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Kultur Leonard Bernstein zum 100. Geburtstag: Mehr als „West Side Story“
Nachrichten Kultur Leonard Bernstein zum 100. Geburtstag: Mehr als „West Side Story“
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13:37 25.08.2018
Leonard Bernstein (1918 bis 1990) im Jahr 1988. Quelle: imago/United Archives
Hannover

America“, „Maria“, „Tonight“, „I Feel Pretty“, „Cool“ – noch heute, 61 Jahre nach der Uraufführung der „West Side Story“, sind deren Lieder unvergängliche Hits – so wie das ganze Musikwerk, das wegen seiner Uraufführung am 26. September 1957 am Winter Garden Theatre am Broadway als Musical bezeichnet, aber ob seiner musikalischen Komplexität auch als Oper gewichtet wird. Die moderne Adaption des Shakespearschen „Romeo und Julia“-Stoffs ist ein Evergreen – auch auf der Leinwand. Die Verfilmung von 1961 mit Natalie Wood in der Hauptrolle ist mit zehn Oscars immer noch einer der höchstprämierten Filmen aller Zeiten.

Und dass Steven Spielberg das Ghetto-Drama vom Kampf der Jets gegen die Sharks, der in Wahrheit der Kampf der Immigranten um die Deutungshoheit über ihr Amerika ist, neu verfilmt, zeigt, wie zeitlos der Stoff ist, den Bernstein und sein Produzent unter dem Arbeitstitel „East Side Story“ konzipierten.

Publikumserfolg ein zweischneidiges Schwert

Für Bernstein selbst war der kommerzielle und Publikums-Erfolg der „West Side Story“ hingegen ein eher zweischneidiges Schwert. 1969 war er für viele überraschend als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker zurückgetreten: Er wollte beweisen, dass sein Erfolg von 1957 nicht alles war, was er der Welt zu sagen hatte. Doch solange er ein Orchester leitete, erschien ihm das nicht möglich: „Der Komponist und der Dirigent sind zwei verschiedene Menschen, die bei mir in einem Körper wohnen“, hatte er seinem New Yorker Publikum einmal im Konzert erklärt: „Ich führe ein Doppelleben.“ Damit sollte nun Schluss sein.

Bernstein, der am 25. August 1918 als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine in Lawrence, Massachusetts, geboren wurde, wollte nicht länger nur der Broadway-Hitfabrikant und brillante Orchesterleiter sein. Er wollte der wichtigste amerikanische Komponist werden, der er eigentlich längst schon war.

Erbarmungslose Kritiker setzten dem ambitionierten Genie zu

Da kam ein prominenter Auftrag gerade recht: Jacqueline Kennedy, die Witwe des ermordeten US-Präsidenten, bat Bernstein um ein Stück zur geplanten Eröffnung des Kennedy Center in Washington. Der Komponist entschied sich für eine ganz neuartige Form: Er komponierte eine Messe als Musiktheater. Seine „Mass“ enthält sowohl die klassischen liturgischen Bestandteile als auch zusätzliche szenische Elemente. Das Stück erzählt von einem Gottesdienst, in dem Lebens- und Leidensgeschichte von Gemeindemitgliedern und Passanten eingeflochten sind. Entsprechend vielfältig ist auch die Musik: Bernstein nutzt gregorianische Gesänge und Zwölftontechnik, romantische Orchesterklänge und harte Rock-Rhythmen. Typisch amerikanische Musik, so glaubte er, sei nur in der Verbindung derart unterschiedlicher Elemente zu finden.

Leonard Bernstein war nicht nur ein großer Musiker, Dirigent und Komponist: Er traf sich in seinem bewegten Leben auch mit den Größen der High Society.

Allseits geliebter Entertainer

Doch bei der Uraufführung 1971 fiel das ambitionierte Stück durch. „Die Kritiker waren erbarmungslos“, erinnert sich ein spürbar getroffener Bernstein noch Jahrzehnte später. Den Plan, als „ernster“ Komponist zu glänzen, musste er vorerst aufgeben. Eine Ironie der Musik-Geschichte ausgerechnet in dem Land, das die Trennung zwischen Ernst und Unterhaltung in Musik und Literatur im Unterschied zu Deutschland aufhob. Bernstein flüchtete sich zurück aufs Dirigentenpult, das er über Jahre gemieden hatte: Dort liebte man ihn, wo immer er auftrat. Am Pult der großen Orchester in aller Welt wandelte sich Bernstein, bisher das eher amerikanische Multitalent, nun zum wahrhaft globalen Musiker. Er ging nach Europa, ins Kernland der klassischen Musik, und unterzeichnete einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Seine Schallplatten bei dem altehrwürdigen Label verkauften sich massenweise und steigerten seine Popularität immer weiter. Bernstein wurde zum omnipräsenten Deuter des klassisch-romantischen Kernrepertoires. Neben dem unnahbar-strengen Karajan war „Lenny“, wie ihn jetzt jedermann nannte, der allseits geliebte Entertainer.

Großer Einfluss auf nachfolgende Generationen

Sein exaltierter Dirigierstil war aber niemals nur Show: Bernsteins Gestalt konnte eine Art Zauberspiegel sein, der Musikern und Publikum den verborgenen emotionalen Gehalt von Musik klar sichtbar machte. Sein Zugriff auf die alten Partituren wirkte immer sehr direkt und unverstellt: Er machte die Geschichten, von denen die Musik erzählt, zu seinen eigenen. Als temperamentvoller Gefühlsverstärker ist der Dirigent wohl unerreicht.

Durch seine starke Persönlichkeit und sein offenes Wesen hatte Bernstein großen Einfluss auf nachfolgende Generationen: Bernstein hat immer gern mit jungen Musikern gearbeitet – in seinen letzten Lebensjahren auch in Deutschland, wo sein Lebensfreund Justus Frantz ihn für das junge Schleswig-Holstein Musikfestival begeistern konnte. Bernstein, der leidenschaftliche und engagierte Vermittler von Musik, gründete dort auch ein Orchester für Musikstudenten und gab folgenreiche Kurse für junge Orchesterleiter: Viele Teilnehmer von damals prägen heute das Musikleben.

Und mit seinen unerreichten „Konzerten für junge Leute“ („Young People’s Concerts“) hat er zigtausende Fernsehzuschauer für Klassik begeistert.

Die Erinnerung im 100. Jahr ist hellwach

Noch im Jahr seines 100. Geburtstags ist die Erinnerung an den Dirigenten Bernstein hellwach – und wo nicht, wird sie wieder aktiviert. Allein mehr als 3500 Geburtstagsveranstaltungen und „Centennial Concerts“ führt die Website Bernstein at 100 auf. Nichts ersetzt natürlich „Lenny live“, wie sich alle, die in einmal in personam erleben durften, erinnern werden. Auch sein letztes Konzert in Deutschland war spektakulär: Nach dem Fall der Mauer führte er im Dezember 1989 Beethovens 9. Symphonie mit Musikern aus Ost und West auf – und ließ die Sänger statt der „Ode an die Freude“ eine „Ode an die Freiheit“ singen. Ein halbes Jahr später trat er zum letzten Mal an dem Ort auf, an dem seine Karriere 60 Jahre zuvor begonnen hatte: Beim Tanglewood-Festival bei Boston dirigierte er Beethovens 7. Symphonie mit ihrem berühmten Trauermarsch.

Am 14. Oktober 1990 starb Bernstein, der täglich große Mengen an Zigaretten und Ballantine’s Scotch zu sich nahm und auch ansonsten ein barock-pralles Leben führte, im Alter von 72 Jahren in seiner Wohnung im New Yorker Dakota Building – einem Sehnsuchtsort, an dem unter anderen auch John Lennon, Lauren Bacall, Judy Garland und Sting eine Wohnung hatten.

Mehr zum Thema: Leonard Bernstein

Neue Bernstein-Aufnahmen: „Mass“, Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin (Deutsche Grammophon)

Sinfonie Nr. 2 „The Age of Anxiety“, Berliner Philharmoniker, Krystian Zimerman (Klavier), Simon Rattle (Deutsche Grammophon)

Neue Biografie: Sven Oliver Müller: „Leonard Bernstein: Der Charismatiker“. Reclam. 302 Seiten, 28 Euro.

Bernstein im Fernsehen: Am Sonnabend, 25. August, zeigt Arte um 20.15 Uhr die Verfilmung der „West Side Story“ und danach Bernstein-Dokumentationen.

Eine Partitur von Mahler ins Grab

Ins Grab legte man ihm neben einem Taktstock eine Partitur von Gustav Mahler. Bernstein hatte durch seine Interpretationen viel zur Anerkennung dieses Komponisten beigetragen, der wie er selbst zu Lebzeiten eher als Dirigent wahrgenommen wurde. „Meine Zeit wird kommen“, soll Mahler mit Blick auf seine Musik gesagt haben. Sicher hat Bernstein das auch von seinen Werken gehofft – der Erfolg der „West Side Story“ war ihm immer zu wenig. Durchaus populär waren „Candide“ und „On the Town“. Doch seine ambitionierten Werke wie das Präsidenten-Musical „1600 Pennsylvania Avenue“ (1976) und die Oper „A Quiet Place“ (1984) konnten sich kommerziell nie durchsetzen – und die wenigen Neuaufnahmen und Neuproduktionen im Jubiläumsjahr geben kaum Hoffnung, dass sich das bald ändert.

„Wer wirklich etwas mit Musik ausdrücken will“, hat der vielbegabte Bernstein ein Jahr nach der Vollendung der „West Side Story“ gesagt, „muss Musik komponieren.“ An seinen eigenen Ansprüchen gemessen, war für die künstlerische Lichtgestalt Leonard Bernstein – im wahren Leben ein blendend aussehender Mann –, „I feel pretty“ nicht genug.

Von Stefan Arndt/RND/dk

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