Wir halten es für nötig, Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wieder herzustellen, bevor der nächste Preisträger verkündet werden kann“, erklärte der Interims-Vorsitzende Anders Olsson.

Absage nicht zum ersten Mal

Die Preisvergabe wird nicht zum ersten Mal abgesagt, zuletzt wurde der Nobelpreis von 1940 bis 1943 wegen des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht vergeben. Die jahrhundertealten Statuten der Akademie lassen auch zu, in diesem Fall im Folgejahr zwei Nobelpreise zu verleihen. Das hat die Akademie in der Vergangenheit bereits mehrmals getan.

Die Schwedische Akademie, die seit 1901 den Träger des Literaturnobelpreises auswählt, wird von einem Belästigungs- und Korruptionsskandal erschüttert. Man sei in einer ernsten Krise, teilte das traditionsbewusste Gremium vor kurzem mit. „Das Ansehen des Literaturnobelpreises hat großen Schaden genommen.“

18 Frauen hatten dem Mann eines Akademiemitglieds sexuelle Belästigung vorgeworfen. Eine Untersuchung der Akademie bestätigte „unakzeptables Verhalten in Form von unerwünschter Intimität“. Nach Berichten schwedischer Medien soll der Mann auch Kronprinzessin Victoria an den Po gefasst haben. Außerdem soll seine Frau über Fördergelder für den eigenen Kulturverein mitentschieden haben.

„Ich habe die Entwicklung mit großer Unruhe verfolgt“

Mehrere Jurymitglieder legten ihre Arbeit nieder, weil sie nicht damit einverstanden waren, wie glimpflich das Paar davonkommen sollte. Auch die ständige Sekretärin Sara Danius musste in der Folge ihren Posten aufgeben - nach eigener Aussage auf Wunsch der Akademie.

Auch Sara Danius, die Sprecherin der Schwedischen Akademie, hat ihren Posten aufgegeben. Nach ihrer Aussagen auf eigenen Wunsch. Quelle: dpadpa

Nobelpreis-Stiftung unterstützt die Entscheidung

Aktuell sind damit nur noch zehn der einst 18 Mitglieder aktiv. Das gefährde ernsthaft die Fähigkeiten der Akademie, „ihre wichtigen Aufgaben zu erfüllen“, hatte das schwedische Königshaus erklärt. König Carl XVI. Gustaf rief die Mitglieder auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die Interessen des Gremiums in den Vordergrund zu stellen. „Ich habe die Entwicklung in der Schwedischen Akademie in letzter Zeit mit großer Unruhe verfolgt“, erklärte er am Mittwoch. Jetzt müsse die Akademie in Ruhe daran arbeiten können, das Vertrauen zurückzugewinnen.

Die Nobel-Stiftung teilte in einer eigenen Pressemitteilung mit, sie unterstütze die Entscheidung der Akademie, den Preis in diesem Jahr nicht zu vergeben. Die Vertrauenskrise, in der sich die Schwedische Akademie befinde, habe sich negativ auf den Nobelpreis ausgewirkt. Nun stehe umfassende Veränderungsarbeit an, mahnte die Stiftung.

Grütters: „Nach Erneuerung kann Preis wieder Sehnsuchtspreis sein“

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat Verständnis für die Entscheidung der Schwedischen Akademie. „Der glänzende Ruf des Literatur-Nobelpreises ist eng verbunden mit dem des renommierten Komitees, das ihn verleiht. Man muss dessen Entscheidungen nicht in jedem Fall teilen, an seiner moralischen Integrität darf jedoch kein Zweifel bestehen“, sagte Grütters dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Ich finde es daher richtig, dass sich das Komitee erneuern will. Dann kann der Literatur-Nobelpreis auch wieder das sein, was er über Jahrzehnte war: Sehnsuchtspreis für jeden Autor und jede Autorin“, so die CDU-Politikerin.

Walser und Lewitscharoff glauben an den Preis

Die Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff glaubt trotz der Skandale an die Zukunft des Literaturnobelpreises. RND sagte sie kurz vor der Entscheidung: „Ich halte diesen Preis für wesentlich. Da muss einfach mal ausgemistet werden, einmal mit dem Besen durch, dann machen wir weiter.“ Die 64-Jährige glaubt nicht, dass der Preis das Schicksal des Echos teilen wird, der jüngst infolge eines Skandals in seiner bisherigen Form abgeschafft wurde. „Im Gegensatz zum Echo ist der Literaturnobelpreis ein Qualitätspreis, der erhalten werden muss“, sagte Lewitscharoff. Auch der Schriftsteller Martin Walser glaubt nicht an langfristige Folgen des aktuellen Skandals, wie er vor ein paar Tagen dem RND sagte: „Die Akademie wird sich umorganisieren, und dann wird alles weitergehen wie bisher.“

„Schlechte Nachricht für all die würdigen Preiskandidaten“

Der Kritiker Denis Scheck sieht die Absage des diesjährigen Literaturnobelpreises mit gemischten Gefühlen. „Das ist eine schlechte Nachricht für all die würdigen Nobelpreiskandidaten - angefangen bei Philip Roth, Don DeLillo und Thomas Pynchon“, sagte Scheck am Freitag. „Aber das Gaudi zu sehen, wie sich diese Akademie selbst zerlegt, wiegt die entgangene Auszeichnung fast auf.“

„Die Buchbranche steht da wie ein Kind“

Jo Lendle, Chef des Hanser Verlages, betrübt die Aussetzung des diesjährigen Preises. „Die Buchbranche steht da wie ein Kind, dem man mitteilt, dass Weihnachten abgesagt ist“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschand (RND). Trotzdem sei die Entscheidung richtig – die Akademie müsse sich Zeit nehmen, die Vorwürfe aufzuklären und sich eine neue Ordnung zu geben. Mit Hinblick auf Frostenson, die der Carl Hanser Verlag ebenso verlegt wie das Akademiemitglied Sara Stridsberg, sagte Lendle: „Beide Autorinnen haben wir wegen der Schönheit ihrer Gedichte und ihrer Prosa im Programm, nicht weil sie als wichtige Schriftstellerinnen in die Schwedischen Akademie gewählt wurden.“

Hier lesen Sie einen Kommentar zur Absage des diesjährigen Literaturnobelpreises.

Von RND/Nina May/ dpa

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