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Kultur Hunde, Häuser, hartes Leben: Der Wettbewerb der Dokwoche beginnt durchwachsen
Nachrichten Kultur Hunde, Häuser, hartes Leben: Der Wettbewerb der Dokwoche beginnt durchwachsen
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18:00 01.11.2017
Szene aus „When the bull cried“. Quelle: Dokwoche
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Leipzig

Das Festival ist auf den Hund gekommen. Der lag als Bildschnipsel in der Schublade von Jay Rosenblatt. Der ist, Festivalchefin Leena Pasanen erzählte es auf der Pressekonferenz, so was wie ein Freund von ihr. Nun hat der US-Amerikaner der Dokwoche ihren tierischen Teaser geliefert: einen Hund, der das Wasser abschüttelt. Bild-Schriftzug: Shake it off! Töle statt Taube. Wässriger Trailer statt Tradition. Denn was, bitte, soll ich abschütteln? Wer das noch versteht – Glückwunsch!

Dokwochen-Chefin Leena Pasanen überraschte zur Eröffnung noch mit einer anderen Idee. Da es im Deutschen Wettbewerb 2017 nicht eine Regisseurin gibt, wird nun in den nächsten zwei Jahren quotiert. Als ob es weibliche und männliche Filme geben würde. Statt gelungene oder missratene. Oder mittelmäßige. Mit denen scheint der Internationale Wettbewerb (Langmetrage) geradezu gesegnet.

Zum Beispiel „A Strange New Beauty“ (USA) von Shelly Silver. Eine Kopfgeburt, verblasen und von bleichen Gedanken umwölkt. Das visuelle Eindringen und Umkreisen eines herrschaftlichen Anwesens, gern oft als Splitscreen, bepflastert mit allerlei Sätzen wie „Der Körper ist zerbrechlich“, „Kraftlos sein ist gefährlich“, „Der ganze Planet ist meine Heimat“, „Hungrige Wesen essen alles“. Auf der Leinwand: Leuchten, Treppen, Bienen im Glas, Statuen, Geschirr, Puttenkübel. Auf der Tonspur: Gestöhne, Gemurre, Geräusche, einmal Schüsse. Fehlt nur das große Gähnen, das einen zusehends befällt. Was das soll? Keine Ahnung. Aber eine alte Kino-Weisheit fällt einem gleich wieder ein: Experimente gehören ins Labor.

Als didaktisches Lehrstück im Peter Weiss-Sound entpuppte sich „Das Kongo Tribunal“. Theatermann Milo Rau arrangiert im Kongo eine Gerichtssitzung über Rohstoff-Ausbeutung, koloniale Willkür, Zerstörung von Dorfkommunen, Gewalt, Umweltzerstörung und geschürtem Bürgerkrieg. Während die eingeschnittenen Erkundigungen in Süd- und Nord-Kivu authentisch, informativ und erschreckend sind, wirkt das Tribunal inszeniert. Oder wie eine Werkstatt für einen Film, der erst noch Film werden will Nur noch hölzern wird es beim Tribunal in Berlin. Das sieht aus (und hört sich an) wie eine für Gleichgesinnte abgefilmte NGO-Tagung.

Zuverlässig und gut: die polnische Dok-Schule

Aber es gibt ja immer noch die polnische Dok-Schule. Glücklicherweise. Aus der kommt sichtlich Klaudiusz Chrostowski. Der 31-Jährige porträtiert, ohne Kommentar, dafür mit genauen Kamera-Beobachtungen, in „Call Me Tony“ einen 18-Jährigen, der Bodybuilding betreibt. In die Augenbraue rasiert er sich wie „Scarface“ Tony Montana eine Linie, stemmt Gewichte, löffelt Kraft-Diät, nimmt erfolglos an einem Wettbewerb teil, spricht an der Schauspielschule vor, geht zu einem Casting, besteigt mit einem Freund in aller Morgenfrühe einen nebligen Berg.

Alltag wie er ist. Unspektakulär, aber spannend, weil die Kamera präzis diesen Konrad auf seinem Weg ins Leben zeichnet – und den Mut hat, alles offen zu lassen. Blicke ins Innere eines Wortkargen, das am Ende ein bisschen offener wirkt.

So geheimnisvoll bleiben der alte Gaucho und seine Frau nicht, die der Argentinier Nicolàs Torchinsky in „The Centaur’s Nostalgia“ beim Blick zurück und in der kargen, staubigen Landschaft der Gegenwart erzählt. Allerdings gelingt ihm ein einfühlsamer, melancholischer Abgesang auf jene traditionellen Viehzüchter und ihre romantische Welt unter Sternen (nachts), grauen Wolken, windgetriebenem Regen (tags) und schneeiger Kälte (winters). Weil Nicolás Torchinsky zuhören und hinsehen, wachsam und neugierig sein kann. Ein ethnografischer Realismus, der einen starken Sog entwickelt.

Es geht um Leben und Überleben

Dieser harten Perspektive verpflichtet ist auch „When the Bull cried“ von Karen Vàzquez Guadarrama und Bert Goossens. Sie steigen in die bolivianischen Anden, gehen in den Berg bei Caracoles, aus dem mühsam und lebensgefährlich gefördert wird, finden eine brüchige Dorfgemeinschaft, in der die Männer zwischen Schuften, Schnaps und Schlägen leben und die Frauen in den erbärmlichen Hütten ihre Familien irgendwie zusammenhalten. Es geht um Leben und Überleben, Sterben und Steine, aus denen nicht viel zu holen ist. Ohne Beharrlichkeit sind wir nichts, sagt einer. Es klingt wie eine Anrufung unter trügerisch blauem Himmel.

Das war einer von jener Art von Dokfilmen, für die Monika Grütters, die Kulturministerin, bei der Eröffnung mehr Wertschätzung und mehr zuschauerfreundliche Sendezeit in TV-Programmen forderte. Filme, die in starken Bildern erzählen und sich mit der Wirklichkeit auseinander setzen. Hierzulande und weltweit. Was wohl von Trailer-Hunden beim heftigen Schütteln abperlt. Da sind Tauben als Träger von Botschaften einfach verlässlicher.

Von Norbert Wehrstedt

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