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Kultur Heinrich Breloer: „Für Frauen war Brecht eine Zumutung“
Nachrichten Kultur Heinrich Breloer: „Für Frauen war Brecht eine Zumutung“
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14:01 12.02.2019
„Jeder Zuschauer kann sich seinen eigenen Brecht zusammensetzen“: Heinrich Breloer (Mitte) mit Kameramann Michael Praun. Quelle: Nik Konietzny
Berlin

Heinrich Breloer hat sich schon früh mit Bertolt Brecht beschäftigt: Ende der 70er-Jahre machte er sich auf nach Augsburg. Er traf einstige Wegbegleiter Brechts und erzählte im Film „Bi und Bidi“ von Brechts erster großer Liebe Paula Banholzer. Nun widmet sich Breloer in seinem „Brecht“ dem Leben des Dichters von den jungen Jahren in Augsburg bis zum Tod 1956 in der DDR. Breloers Ziel: den Menschen Brecht hinter der Ikone zu entdecken. Tom Schilling spielt den jungen Draufgänger, Burghart Klaußner den mit sich hadernden alten Brecht.

Herr Breloer, wie würden Sie einem genervten Deutsch-Abiturienten erklären, warum die Beschäftigung mit Bertolt Brecht lohnt?

Lieber Herr Primaner, würde ich sagen, bei Brecht können Sie das kritische Denken lernen. Und das werden Sie in Ihrem Leben noch brauchen. Nehmen Sie nur mal die „Fragen eines lesenden Arbeiters“ zur Hand. Da stehen so kluge Sätze drin wie: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ Bei Brecht lernt man, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

Wann fing Ihre Beschäftigung mit Brecht an?

Schon im katholischen Internat. Wie haben jeden Morgen das Glaubensbekenntnis gebetet, und dann schenkte mir ein Freund „Die Hauspostille“, also diese Sammlung von Predigertext-Parodien. „Lasst Euch nicht verführen! Es gibt keine Wiederkehr“, war da zu lesen. Das waren die ersten Risse in dem fest gefügten katholischen Himmel über mir. Diese Texte haben mich ermutigt. So eine Ermutigung braucht doch auch heute noch jeder, wenn er einen eigenen Weg gehen will.

Worin besteht für Sie der Kern von Brechts Denken?

Ganz klar: Es geht um den unbedingten Glauben an die Vernunft und um das Recht auf Zweifel. In der SED waren nach Brechts Rückkehr in die DDR vor allem Dogmatiker gefragt. Die machten Karriere. Brecht dagegen denkt bei der Entwicklung einer neuen Gesellschaft in Modellen. Die kann man ändern. Für die Dogmatiker in der SED war der Sieg des Proletariats im Klassenkampf so fest eingetaktet wie die Ankunft des nächsten ICE in besseren Tagen der Deutschen Bahn.

Wieso hat Brecht so fest an den Aufbau des Sozialismus geglaubt?

Hat er das? Denken Sie an seine Texte nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand vom 17. Juni 1953, die er nur für die Schublade zu schreiben wagte. Da ist dieses schöne Zitat aus den „Buckower Elegien“, das geht so: „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Warum ist er in der DDR geblieben?

Weil er an die Arbeiter, die guten Kommunisten geglaubt hat. Weil er gehofft hat, dass mit ihnen in Zukunft eine andere, bessere Gesellschaft möglich wird. Er war überzeugt davon, dass sich der Mensch ändert, wenn sich die Lebensbedingungen ändern. Mir fällt da die Magd Grusche aus dem „Kaukasischen Kreidekreis“ ein: Als sie mit dem Kind in die Berge flieht, will ihr der Ziegenhirte keine Milch geben. Warum ist er so böse? Weil ihm Ziegen gestohlen wurden. Hätte er mehr Ziegen, könnte er ein freundlicherer Mensch sein. Gleichzeitig hatte Brecht aber auch das Gefühl, Schuld auf sich geladen zu haben. Er wusste, dass er sich taktisch, opportunistisch verhielt. Keinesfalls wollte er sein Theater am Schiffbauerdamm verlieren.

Lion Freuchtwanger nannte Brecht einen „Menschenfresser“: Stimmen Sie zu?

Na ja, jeder Künstler verarbeitet die Menschen seiner Umgebung in seiner Kunst. Tatsächlich aber war Brecht für andere oft eine Zumutung, besonders für Frauen. Zwei von ihnen haben Selbstmordversuche unternommen. Vielleicht waren das auch Signale an Brecht, wenn er sich anderen, neuen Liebesverhältnissen zugewendet hatte.

Käme Brecht nach heutigen MeToo-Maßstäben ungeschoren davon?

Sicher nicht. Aber Sie können nicht die Lupe von heute auf die Geschehnisse von damals legen. Zudem war der Mann extrem eifersüchtig: Er hat es als Treuebruch gesehen, wenn ihn jemand verlassen wollte.

Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte zwischen Brechts Epischem Theater und Ihrem dokufiktionalen Erzählen?

Gewissermaßen habe ich ebenso einen Verfremdungseffekt eingebaut. Wichtig ist, dass ich das Publikum in das Stück respektive in den Film hineinziehe und es dann wieder auf Distanz bringe. Das ergibt sich durch den Wechsel etwa von einem Interview zu einer Spielszene, bei dem auch mal Widersprüche auszuhalten sind. Der kalkulierte Zusammenprall zwischen Dokumentation und Spiel erzeugt im Kopf etwas Drittes, Neues.

Die Schauspielerin Regine Lutz sagt in Ihrem Film Erstaunliches: „Brecht hat mich gekannt und zwar sehr gut. Ihn konnte man aber nicht kennen.“ Ja, kennen Sie Brecht nun oder nicht?

Diese Interviewpassage hätte mancher gern gestrichen gesehen: Wie kann man bloß nach bald 180 Brecht-Minuten so eine Bemerkung einbauen? Ich finde sie aber wichtig. Damit möchte ich daran erinnern, dass sich Brecht selbst nie auf ein einziges Bild festlegen lassen wollte. Sein Freund Bronnen sagte mal: „Brecht hatte die Gabe, sich andauernd zu vervielfältigen.“ Aus meinem Film kann sich nun jeder Zuschauer seinen eigenen Brecht zusammensetzen. Mit vielen Fragen hoffentlich, die ihn zum Lesen des Originals führen.

Zu sehen ist „Brecht“ von heute an in vielen Kinos. Zugleich erscheint Breloers Buch über Brecht (Kiepenheuer & Witsch, 528 Seiten, 26 Euro). Im März wandert der Film ins Fernsehen: Arte zeigt „Brecht“ am Freitag, 22. März, die ARD am 27. März, jeweils um 20.15 Uhr. Als Dreingabe gibt es im Anschluss jeweils noch die Doku „Brecht und das Berliner Ensemble“.

Von Stefan Stosch / RND

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