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Kultur Wahnsinn ist gut für die Kunst
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06:00 16.04.2019
Malt wie im Fieber: Vincent van Gogh (Willem Dafoe). Quelle: Foto: DCM
Hannover

Wie hat Vincent van Gogh wohl die Natur wahrgenommen? Im Kino bekommen wir jetzt die Chance, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Mit dem Maler wandern wir über südfranzösische Felder voller verblühter Sonnenblumen, die wie dunkle Vogelscheuchen in den Himmel ragen, wir blicken in das flirrende Gelb von lichtdurchflutetem Laub, und wir drehen uns mit ihm im raschelnden, mannshohen Gras.

Ein Maler verfilmt das Leben eines anderen Malers

Einmal liegt Vincent van Gogh auf dem Rücken und lässt Ackerkrumen auf sein Gesicht niederrieseln. Er will die Erde riechen, schmecken, atmen. Er will mit der Natur verschmelzen.

So sind wir dem Mitbegründer der modernen Malerei wohl noch nie begegnet, der zu Lebzeiten kaum ein Bild verkauft hat und trotz der selbstlosen Unterstützung seines Bruders Theo stets pleite war. Dabei ist van Goghs Leben schon ziemlich oft verfilmt worden, zum Beispiel in Vincente Minnellis „Ein Leben in Leidenschaft“ (1956) mit Kirk Douglas als Maler, in Robert Altmans „Vincent und Theo“ (1990) über die innige Beziehung zu seinem Bruder oder zuletzt in dem spektakulären Animationsfilm „Loving Vincent“ (2017), in dem erst Szenen mit Schauspielern gedreht wurden, die dann 125 Künstler in 65 000 Bilder und damit die Leinwand in ein fließendes Ölgemälde verwandelten.

Regisseur Julian Schnabel nimmt gern besondere Perspektiven ein

Nun aber hat sich ein Maler einem anderen Maler angenähert: Der exzentrische Julian Schnabel verfilmt die letzten beiden Lebensjahre des besessenen van Gogh.

Ein fruchtbares Zusammentreffen ist das: Der US-Amerikaner Julian Schnabel hat in seiner zweiten Karriere als Kinoregisseur schon immer besondere Perspektiven eingenommen, exemplarisch in dem Drama „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007): Da versetzte er die Zuschauer ins Innere eines zur Bewegungslosigkeit verdammten Mannes, der am sogenannten Locked-in-Syndrom litt (verkörpert von Mathieu Amalric, hier nun wieder als Arzt in einer kleinen Rolle dabei) und dennoch zu großer geistiger Unabhängigkeit fand.

In Südfrankreich bei Arles schuf Vincent van Gogh in 16 Monaten 187 Gemälde. „Man muss schnell malen“, antwortet er seinem einzigen Freund Paul Gauguin (Oscar Isaac), als dieser beinahe erzürnt neben ihm steht und ihn zur Mäßigung anhält. Unter van Goghs rasantem Pinsel wird Farbe zur Flamme und Leben zum Fieber – und der Kameramann Benoît Delhomme filmt das alles aus schrägen Blickwinkeln, mit großer Nervosität und verschiedenen Tiefenschärfen.

Van Goghs Leben ist ein Kampf gegen die Traurigkeit

Van Goghs Leben ist ein Rausch und sein Schaffen ein ständiger Kampf gegen die Traurigkeit, die ihn zu ergreifen droht. Und doch: Nach dem Kinobesuch mag man sich Vincent van Gogh nicht mehr nur als Unglücklichen vorstellen – sondern ebenso als einen Künstler, der nur in seiner Kunst Befreiung fand. Für andere ist er in seinem Fanatismus allerdings schwer zu ertragen.

Von Vincent van Gogh wissen auch Kunstfremde, dass er gern Sonnenblumen malte, sich ein Stück vom Ohr absäbelte und im Juli 1890 einer ominösen Schussverletzung erlag. Diese Vorkommnisse werden in Julian Schnabels Film „An der Schwelle zur Ewigkeit“ durchaus beleuchtet. Aber seltsam: Innerhalb des Films wirkt zumindest die Selbstverstümmelung nach dem Verschwinden des Freundes Gauguin wie eine beinahe logische Konsequenz.

Van Gogh weiß selbst um seine Aussetzer von der Wirklichkeit. An manches kann er sich später nicht erinnern. Er reflektiert ganz nüchtern darüber, womöglich den Verstand zu verlieren. Eines aber weiß er genau: Er ist zum Maler geboren, und vielleicht gehört Verrücktheit für einen guten Maler sogar dazu. „Eine Prise Wahnsinn ist die beste Kunst“, sagt er.

Willem Dafoes Van Gogh kommt den Selbstporträts des Malers nah

„Und wieso wollen die Menschen von dieser Kunst nichts wissen?“, fragt ganz ruhig der Priester (Mads Mikkelsen), der darüber entscheiden soll, ob der Maler die Irrenanstalt wieder verlassen darf. „Ich bin ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind“, antwortet van Gogh. Und dann fügt er wie selbstverständlich hinzu: „War es bei Jesus nicht genauso?“

Diese Anmaßung ist ein cleverer Verweis auch innerhalb des Kinos: Den Schmerzensmann Jesus hat Willem Dafoe bei seinem wohl umstrittensten Auftritt auch schon gespielt – für Martin Scorsese in „Die letzte Versuchung Christi“ (1988). Nun ist er auch als van Gogh ein Gequälter, geschlagen mit einer geradezu peinigenden Empfindsamkeit, die ihm eine ganz spezielle Sicht auf die Welt eröffnet.

Willem Dafoes Erscheinung unter dem abgewetzten Sonnenhut kommt den Selbstporträts ziemlich nah, die wir vom Maler Vincent van Gogh kennen. Schon das zerklüftete Gesicht des Schauspielers ist ein Ereignis. Es spielt keine Rolle, dass er mit seinen 63 Jahren viel älter ist als van Gogh, der 1890 im Alter von 37 Jahren starb. Für diese Leistung erhielt Dafoe in Venedig den Darstellerpreis.

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