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Kultur Kaputtes Fahrrad: Spießrutenfahrt im ersten Gang
Nachrichten Kultur Kaputtes Fahrrad: Spießrutenfahrt im ersten Gang
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20:04 22.06.2018
Fahrräder stehen an einem Stellplatz Quelle: dpa
Hannover

Jetzt doch nicht! Der Schalthebel vorn macht noch klack, aber unten im Tretsektor des Fahrrads passiert nichts mehr. Die Verbindung ist hinüber, oder wie der Fahrradexperte sagt: Der Zug ist abgefahren.

Das Fahrrad ist zwar fahrbereit, hat sich aber entschieden, im kleinsten Gang zu verharren. Nicht zufällig, sondern offensichtlich aus Demütigungsgründen. Es soll eine Strafe sein, ein Lenkzettel, für mangelnde Pflege und fehlende Wartung.

Und das genau jetzt, im Sommer, wenn alle fahren wollen und überall was kaputt ist und sie dich an der Reparaturtheke im Fahrradladen nur säuerlich anlächeln. Und dir dann einen Termin Ende August geben.

Spießrutenfahren im kleinsten Gang

Also neues Fahrrad oder selbst reparieren. Oder im kleinsten Gang fahren. Neues Fahrrad ist zu teuer, und wenn selbst reparieren aus Erfahrung ohnehin auf neues Fahrrad hinausläuft, bleibt nur der erste Gang. Das Spießrutenfahren. Im kleinsten Gang durch die Gegend zu eiern und sich dabei von zielstrebigen Fußgängern überholen zu lassen, ist eine beeindruckende Erfahrung.

Am Berg – noch halbwegs okay, im Blick des Fußgängers spiegelt sich lediglich ein gewisses Mitgefühl. In der Ebene im ersten Gang unterwegs zu sein heißt nicht, von A nach B zu fahren. Weil man nicht weiß, ob man zwischendurch aus Mangel an Geschwindigkeit umfällt.

Es sieht hektisch aus, gefühlte 400 Pedalumdrehungen für drei Meter Raumgewinn, wie Spinning mit Rädern. Es überholen jetzt auch betagtere Fußgänger mit Rollatoren, Teenager, die aufs Handy starren, Kinderwagenmuttis, selbst vorbeiziehende Dackel scheinen eine gemütlichere Trittfrequenz zu haben.

Man sieht viel mehr

Man kann sich die Vorteile vor Augen führen. Der Fitnessaspekt, klar. Und man sieht ja auch viel mehr! Bei der Geschwindigkeit von 1,2 Stundenkilometern fallen einem Dinge auf, die man sonst nie gesehen hat. Und man geht in einer immer schneller werdenden, urbanisierten Gesellschaft, die nach Entschleunigung schreit, mit gutem Beispiel voran.

Vielleicht ist es sogar trendfähig: Im ersten Gang mit coolem T-Shirt durch Berlin fahren und auf Youtube posten – Ende August machen das alle. Immerhin kann man dann guten Gewissens von einer Bewegung sprechen. Ende August ist dann ja auch der Reparaturtermin.

Von Uwe Janssen

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