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Kultur „Der seidene Faden“: Geliebter Zwangscharakter
Nachrichten Kultur „Der seidene Faden“: Geliebter Zwangscharakter
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18:00 31.01.2018
Sieht so eine Annäherung aus? Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) und Alma (Vicky Krieps). Quelle: Foto: Universal
Hannover

Nach diesem Film dürfte niemand mehr achtlos an einer Schneiderei vorbeigehen, ohne die Kleider und Anzüge im Schaufenster wenigstens eines kurzen Blickes zu würdigen. Klar, die Ausstellungsstücke hat vermutlich kein Künstler mit Skizzenblock und vollendetem Geschmackssinn kreiert wie Reynolds Woodcock im durch und durch erlesenen Kinodrama „Der seidene Faden“, aber um ein klein wenig Anerkennung für handgeschneiderte Beinkleider und Blusen kommt man fortan nicht herum.

Eine Schöpfungsgeschichte mit Nadel und Zwirn

Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist in den fünfziger Jahren in London vorzugsweise zuständig für die Ausstattung von Adel, Filmstars und andere Gutsituierten. Woodcock ist die erste Adresse für glanzvolle Damenmode. Ist eine Kreation fertig, und die Kundin betritt zur feierlichen Anprobe sein Haus, liegt eine Spannung in der Luft, als würde eine adoptionswillige Frau endlich das lang ersehnte Kind in Empfang nehmen. Über Geld wird in keinem Moment geredet, muss man aber auch nicht. Alles in diesem Film ist edel und gediegen.

Reynolds ist ein Hohepriester der Mode, er verehrt diese wie eine Religion und ordnet ihr sein ganzes Leben unter - was aber auch Probleme mit sich bringt. Schon das Kratzen des Messers auf einem Buttertoast beim Frühstück kann seinen schöpferischen Impuls lahmlegen und ihm für den Rest des Tages die Laune gründlich verderben. Dann wird der so sanft wirkende Zeitgenosse plötzlich ausfallend, weshalb es Gefährtinnen an seiner Seite schwer und Beziehungen nur eine kurze Haltbarkeitsdauer haben.

Allein seine Schwester Cyril (Lesley Manville) ist seine Vertraute, die mit seinen Launen umzugehen weiß. Sie hält Woodcock den Rücken frei und komplimentiert die trotz alledem in sein Leben eingedrungenen Frauen wieder vor die Tür. Bis Alma (Vicky Krieps, bekannt aus „Der junge Karl Marx“) auftaucht und sich nicht an die Spielregeln des Zwangscharakters mit dem Skizzenblock hält.

Ein Rendezvous mit Beleidigung

Das erste Rendezvous der beiden zählt zu den originellsten Szenen, die die jüngere Kinogeschichte für das Näherkommen zwischen Mann und Frau bereithält: Reynolds nimmt Alma nach dem Abendessen mit in sein Atelier und probiert Kreationen an ihr aus. Wer jetzt aber glaubt, dass ganz unvermeidlich die Stunde der Verführung mit knisternden Stoffen und nackter Haut naht, liegt gründlich daneben.

Nähert sich des Meisters Hand dem durchaus erwartungsvollen Körper der jungen Frau, dann nur mit beruflicher Präzision. Als es wirklich spannend werden könnte, sagt er: „Du hast keine Brüste.“ Sie: „Das tut mir leid.“ Er: „Aber mein Job ist es, dir welche zu geben.“

Das klingt nicht unbedingt nach dem Beginn einer großen Romanze, und doch zieht Alma bei Reynolds ein. Er sieht in ihr seine neue Muse, sie beflügelt seine Fantasie. Umgekehrt glaubt die erstaunlich selbstbewusste junge Frau daran, ihn aus seinem Kunstgefängnis befreien zu können. Und weil beide nicht klein beigeben, stehen die Zeichen auf Konfrontation.

Abwehrkräfte gegen zu viel Vertrautheit

Dazwischen aber streut Regisseur Paul Thomas Anderson immer wieder Momente der Vertrautheit ein - und auch des Versuchs, sich für die Bedürfnisse des jeweils anderen zu öffnen. Viele zärtliche Blicke werden hier getauscht, ohne dass daraus eine gemeinsame Grundlage erwachsen würde. Die entsteht erst, als Alma eine wahrlich seltsame Methode ersinnt, um Woodcocks Abwehrkräfte gegen allzu viel Vertrautheit zu schwächen.

Sehr bald wird in diesem durchaus sonderbaren Liebesfilm nachvollziehbar, warum Anderson und Day-Lewis nach ihrem fulminanten Oscar-Öldrama „There will be Blood“ unter ganz anderen Vorzeichen noch einmal zusammengefunden haben. Kreiste dort alles um Gewalt, Skrupellosigkeit und Brutalität in der amerikanischen Prärie, dreht sich hier nun alles um Feinsinn und Kultiviertheit.

Genug von der kräftezehrenden Schauspielerei

Vielleicht hat Daniel Day-Lewis auch noch einmal deshalb mitgemacht, weil ihm das Getriebene der Hauptfigur bekannt vorkam: Die Sucht nach Perfektion zeichnet diesen Schauspieler aus und wird auch hier wieder in jedem feinen Zucken seiner Mundwinkel deutlich. „Der seidene Faden“ soll nach Day-Lewis’ eigenen Worten sein letzter Film sein, er hat genug von der kräftezehrenden Schauspielerei, wie er sie in seiner brillanten Karriere betrieben hat (“Mein linker Fuß“, „Im Namen des Vaters“, „Lincoln“). Wir werden diesen Ausnahmeschauspieler vermissen.

Von Stefan Stosch / RND

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