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Kultur „Ein Leben“ – Traum und Wirklichkeit
Nachrichten Kultur „Ein Leben“ – Traum und Wirklichkeit
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06:02 24.05.2018
Naiver Glaube an das Gute im Menschen: Jeanne (Judith Chemla) hält an ihren Idealen fest. Quelle: Foto: Film Kino Text
Hannover

Eine Wendung, die überrascht: Nach seinem harten Film „Der Wert des Menschen“ über das sozial kalte Frankreich von heute begibt sich Stéphane Brizé auf neues Terrain. Mit der Verfilmung von Guy de Maupassants Debütroman über das Schicksal einer jungen Adeligen im männerdominierten 19. Jahrhundert gelingt ihm eine atmosphärisch dichte Literaturadaption weit weg von üblichen Kostümfilmen.

Schicksalhafte Begegnung mit einem verarmten Vicomte

Jeanne (Judith Chemla) will die Schönheit des Lebens sehen und nicht die Wirklichkeit, trauert dem Verlust des Paradieses ihrer Kindheit nach. Nach der Klosterschule kehrt sie ins Haus ihrer Eltern zurück, genießt die gemächlichen Sommertage und begegnet dem attraktiven und verarmten Vicomte Julien de Lamare (Swann Arlaud).

Nach der Hochzeit ist die Romantik vorbei, der frisch angetraute Gatte hält es mit der Treue nicht so genau und zeugt nicht nur mit ihr Kinder, was Jeanne zutiefst verletzt. Obgleich sie nach und nach einige Illusionen verliert, wenn Mann und Sohn sie in den finanziellen Ruin treiben, hält sie an ihrem naiven Glauben an das Gute fest.

Brizé fokussiert sich auf das Innenleben seiner Heldin

Brizé, der seiner Heldin 27 Jahre lang (ab deren 20. Lebensjahr) folgt, verzichtet auf opulente Breitwandbilder und setzt auf ein karges quadratisches Bildformat, fokussiert sich dadurch stärker auf das zerbrechliche Innere seiner tragische Heldin, aus deren Perspektive – anders als im Buch – die Geschichte konsequent erzählt wird. Jeanne versucht auch als Erwachsene, ihrer Utopie zu folgen und reibt sich daran auf. Irgendwann rafft sie sich zu einem Gefühlsausbruch auf.

Die elliptische Erzählform mit zahlreichen Rückblenden erfordern ein Stück Geduld, ebenso Jeannes zumeist passive Haltung, die weit entfernt vom Feuer einer anderen Romanheldin ist – Gustave Flauberts „Madame Bovary“. Das poetische und elegante Drama kriegt die Kurve durch die wunderbare Performance von Judith Chemla, deren Traum von einem guten Leben in Melancholie versinkt.

Von Margret Köhler / RND

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