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Kultur „Gundermann“: Lebensbeichte eines Liedermachers
Nachrichten Kultur „Gundermann“: Lebensbeichte eines Liedermachers
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06:02 21.08.2018
Verliebter Kauz: Gundermann (Alexander Scheer) und seine Conny (Anna Unterberger). Quelle: Pandora
Hannover

Gegen Ende dieses tragikomischen Films will eine Journalistin von Gerhard Gundermann wissen, was er im Rückblick am meisten bereue bei seiner Stasi-Mitarbeit. Der Baggerfahrer, Liedermacher und Poet antwortet: „Den Verrat an mir selbst. Ich bin sehr enttäuscht von mir.“ Dann verlässt er fluchtartig die Zeitungsredaktion.

Wirklich entschuldigt bei den von ihm Bespitzelten hat er sich trotz Aufforderung in dem Interview eben nicht. Solche Worte klingen billig und hohl in seinen Ohren. Verzeihen können ihm eh nur die anderen.

Gundermann schnieft

Wer Andreas Dresens Kinofilm „Gundermann“ gesehen hat, glaubt dem Protagonisten seine Verzweiflung sofort. Gundermann (Alexander Scheer) ist ein Wahrheitsfanatiker, der jedem ins Gesicht sagt, was er für richtig hält, egal ob er einem Parteibonzen wegen der mangelnden Arbeitssicherheit im Lausitzer Braunkohlerevier zusetzt oder ob er seine geliebte Ehefrau Conny (Anna Unterberger) wissen lässt, dass er auch künftig nicht mehr Zeit zu Hause mit der Familie verbringen werde. Gundermann tippt sich an die übergroße Brille, schnieft, wie es wohl auch der echte Gundermann getan hat, und dann redet er sich um Kopf und Kragen.

Als sich Gundermann 1995 auf offener Konzertbühne in der Wirklichkeit und auch in diesem Film zu seiner IM-Tätigkeit bekannte, muss der Schock in seinem Umfeld riesig gewesen sein. Gundermann, im Westen bis heute weitgehend unbekannt (wer mehr wissen möchte, dem seien die soeben erschienene Briefe, Dokumente und Interviews in einem schönen Erinnerungsbuch empfohlen: „Gundermann. Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse“, Ch. Links Verlag), galt im Osten als moralische Institution, als Stimme der Wendeverlierer, als idealistischer Trotzkopf, der an eine bessere DDR geglaubt hatte – und ausgerechnet er, der melancholisch den Zauber den Alltag und auch den Tod besang, hatte zwischen 1976 und 1984 als „IM Grigori“ Kollegen und Freunde verraten.

Regisseur Dresen, geboren 1963 in Gera, und seine Drehbuchautorin Laila Stieler, geboren 1965 im thüringischen Neustadt an der Orla, nähern sich in diesem Film vorsichtig, ja, zärtlich diesem Gerhard Gundermann. Ihr Film ist der gelungene Versuch, den Titelhelden vor jeglichem historischem Schubladendenken zu bewahren. Täter oder Opfer: Die Unterscheidung greift hier zu kurz. „Gundermann“ ist eine Aufforderung, nicht in Schwarz oder Weiß, sondern in den Grautönen dazwischen zu denken.

Hoch über einer Mondlandschaft

Bevor Filmemacher in der Lage sind, distanziert und abgeklärt zurückzublicken, stecken Ihre Filmfiguren erst einmal bis zum Hals in der Gegenwart – in Gundermanns Fall in der Glaskuppel eines gigantischen Schaufelradbaggers hoch über einer Mondlandschaft oder auch bei Konzertproben in miefigen DDR-Wohnzimmern. Gundermann wollte seinen Lebensunterhalt immer mit seiner Hände Arbeit verdienen. Während seine Band „Brigade Feuerstein“ nach dem Konzert feierte, machte er sich auf zur Frühschicht.

Die Filmemacher wollen verstehen, ein bisschen jedenfalls, was Gundermann selbst wohl bis zu seinem frühen Tod 1998 im Alter von nur 43 Jahren nicht recht verstanden hatte: Wie hatte ihm das mit der Stasi bloß passieren können? Wieso hatte er seinem jovialen Führungsoffizier (Axel Prahl) vertraut? Doch wohl nicht nur deshalb, weil Gundermann endlich auch mal im Westen singen wollte?

Auftritte jenseits der Mauer waren ihm lange verboten gewesen. So wie es über ihn eine sogenannte Täterakte gab, gab es auch eine – zumindest im Film allerdings verschwundene – Opferakte. Und dann waren da ja auch noch seine Rauswürfe aus der Volksarmee und aus der SED, weil er einfach nie die Klappe halten konnte. Seinen Marx kannte er besser als jene, die vorgaben, nach dessen Ideen die DDR zu gestalten.

Selbstgerechte Empörungswelle

Gundermann sah sich als Teil seines Landes – so wie dies auch für Heiner Müller und Christa Wolf galt. Deren Namen fallen hier. Auch als die Spitzeltätigkeit dieser beiden Großkünstler bekannt wurde, rauschte eine ziemlich selbstgerechte westliche Empörungswelle heran. Regisseur Dresen und seine Drehbuchautorin Stieler stellen zumindest implizit den Nachgeborenen die Frage: Würden wir es unter ähnlichen Bedingungen wirklich besser machen?

Sobald Gundermann erkennt, dass er seine Vergangenheit nicht dauerhaft verdrängen kann, wird dieser Film zu einer Art Lebensbeichte. Fortan zieht der Ex-IM kreuzunglücklich umher und stellt sich dem, was war. Jedem erzählt er von seiner Stasi-Tätigkeit, und jeder reagiert anders, unversöhnlich die einen, geradezu erleichtert die anderen – hatten sie ihrerseits doch Gundermann ausgehorcht. Von tiefer Menschenkenntnis geprägt ist die Antwort der langgedienten Baggerfahrerin Helga (Eva Weißenborn): Sie habe sich schon so etwas gedacht, „aber was willste machen, Junge? Schlaf dich doch erst mal aus.“

Er brannte für sein Land

Vielleicht ist „Gundermann“ zu sehr mit dem Wissen unserer Gegenwart über die Vergangenheit erzählt. Vielleicht lastet die Schuld zu sehr auf diesem komischen Kauz, der für seine Lieder, seine Arbeit und auch für seine DDR brannte – und umso enttäuschter vom real existierenden Sozialismus war, dem er sich dennoch verpflichtet fühlte. Er habe aufs richtige Pferd gesetzt, leider habe es nicht gewonnen, sagt Gundermann.

Ein bisschen Glück genoss aber auch Gundermann: Da ist ja noch die nimmer endende Liebesgeschichte mit Conny, die er nach sehnsüchtigen Wartejahren einem Bandkollegen ausspannt – auch nicht gerade ein feiner Charakterzug. Und da sind vor allem die 18 neu bearbeiteten Gundermann-Lieder, die der phänomenale Hauptdarsteller Alexander Scheer allesamt selbst singt und dazu Gitarre spielt. „Gundermann“ erzählt nicht nur von Gerhard Gundermann, sondern auch von dessen Musik.

Von Stefan Stosch / RND

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