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16:01 10.02.2018
Kevin Kühnert, der Bundesvorsitzende der Jusos, steht im ZDF-Fernsehstudio vor einer Bildschirmwand mit einem Foto des SPD-Parteivorsitzenden Martin Schulz. Quelle: dpa
Hannover

Als Alexander der Große sich aufmachte, die halbe Welt zu erobern, war er 21 Jahre alt. Als er 323 in Babylon starb, 32. In der Zwischenzeit hatte der Makedonier auf seinem Heereszug ein riesiges Reich zwischen der heutigen Türkei und Indien unter seine Herrschaft gebracht. So manches ist uns aus dieser Zeit überliefert, vieles nicht. Es fällt allerdings schwer, sich vorzustellen, dass irgendwo in den Weiten der hellenistischen Antike ein alter erfahrener Mann saß und sagte: „Das hat der Alexander gut gemacht – für sein Alter.“

Als Kevin Kühnert sich aufmachte, die Neuauflage einer Großen Koalition zu verhindern, war er 28 Jahre alt. Ihm gelang es, fast die Hälfte der Delegierten eines SPD-Bundesparteitags in Bonn hinter sich zu vereinen, mit argumentativer Klarheit, hoher Professionalität und stoischer Ruhe. Es ist daher schwer, sich vorzustellen, dass irgendwo in den Weiten unserer modernen Medienlandschaft ein älterer Mann sitzt und Kühnert fragt: „Mit wem besprechen Sie sich eigentlich, mit Ihren Eltern?“

Schwer vorzustellen, und doch, es war Markus Lanz, der Kühnert genau diese Frage stellte. Als hätte er einen siebenjährigen Jungen vor sich, der seine Eltern fragen muss, ob er noch eine Stunde auf den Bolzplatz darf, bevor die Dämmerung einsetzt. Lanz fand es auch „erstaunlich, mit welcher Überzeugungskraft man auch mit 28 Jahren Reden halten kann, wenn man an das glaubt, was man da sagt“.

Ja, warum denn, möchte man dem 48-jährigen TV-Fragesteller entgegnen, soll ein 28-Jähriger keine Überzeugungskraft haben? Und keine gute Reden halten können? Nur weil er 28 ist?

Oft wird vor Altersdiskriminierung gewarnt: Ageism nennen das die Amerikaner. Doch meist sind es die Älteren, die sich da unter dieser Überschrift selbst in Schutz nehmen. Wer aber schützt die Jungen?

„Tagesschau.de“ nannte Kühnert wie ein Kita-Kind einfach nur beim Vornamen: „Kevin ganz groß“, „Bild“ schrieb „Milchgesicht“ und der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke duzte Kühnert bei „Maybrit Illner“ – während er alle anderen Gäste siezte.

Nicht mal junge Regierungschefs sind vor Provokationen wegen ihres Alters sicher. Der 31-jährige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz musste sich von Sandra Maischberger die Frage gefallen lassen, ob er noch einen Studentenausweis besitzt.

Haben wir ein Problem mit jungen Menschen?

Eigentlich nicht. Im Gegenteil. Die Jugend und das Jungsein sind heute mehr denn je Orientierungspunkt und Ideal.

Betrachtet man das Auftreten der 40- bis 50-Jährigen in den vergangenen 100 Jahren, dann sind aus fast schon alten Menschen gegen Ende des 20. Jahrhunderts späte Jugendliche geworden. Die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 1900 lag in Deutschland für Männer bei 46,4 und für Frauen bei 52,5 Jahren. Der 40. Geburtstag bedeutete damals, schon so langsam auf die Zielgerade einzubiegen. In unserer Zeit werden Männer im Durchschnitt 78,4, Frauen gar 83,4 Jahre alt.

Da bleibt mehr Zeit, jung zu sein: Männer wie Frauen retten heute ihre Chucks ins fünfte Lebensjahrzehnt, laufen mit weißen Kopfhörern im Ohr durch die Stadt, um sich einen neuen Kapuzenpulli zu kaufen, und üben fleißig, mit ihren Kindern über Snapchat zu kommunizieren. Die Fitnessstudios sind voll von Leuten, die ihren Körper möglichst lange in der Form der ersten drei Lebensjahrzehnte halten wollen. Und auch beim Musikgeschmack können sich Vater und Sohn, Mutter und Tochter heute gut einigen, weil auch die ältere Generation Kendrick Lamar oder Lorde gut findet. Deutschland entwickelt sich immer mehr zum Land der Junggebliebenen. Der Zustand der Postadoleszenz weitet sich immer mehr aus.

Junge Menschen sind begehrt. Kommunen locken sie mit finanzieller Unterstützung beim Hausbau und anderen Vergünstigungen. Die Wissenschaft versucht seit Jahren, mit der Juniorprofessur den Nachwuchs besser zu fördern und schneller ins akademische System zu integrieren. In Firmen hat der Wettlauf um die jungen Fachkräfte längst begonnen. Die Nachfrage ist groß, das Angebot aber klein.

In den Führungsetagen der Dax-Unternehmen aber regieren noch die Älteren. Der Altersdurchschnitt der Vorstände ist in den vergangenen Jahren sogar wieder gestiegen und lag, Stand 2015, bei 54 Jahren. Anders in den USA: Dort leiten auch junge CEOs wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg (33), Instagram-Boss Kevin Systrom (34) oder auch der Deutsche Florian Leibert (35), der mit seiner Firma Mesosphere im Silicon Valley eine Art neues Betriebssystem entwickelt, bedeutende Firmen.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2012 fühlten sich 29 Prozent der unter 30-Jährigen schon einmal wegen ihres jungen Alters zurückgesetzt. Erstaunlich viel, aber kein exklusives Problem: Es ist bekannt, dass auch viele alte Menschen häufig Benachteiligungen erleben, bei der Jobsuche, bei der Wohnungssuche, im Gesundheitssystem.

Politisch ist Altersdiskriminierung erst in den vergangenen Jahrzehnten als Problem erkannt worden. Im Grundgesetz heißt es in Artikel 3: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Das Alter fehlt dort. Erst im Antidiskriminierungsgesetz von 2006 taucht es auf.

Nun wäre es unangebracht, Sebastian Kurz, Kevin Kühnert und deren Altersgenossen wegen ein paar höhnischer Kommentare gleich in die Riege der Diskriminierungsopfer einzureihen. Doch Jungsein ist vor allem für Politiker ein virulentes Problem: „Wer unter 30 ist, wird nicht ernst genommen“, sagt Wolfgang Gründinger.

Der promovierte Politikwissenschaftler sitzt im Vorstand der Stiftung Generationengerechtigkeit und ist Referent für Digitale Transformation beim Bundesverband Digitale Wirtschaft. „Oft heißt es: ,Sie sind zwar klug, aber alles können Sie ja noch gar nicht wissen.’ Dabei wissen junge Menschen oft mehr als die Alten. Das wird gerne vergessen.“ Gründinger, der sich selbst als Zukunftslobbyist bezeichnet, fordert daher, junge Menschen ins Kabinett zu holen. Denn die hätten nun einmal einen ganz anderen Blick auf die Welt als Ältere. Und er fordert, den Bundestag zu verjüngen: „Ich stelle mir eine Jugendquote vor, bei der jeder fünfte Platz auf den Parteilisten an jemanden unter 35 Jahren gehen muss. Das würde die Politik zumindest etwas verjüngen.“

Wie notwendig das eigentlich wäre, zeigt die Altersstatistik des aktuellen Bundestags: Von 709 Abgeordneten im aktuellen Deutschen Bundestag sind lediglich 33 jünger als 30 Jahre.

Rechtlich spräche nichts gegen eine deutliche Verjüngung. Wählen dürfen die Deutschen auf Bundesebene ab 18, gewählt werden ebenfalls. Theoretisch kann man mit 18 Jahren Bundeskanzler werden, Minister auch. Nur der Bundespräsident muss mindestens 40 Jahre alt sein. Aber mit 40 ist man ja auch erst fünf Jahre aus dem Alter herausgewachsen, in dem man noch Mitglied der Parteijugendorganisationen etwa von CDU, SPD und FDP sein kann.

Dennoch: Erfahrung gilt in der deutschen Politik noch immer als eine der entscheidenden Währungen. Lange Zeit war der jüngste Bundeskanzler bei Amtsantritt Helmut Kohl: mit 52 Jahren. Ein Jahr jünger war Angela Merkel, als sie 2005 die Regierungsgeschäfte übernahm. Dass es auch anders geht, zeigen – neben Österreich – diverse andere europäische Länder: Emmanuel Macron war 39, als er vergangenes Jahr in den Élysée-Palast einzog, der ehemalige italienische Ministerpräsident Matteo Renzi zählte beim Amtsantritt ebenfalls 39 Jahre, und der Kanadier Justin Trudeau 43.

Junge Menschen machen natürlich nicht automatisch die bessere oder schlechtere Politik, nur weil sie jung sind. Genauso wenig, wie ältere Menschen richtigere Entscheidungen treffen oder Situationen besser einschätzen, nur weil sie älter und erfahrener sind.

Die Politik braucht die Ideen, die Erfahrung, die Kreativität und den Sachverstand aller Generationen. Und sie alle, Alte, Mittelalte und Junge, haben ein Recht darauf, auf sachlicher Ebene beurteilt und kritisiert zu werden – und nicht aufgrund ihres Alters.

Zumal in der Kritik an den jungen Menschen ja oftmals auch ein wenig Neid mitschwingt, weil das Jungsein dann irgendwann doch hinter einem liegt. Unwiederbringlich. Oder wie schon Salvador Dali nicht ohne Bitterkeit bemerkte: „Der größte Fehler, den die Jugend von heute hat, ist der, dass man nicht mehr zu ihr gehört.“

Von Kristian Teetz

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