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17:33 25.11.2018
Gut fürs Vorankommen, schlecht fürs Klima. Wer fliegt, schadet der Umwelt. Quelle: Patrick Pleul/dpa
Hannover

Ein neues Wort ist aus Schweden zu uns gekommen: Flugscham (im Original: Flygskam). Es handelt sich um die Scham, ein Flugzeug zu benutzen. Die Scham, nicht die Angst. Scham entsteht, wenn man das Gefühl hat, anderen etwas zuzumuten. Wem egal ist, wie sein Verhalten auf andere wirkt, der muss sich auch nicht schämen. Er müsste sich allerdings von anderen vorwerfen lassen, dreist oder dumm zu sein.

Die Scham, in ein Flugzeug zu steigen, resultiert aus Wissen. Wer weiß, dass Flugzeuge im Betrieb eine Menge Kerosin verbrauchen, das aus Erdöl gewonnen wird, das seit Millionen von Jahren in unterirdischen Lagerstätten ruht und besser dort unten bliebe, um den Klimawandel nicht weiter zu befeuern, der müsste eigentlich so weit es geht aufs Fliegen verzichten. Weil es vernünftig ist.

In Schweden hat etwas begonnen. Björn Ferry, ehemaliger Weltcup- und Olympiasieger im Biathlon soll die anstehende Wintersportsaison im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kommentieren. Er sagte zu – unter der Bedingung, dass er dafür keine Flugreisen unternehmen müsse. So reist er zu den Austragungsorten in Italien, Slowenien oder Norwegen mit der Bahn, wenn es geht mit dem Nachtzug. Viele handeln so wie er. Und so verzeichnen die schwedischen Staatsbahnen gerade einen massiven Anstieg bei der Belegung von Nachtzügen.

Aber die Kreuzfahrtschiffe...

Natürlich ist Fliegen angenehm und praktisch und billig. Viele würden ungern darauf verzichten. Ihre Argumente erschöpfen sich meist im Verweis auf andere Großnutzer fossiler Energieträger: Ja, aber die Kreuzfahrtschiffe.... Ja, aber die Amerikaner…. Ja, aber die Chinesen… . Das ist alles richtig, aber es kann einem die Flugscham am Ende doch nicht nehmen. Denn alle Verweise auf andere Energieverbraucher ändern ja nichts daran, dass Nichtfliegen deutlich umweltfreundlicher ist als Fliegen.

Und dann gibt es noch das Argument, dass das mit dem Klimawandel wohl doch nicht so dramatisch sei, wie die Wissenschaftler gemeinhin behaupten. Das allerdings ist kein Argument; es ist gefährlicher Unsinn. Es gibt keinen wissenschaftlichen Dissens darüber, dass die Verbrennung fossiler Energieträger Auswirkungen auf das Klima hat.

Man weiß schon seit Jahren, dass der zunehmende Ausstoß von Kohlendioxid problematisch ist. Und jetzt bekommen wir es auch zu spüren. Meteorologen stellen fest, dass sich der Jet-Stream, der Windstrom in großen Höhen, abschwächt. Das liegt daran, dass die Temperaturdifferenzen zwischen Nordpol und Äquator schwächer werden. Das wiederum führt zu Wetterlagen, die über Wochen beständig sein können. Die Folgen sind über lange Zeit andauernde Regenfälle und Überschwemmungen an der einen, extreme Trockenheit und daraus resultierende Waldbrände an der anderen Stelle. Wer solche Nachrichten aufmerksam verfolgt, weiß, dass wir uns mitten in einem dramatischen Prozess befinden. Das Klima ändert sich. Der Planet reagiert auf die Taten der Menschen.

„Unumkehrbare Folgen“

Die jüngsten Messergebnisse von Klimaforschern belegen: Nie war die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre so hoch wie jetzt. „Es gibt keine Anzeichen für eine Umkehrung des Trends, der zu langfristigem Klimawandel, dem Meeresspiegelanstieg, der Versauerung der Meere und mehr extremen Wettersituationen beiträgt“, warnte die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am Donnerstag in Genf. „Ohne eine Verringerung von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen wird der Klimawandel zerstörerische und unumkehrbare Folgen für die Erde haben“, sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas. „Die Chance, noch einzugreifen, ist fast vertan.“

Einige mögen sich an die bereits vielfach vorgetragenen Warnungen gewöhnt haben und sie nur noch schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Bei anderen aber tut sich etwas. Bei immer mehr Menschen scheint ein Bewusstsein dafür zu wachsen, dass wir mit dem CO2-Ausstoß, den unsere Lebensweise mit sich bringt, ein gigantisches Experiment mit dem Erdball begonnen haben. Experimente können gefährlich sein, vor allem, wenn sie nicht in geschützten Laboren, sondern in unserer Umwelt stattfinden. Wir kennen das Ende nicht. Jedenfalls mehren sich die Zeichen, die auf eine dramatische Entwicklung deuten.

Immer mehr Menschen meinen daher, dass es Zeit wäre, innezuhalten und den Verbrauch fossiler Energieträger radikal zu reduzieren. Und sie beginnen im eigenen Alltag damit: keine Kreuzfahrten mehr, keine Flugreisen, weniger Fleischverzehr, Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel statt privater Autonutzung. Der Effekt, den das Verhalten das Einzelnen hat, ist minimal, aber wenn viele so handeln, könnte sich eben doch etwas ändern. Es sind keine Ökospinner, die jetzt beginnen, auf Flugreisen und wo es geht auch auf Autofahrten zu verzichten. Es sind Menschen, die nachdenken, und die beschlossen haben, ihren Mitmenschen weniger zu schaden.

Der Klimawandel ist ein Beispiel für das Allmendeproblem

Wir haben es beim Klimawandel auch mit dem aus den Wirtschaftswissenschaften bekannten Allmendeproblem zu tun. Ein Gut, das allen kostenlos zur Verfügung steht, neigt dazu von allen rücksichtslos in Anspruch genommen zu werden. Luft kostet nichts, also kann man sie zum Zweck der Verbrennung nutzen, wie es einem gefällt. Droht irgendwann die Knappheit des Gratisguts, gibt es zwei Möglichkeiten: der Zusammenbruch des Systems (was im Fall der Atmosphäre nicht wünschenswert wäre) oder der Einsatz von Regelungen. Das können Gesetze sein, die festlegen, was jedem zusteht. Es könnte aber auch Höflichkeit sein. Die Allmende, landwirtschaftlicher Besitz, der allen gehört und den alle nutzen können, hat ja über Jahrhunderte funktioniert – weil Menschen soziale Wesen sind, weil sie sich an Regeln des Zusammenlebens halten, weil sie sich schämen, wenn sie mehr nehmen, als ihnen zusteht.

Das Gefühl der Scham ist ein wichtiges soziales Regulativ. So gesehen ist der Verzicht auf die Nutzung von Verkehrsformen, bei denen fossile Energieträger verbrannt werden, auch eine Form von Höflichkeit. Es dauert vielleicht, bis diese Zurückhaltung der wenigen von den Vielfliegern und Vielfahrern und Vielverbrennern als das angesehen wird, was sie ist: ein Zuvorkommen, eine Geste der Rücksichtnahme. Aber wenn das so gesehen ist, dann sind die Vielflieger in einer schwierigen Situation. Dann wäre Vielfliegen nicht mehr schick, sondern dreist.

Das eigene Handeln hat Rückwirkungen auf Andere

Der große Soziologe Norbert Elias hat das Ausrichten der eigenen Handlungen auf die Existenz der anderen als „Prozess der Zivilisation“ beschrieben. Weil man weiß, dass das eigene Handeln Rückwirkungen auf andere hat, unterwirft man sich zunehmender Selbstkontrolle. Die Sitten verfeinern sich, man hat es zunehmend mit Schamschwellen zu tun. Der Prozess, den Elias beobachtet hat, zog sich über Jahrhunderte hin und ist nicht abgeschlossen.

Jahrhunderte aber werden uns nicht mehr bleiben.

 

Von Ronald Meyer-Arlt

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