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Kultur „Mackie Messer“ – Paraderolle für Lars Eidinger
Nachrichten Kultur „Mackie Messer“ – Paraderolle für Lars Eidinger
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18:02 12.09.2018
„Die Filmindustrie ist zu doof und muss erst bankrott gehen“: Bertolt Brecht (Lars Eidinger) liebt Provokationen. Quelle: Wild Bunch
Hannover

Endlich kann Mackie Messer mit einem Metallköfferchen in der Hand die Bank gründen, die er schon immer gründen wollte – denn damit ist bekanntlich mehr Geld zu verdienen als mit dem Einbruch in eine solche. Endlich darf er von der Räuberseite auf die der Bürger wechseln, denen fühlte er sich ja schon immer zugehörig. Und endlich kriegt Bertolt Brecht seinen „Dreigroschenfilm“, den er nie hat drehen dürfen.

Regisseur Lang schöpft aus einem reichen Fundus

90 Jahre nach der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ am Berliner Schiffbauerdamm hat Regisseur Joachim A. Lang, ein ausgewiesener Brecht-Experte, dieses ehrgeizige Projekt gestemmt. Brechts eigene Ambitionen waren einst im Clinch mit der Produktionsfirma gescheitert.

Was das Material betrifft, konnte Drehbuchautor und Regisseur Lang aus einem reichen Fundus schöpfen: Da war ja nicht nur das Stück, sondern auch Brechts viel kapitalismuskritischerer, im dänischen Exil 1934 nachgereichter „Dreigroschenroman“. Da war sein Exposé „Die Beule“ zum geplanten Film, und da waren seine soziologischen Erläuterungen zum „Dreigroschenprozess“, den er zusammen mit Kurt Weill 1930 gegen die Nero-Film angestrengt und geradezu absichtsvoll verloren hatte, um die gesellschaftlichen Machtverhältnisse klarzustellen.

Der politisch denkende Künstler gegen die allein am Kommerz interessierte Filmindustrie: Für Brecht handelte es sich um einen Schau-Prozess für die Öffentlichkeit. „Die Filmindustrie ist zu doof und muss erst bankrott gehen“, lautet hier ein zentraler Satz des Dichters.

Süffige Songs vom bezahnten Haifisch und der Seeräuber-Jenny

Die Fassung von Regisseur Georg Wilhelm Pabst kam 1931 weitgehend ohne Brechts Ideen ins Kino. Noch einmal zwei Jahre später war Brecht auf der Flucht vor dem von ihm als „Anstreicher“ verspotteten Adolf Hitler. Brechts bis dahin in 18 Sprachen übersetztes Sensationsstück hatten die Nationalsozialisten sofort nach der siegreichen Reichstagswahl 1933 verboten.

Und nun sind im aktuellen Film noch einmal die süffigen Songs vom Haifisch mit den Zähnen zu hören, von der sich rächenden Seeräuber-Jenny und vom Fressen und der erst danach folgenden Moral. Noch einmal verführt Mackie Messer die holde Polly, die Tochter des Bettlerkönigs Peachum, der aus dem Elend ein einträgliches Geschäft gemacht hat. In üppigen Dekors und mit ordentlich Schwung wird die Geschichte vor uns ausgebreitet.

Aber das Pittoreske ist nur eine Erzählebene in Langs Film und vielleicht noch nicht einmal die wichtigste. Zugleich erleben wir Brecht (Lars Eidinger) immer wieder im Disput mit den Filmproduzenten, die mit seinen kostspieligen Szenen partout nicht einverstanden sind. Mitten in den Szenen bewegen sich die Streithähne, kommentieren diese und brechen sie so auf.

Annäherung an den Film, den Brecht nie drehen konnte

Wir sehen also eine Annäherung an jenen Film, den Brecht gar nicht hat drehen können. Die Schauspieler dürfen immer wieder aus ihren Rollen hervortreten – Verfremdungseffekte, wohin man blickt. Brecht gibt Regieanweisungen und sagt: „Über dem Kanal geht der Mond auf. Ein oder zwei Monde genügen.“ Und dann gehen eben zwei Monde auf.

Damit aber nicht genug: Zum Ende ziehen SA-Horden auf, Bücher werden verbrannt. Auch Brechts entmutigte Originalstimme ist zu hören, wenn er sein Exil-Gedicht „An die Nachgeborenen“ rezitiert.

Bis in unsere Gegenwart springt der Film und lässt den Bankdirektor Mackie Messer von Geschäftsleuten als den idealen Staatschefs schwadronieren, sodass einem unweigerlich der aktuelle US-Präsident in den Sinn kommt. Ein Heer von Elendsgestalten marschiert auf den Westminster-Palast los. Zieht jetzt auch noch die Revolution herauf?

Eidingers Brecht behält in jeder Situation die Oberhand

Eine Übermenge an Stoff will Lang unterbringen, einen Parforceritt unternimmt er, in dem gelegentlich mehr ausgestellt als erzählt wird und manche Aktualisierung nicht besonders organisch wirkt. Nie kann man sich länger als ein paar Minuten auf eine Handlungsebene konzentrieren.

An einer Figur aber kann man sich festhalten: Lars Eidinger spielt Brecht als arrogant-verschmitzten Zigarrenraucher mit Stahlbrillengestell, der in jeder Diskussion die Oberhand behält und feixend mit einem Bonmot von dannen zieht. Alles, was aus Eidingers Mund kommt, ist Brecht-Originalton, collagiert aus Brecht-Stücken, Brecht-Briefen, Brecht-Gedichten. Der Drehbuchautor Lang hat diese Texte nach eigenem Gusto zusammengebaut.

Um Brecht herum spielt ein eindrucksvolles Ensemble deutschsprachiger Schauspielprominenz: Tobias Moretti als Mackie Messer, Joachim Król als mitleidloser Geschäftsmann Peachum, Claudia Michelsen als seine frustrierte Gattin, Hannah Herzsprung als sich emanzipierende Polly, Robert Stadlober als gewitzter Komponist Kurt Weill.

Brechts „Dreigroschenfilm“ ist insgesamt dennoch eher eine unterhaltsame denn eine aufrührerische Mischung. Bei einem solchen Klassiker ist das vielleicht gar nicht anders möglich. Aber man hat Freude an Brechts zeitlosen Gassenhauern und diesem tollen Ensemble.

„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, Regie: Joachim A. Lang, mit Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Robert Stadlober, 131 Minuten, FSK 6

Von Stefan Stosch / RND

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