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Kultur „Die Frau des Nobelpreisträgers“: Mehr als eine Muse
Nachrichten Kultur „Die Frau des Nobelpreisträgers“: Mehr als eine Muse
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06:00 02.01.2019
Ist das endlich der ersehnte Anruf aus Schweden? Joe Castleman (Jonathan Pryce) mit seiner Frau Joan (Glenn Close). Quelle: Foto: SquareOne Entertainment
Hannover

Das Telefon klingelt morgens um fünf. Es ist ein Anruf aus Schweden, auf den alle großen Literaten außer Bob Dylan ein Leben lang warten. Joseph Castleman (Jonathan Pryce) bittet den Anrufer zu warten, bis seine Frau Joan (Glenn Close) am anderen Apparat ist, um mithören zu können. Wie sich das gehört, kämpft Joseph mit den Tränen, als er erfährt, dass er den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat. Ungelenk poltern die Dankesbekundungen aus ihm heraus.

Das Gesicht von Glenn Close ist das Zentrum des Films

Joans Reaktion fällt beherrschter aus. Nur kurz flackert in ihren Augen die Aufregung und Befriedigung über diese höchste aller Anerkennungen auf. Dann erlischt das Glück in ihrem Blick und weicht einer abgrundtiefen Leere, deren Ursachen in den nächsten 100 Kinominuten erforscht werden.

Björn Runges „Die Frau des Nobelpreisträgers“ (nach dem Roman von Meg Wolitzer) folgt dem Ehepaar nach Stockholm zur Preisverleihung. Während der Empfänge, bei endlosen Gratulationen und zeremoniellen Übungen wird stets Joan ins Bildzentrum gerückt, die als stille Beobachterin dem Trubel um ihren ruhmreichen Ehemann beiwohnt.

Das Gesicht von Glenn Close, das durch eine Kurzhaarfrisur von allen Ablenkungen befreit wurde, ist das eigentliche Zentrum dieses Filmes. In ihm wird das Geschehen nicht nur gespiegelt, sondern auch die ganze tragische Komplexität eines langjährigen, ehelichen Abhängigkeitsverhältnisses sichtbar.

Glenn Close als Joan: „Ich bin eine Königsmacherin“

Aus Rückblenden erfährt das Publikum, dass Joan in jungen Jahren selbst eine vielversprechende Autorin war, ihre eigene Karriere dann jedoch nicht weiter verfolgt hat. Bei einer Lesung nahm damals eine von ihr bewunderte Schriftstellerin eines der eigenen Bücher aus dem Bibliotheksregal und gab es der jungen Frau in die Hand: „Schlagen Sie es auf!“ Das leise Knacken des Buchrückens wird hörbar. „Das ist das Geräusch eines Buches, das nicht gelesen wird“ – das Schicksal von vielen Werke von Frauen, die damals in den Regalen verstaubten.

Statt sich dem eigenen schriftstellerischen Fortkommen zu widmen, unterstützte Joan fortan die literarische Karriere ihres Mannes. „Ich bin eine Königsmacherin“, sagt sie beim Bankett mit dem schwedischen Monarchen, als der sie nach ihrem Beruf fragt.

Dass hinter jedem großen Mann eine starke Frau steht, ist ein Klischee, das auch in Oscar-Dankesreden bedient wird. „Die Frau des Nobelpreisträgers“ dringt tiefer ein in die Frage, was das für eine Ehebeziehung bedeutet und zeigt, dass Joans Engagement weit über die familiäre und emotionale Rückendeckung des vermeintlich genialen Gatten hinausgeht.

Der Film erzählt von literarischer Ausbeutung

Der Höhepunkt von Josephs Karriere ist hier auch die Stunde der Wahrheit für das Ehepaar. Schicht um Schicht dringt der Film in die festgefahrenen Machtstrukturen der Beziehung ein, die ihr eigenes, dunkles Geheimnis über Jahrzehnte bewahrt hat.

„Die Frau des Nobelpreisträgers“ steht in einer Reihe mit Filmen wie „Colette“, der zeitgleich in den deutschen Kinos anläuft. Sie beschäftigen sich mit dem Dasein jener Frauen, die gern in der Geschichtsschreibung als Musen geführt werden, obwohl ihr Beitrag am Schaffen der Lebensgefährten weit über bloße In-spiration hinausgeht. Auch Runge und Drehbuchautorin Jane Anderson erzählen von literarischen Ausbeutungsprozessen, wobei es ihnen gelingt, die Vertrautheit einer Jahrzehnte währenden Ehe glaubwürdig darzustellen.

Glenn Close: Brillanz durch Minimalismus

Die Filmemacher spielen auf der ganzen Klaviatur emotionaler Widersprüchlichkeiten, ohne das Wesen der Beziehung zu beschönigen. Vor allem aber ist „Die Frau des Nobelpreisträgers“ das schauspielerische Opus magnum von Glenn Close. Meisterhaft bringt sie hinter der Fassade totaler Selbstkontrolle die miteinander ringenden Gefühle ihrer Figur zum Ausdruck. Ihre Brillanz liegt in einem präzisen Minimalismus.

Mit einer winzigen Veränderung der Blicktiefe vermag Close ganz neue Gefühlswelten aufzureißen. Sechsmal wurde die US-Amerikanerin bereits für den Oscar nominiert. Nun es an der Zeit, dass sie endlich ihren Academy Award bekommt.

Von Martin Schwickert / RND

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