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Kultur „303“: Küsst Euch doch endlich!
Nachrichten Kultur „303“: Küsst Euch doch endlich!
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00:17 20.07.2018
Durch Europa bis zur Liebe – das ist gar nicht so einfach: Jule (Mala Emde) und Jan (Anton Spieker) im Mercedes-Wohnmobil 303. Quelle: Foto: Alamode
Hannover

Schon mal vom Cro-Magnon-Menschen gehört? Es wird höchste Zeit, mit dieser Frühform des Homo sapiens Bekanntschaft zu machen. Heute geht es schließlich um alles auf diesem Planeten, darum, ob wir Menschen uns doch noch zusammenraufen, um zu überleben, so wie der in Gruppen jagende Cro-Magnon-Mensch, oder ob wir wie die Neandertaler weiter mit Keulen aufeinander eindreschen und jeder sich selbst der Nächste ist. Ach ja, und es geht auch darum, ob sich die Liebenden Jule und Jan kriegen in Hans Weingartners hinreißendem Roadmovie „303“.

Zwei Menschen, die reden, reden, reden – ungemein unterhaltsam

Zugegeben, das ist ein ziemlich weiter Bogen, den diese Romanze spannt. Aber Jule (Mala Emde, bekannt aus der Fernsehserie „Charité) und Jan (Anton Spieker) haben ja auch alle Zeit der Welt, genauer: beinahe zweieinhalb Kinostunden. Jule ist eine durch die Prüfung gerasselte Biologiestudentin auf dem Weg nach Portugal, um ihrem nichts-ahnenden Freund zu sagen, dass sie schwanger ist. Und Jan ist ein Politologiestudent auf dem Weg zu seinem leiblichen Vater nach Spanien, der von Jans Existenz gar nichts weiß.

Jule hat den Tramper Jan an einer Tankstelle kurz hinter Berlin aufgesammelt. Und nun zockeln sie gemeinsam in einem uralten Mercedes-Wohnmobil – Typenbezeichnung: 303 – quer durch Europa und reden, reden, reden über den Menschen an sich und seine Entwicklung, die Liebe und ihr Scheitern. Je größer die Themen, desto mehr kabbeln sich die beiden.

Jule und Jan sind politisch im Privaten

Wer glaubt, dass so etwas langweilig sein muss, der hat Richard Linklaters „Before Sunrise“ nicht gesehen. Da quatschten sich eine junge Frau (Julie Delpy) und ein junger Mann (Ethan Hawke) ja auch durch eine Wiener Nacht, ohne dass sie sich berührten, und die Zuschauer waren hingerissen (weshalb es dann noch zwei Nachfolgefilme gab). Den beiden ging es allerdings vorrangig ums Beziehungsglück, Jule und Jan sind viel politischer auch im Privaten – und das haben sie ihrem wie stets engagierten Regisseur Hans Weingartner zu verdanken.

Weingartner hat sich schon immer für jugendliche Rebellen interessiert, die Misstrauen gegenüber einer saturierten Gesellschaft hegen – und sei es durch eine psychische Krankheit wie in seinem Debüt „Das weiße Rauschen“ (2001). In „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004) ließ er eine Clique Möchtegern-Revoluzzer reiche Villenbesitzer aufmischen – und dann einen davon entführen.

Mit der schrillen Mediensatire „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“ (2007) übertrieb Weingartner es ein wenig mit seinem Sendungsbewusstsein. Aber jetzt hat er zurückgefunden zu zwei Figuren, die durch ein Europa kurven, wie es ein Urlaubskatalog kaum schöner hätte bebildern können.

Jule ist diejenige, die an das Gute im Menschen glaubt und gegen das uns im Kapitalismus von kleinauf eingebläute Konsumdenken zu Felde zieht. Jan hält den Menschen für ein auf Konkurrenz gepoltes Wesen („Ötzi hatte eine Axt, keine Friedenspfeife“) – sogar beim biologistisch getriebenen Gen-Check des Sexualpartners. Jule sagt: „Keine Frau lässt sich von ihren Eierstöcken einen Typen aussuchen!“

Bald schließt der Zuschauer die Helden ins Herz

Dabei hat Jan noch nicht einmal Darwin kapiert: Dem ging es beim „Survival of the Fittest“ doch gar nicht um den Stärksten, sondern um den am besten an seine Lebensumstände Angepassten. Sonst wäre, bitte schön, der radschlagende Pfau doch längst ausgestorben (und der Mensch vermutlich auch).

Anfangs kann der Regisseur, der zusammen mit Silke Eggert auch das Drehbuch schrieb, das Konstruierte dieses Roadmovies nicht ganz verdecken. Aber bald schließt man die beiden Protagonisten ins Herz. Je länger die Reise dauert, desto mehr wünscht man den beiden Glück. Spätestens in Spanien möchte man ihnen zurufen: Küsst Euch endlich, habt Sex, seid glücklich miteinander! So einfach ist es aber nicht unter diesen Bedingungen.

Die beiden Nicht-Liebenden können sich gut riechen

Dabei schnuppert Jule heimlich schon längst an Jans altem T-Shirt und er umgekehrt an ihrem. Wie war das noch mal mit den chemischen Grundlagen für das Sich-gut-riechen-Können? Zum Glück hat die angehende Biologin trotz ihrer mangelhaften Prüfungskenntnisse gelernt: „Eine einzige zärtliche Berührung killt Tausende von Stresshormonen.“

Das ist doch mal ein Anknüpfungspunkt zwischen den Stippvisiten zu mittelalterlichen Burgen, pittoresken Städtchen und weiten Stränden. Und bei den Höhlenzeichnungen der Cro-Magnon-Menschen von Stieren und Hirschen im südfranzösischen Lascaux schauen die beiden selbstverständlich auch vorbei.

Von Stefan Stosch / RND

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