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Kultur Gerhard Richters demokratische Malerei
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00:17 02.07.2018
Zehn Meter lang: Der Digitaldruck „Strip“ von Gerhard Richter aus den Jahren 2013/2016. Quelle: dpa
Potsdam

Gerhard Richter lacht. Es ist ein warmes Lachen, als er zur Tür herein kommt. Bis er die rund 200 Journalisten sieht, die im Museum Barberini in Potsdam auf ihn warten. Das Lachen wird zum Lächeln. Es signalisiert Skepsis.

Der 86-jährige Maler wird seit Jahren gehandelt wie ein Popstar. Seine Werke verkaufen sich weltweit zu Höchstpreisen. Doch Gerhard Richter scheint der Rummel um seine Person alles andere als recht. Zögerlich, fast tastend, bewegt er sich auf seinen Platz, um auf Fragen zu antworten. Oder es wenigstens zu versuchen. Denn das Erklären seiner Kunst ist seine Sache nicht. Überhaupt ist er kein Mann der Worte. Über Kunst sollte man nicht reden, man sollte sie anschauen, signalisieren seine Mimik, sein Achselzucken, seine stockenden Antworten.

Mehr als 90 Werke im Barberini

Das Potsdamer Museum Barberini bietet den kommenden Monaten die Gelegenheit, sich mit seiner Kunst auseinanderzusetzen. „Gerhard Richter. Abstraktion“ heißt die Ausstellung, die heute Abend eröffnet wird und mehr als 90 seiner Werke seit den 60er-Jahren zeigt. Es ist die erste Ausstellung, die sich auf die abstrakten Bilder Richters konzentriert, wie Museumsdirektorin Ortrud Westheider betont. Also keine verschwommenen Fotobilder, keine konkretistischen Werke, die die dunklen und dunkelsten Seiten deutscher Geschichte thematisieren –keine Bader-Meinhofs und kein Birkenau-Zyklus. Sondern Bilder, die durch ihre Farben und Formen wirken, ohne sich auf einen Gegenstand zu beziehen oder eine spezielle Bedeutung zu beanspruchen.

Zwischen Größenwahn und Verzweiflung

Steckt denn wenigstens eine bestimmte Haltung hinter diesem stilistisch wie thematisch so breit gefächerten Werk? Richter schaut ungläubig in die Runde, als verstünde er die Frage nicht wirklich. Haltung? „Mein Hauptinteresse ist es, zu malen“, sagt er. Alles weitere überlasse er den Analytikern und Philosophen. „Was ich brauche, ist eine gewisse Freiheit, zu tun, was ich will“, ergänzt er noch.

Richter kokettiert gerne mit einer Art anti-intellektuellen Unbedarftheit. „Beim Malen ist das denken das malen“, hat er einmal gesagt. Und dabei bleibt es für ihn auch heute. Er ist der Mann, der mit dem Zufall spielt, und ihm eine ästhetische Form gibt, wenn er mit der Rakel über die Bildfläche fährt und dabei ungeahnte Strukturen voller Schönheit hervorbringt. Neuerdings macht er das auch mit einem Küchenmesser. „Irgendwann ist das Bild dann fertig“, sagt er. Aber wann, das könne er vorher auch nicht ahnen. Davor schwanke er „pausenlos zwischen Größenwahn und Verzweiflung“.

Wobei er den Größenwahn lieber für sich behält. Nein, ein Gerhard-Richter-Museum sollte es lieber nicht geben, sagt einer, der längst in einer Reihe mit Größen wie Dalí oder Picasso genannt wird, deren Werke selbstverständlich in eigens dafür bestimmten Kunsthallen stehen. „Mir ist es lieber, wenn meine Bilder mit anderen zusammen sind“, stapelt Richter tief. Selbst die eigenen Bildtitel stellt er plötzlich in Frage. „Abstraktes Bild“ steht unter zahlreichen seiner Bilder seit den 70er-Jahren. „ Abstrakt ist eigentlich kein glücklicher Begriff“, sagt er in Vorfeld der Potsdamer Abstraktions-Ausstellung. „Ungegenständlich“ würde ihm mittlerweile besser gefallen, denn es seien doch „Bilder, die auf nichts zeigen“.

Der Skeptiker Gerhard Richter

Und da ist er wieder. Der Künstler, der sich auf nichts festlegen lassen will. Gerhard Richter ist ein Skeptiker. Er bezweifelt jede feste Deutung der Welt, jede Verabsolutierung einer Perspektive. Alles lässt sich für ihn in Frage stellen. Das bezeugen auch die mehr als 90 Arbeiten, die im Barberini auf zwei Stockwerken zu sehen sind.

Es sind Bilder, die sämtliche Hierarchien einreißen. Gleich die ersten Arbeit von Mitte der 60er-Jahre zeigen das. Vorhang von 1964 und Vorhang III von 1965 sind in Schwarz-weiß gemalt. Zu sehen sind Flächen mit Falten, bei denen vorne und hinten verschwimmen. Der textile Einrichtungsgegenstand wird zu einer oszillierenden Oberfläche, die sich von seiner Gegenständlichkeit ablöst.

Gerhard Richter. Abstraktionen

Gerhard Richter wurde 1936 in Dresden geboren. Nach der Ausbildung an der Dresdener Hochschule für Bildende Künste verließ er die DDR 1961 kurz vor dem Mauerbau und übersiedelte ins Rheinland.

Der Maler, Bildhauer und Fotograf gehört zu den weltweit bekanntesten Vertretern zeitgenössischer Kunst.

Gerhard Richter. Abstraktion. Museum Barberini, Am Alten Markt 5-6, Potsdam. Mo, Mi-So 10-19 Uhr, Do 10-21 Uhr. Eintritt: 14 Euro. Bis 21. 10.

Vorne, hinten, oben, unten, zentral, nebensächlich –bei Gerhard Richter lösen sich diese Ordnungsprinzipien auf oder sie wechseln ständig die Position. Deutlich zu sehen ist das auch an den fast zeitgleich entstandenen Farbtafeln. In Abgrenzung zur klassischen Avantgarde, etwa eines Kasimir Malewitsch, dessen farbige Quadrate quasi zum Wesen der Farbe vordringen wollten, setzt Richter streng nach dem Zufallsprinzip 1025 Farbquadrate auf die Leinwand. Keine der Farbflächen dominiert, keine rückt länger in den Hintergrund. Die Leinwand scheint zu Vibrieren, so dass jedes Element zum Zuge kommt. So etwas muss man wohl als demokratische Kunst bezeichnen.

Keine Sicht hat vollkommen Recht

Es sind diese Wechselverhältnisse, das Abgleichen der unterschiedlichen Perspektiven, die sich durch zahlreiche Werke Richters durchziehen und die den Betrachter dazu bringen, selbst den Standpunkt zu be- und überdenken oder ihn gar zu wechseln. Im oberen Stockwerk des Barberini ist eine Skulptur aus Glas aufgebaut. „Sieben Scheiben (Kartenhaus)“ hat Richter sie 2013 genannt. Übermenschlich groß stehen sie ineinander verkanntet in der Mitte des Raumes. Der Betrachter sieht sich selbst, gebrochen in den Spiegelungen. Mit jeder kleinsten Bewegung tut sich ein neuer Durchblick auf. Von draußen durch die Fenster erscheint plötzlich das Landtagsschloss, es kommuniziert unfreiwillig mit der halb abgerissenen Plattenbauruine gegenüber. Es gibt keinen Ort, von dem aus alles und schon gar nichts eindeutig zu sehen ist. Jede Sicht hat ihr Recht, aber keine hat vollkommen Recht.

Farbenstark, die jüngsten Arbeiten

Nichts hat Vorrang. So auch in den neuesten, abstrakten Arbeiten. Richter schichtet Farbfläche auf Farbfläche. Es sind starke Farben, oft die Primärfarben rot, blau, gelb. Es tun sich Welten auf –Landschaften, Figuren, Gesichter. Doch was zu sehen ist, passiert zu weiten Teilen im Kopf des Betrachters. Gerhart Richter hat lediglich Farben auf die Leinwand gespachtelt. Mal tritt der Hintergrund nach vorne, dann entschwindet er wieder. Aber was heißt lediglich – diese Farben sind von faszinierender Schönheit.

Auch dem Künstler gefällt es ganz offensichtlich. Er hat an der Schau vom fernen Köln aus mitgewirkt und dafür gesorgt, dass Werke direkt aus dem Atelier nach Potsdam kamen. Sie sind erstmals zu sehen. „Es sind schöne Überraschungen dabei“, sagt Richter und meint vor allem diejenigen Bilder, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, weil sie im Privatbesitz sind. Manche habe er schon fast vergessen gehabt, sagt er und freut sich, dass er gleich wieder gehen kann. Keine Einzelinterviews, Fotos nur zwei Minuten lang, und vor allem: keine Autogramme.

Von Mathias Richter

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