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Kultur Filmfest in Cannes zeigt, wie der Mensch tickt
Nachrichten Kultur Filmfest in Cannes zeigt, wie der Mensch tickt
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13:31 09.05.2018
Martin Scorsese und Cate Blanchett bei der Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes. Quelle: imago
Cannes

Das war mal ein echter Überraschungsgast in Cannes: Plötzlich stand Martin Scorsese auf der Bühne, um zusammen mit Jury-Präsidentin Cate Blanchett das 71. Festival offiziell zu eröffnen. Klar, der Regisseur ist eng verbunden mit Cannes. Hier hatte vor einem halben Jahrhundert „Mean Streets“ Premiere, mit „Taxi Driver“ (1976) gewann Scorsese die Goldene Palme. Zudem hat er eine Stiftung gegründet, um das zerbröselnde Filmerbe rund um den Globus zu retten. Dafür wird er in dieser cineastischen Weihestätte geliebt. Die mehr als 2000 Zuschauer der Galapremiere erhoben sich sogleich von ihren Sitzen.

Und doch ist Scorsese dem Kino jetzt untreu geworden und personifiziert damit trefflich die Umbruchsituation, in der die Filmbranche steckt: Exklusiv für Netflix dreht Scorsese den Mafiathriller „The Irishman“ – also just für jenen Streamingdienst, mit dem Cannes im Clinch liegt. Das Festival könnte an Bedeutung verlieren, wenn die spannendsten Filme gar nicht mehr für die große Leinwand produziert werden.

Eröffnungsfilm aus dem Iran

Am Dienstag aber wollte ausnahmsweise niemand streiten, und der Eröffnungsfilm des Iraners Asghar Farhadi ist allemal einen Kinobesuch wert - auch wenn „Todos lo saben“ (Jeder weiß es) nicht ganz so fein austariert ist wie von diesem Regisseur gewohnt.

Zwei Oscars hat der 1972 geborene Farhadi bereits gewonnen, beide Filme spielten in seiner Heimat Iran. Sowohl bei „Nader und Simin - Eine Trennung“ (2011) als auch bei „The Salesman“ (2016) suchte der westliche Zuschauer beinahe automatisch nach Zeichen der Regimekritik. Er wurde ebenso wenig fündig wie die Zensoren: Farhadi erzählte durchaus vom bedrängenden und auch schizophrenen Alltag im Mullah-Staat, vor allem aber von einer zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Mittelschicht und von der Schuld, die sich Menschen aufladen. So etwas passiert jederzeit und überall.

Farhadi hat in Spanien gedreht, in spanischer Sprache und in einem spanischen Dorf. Sein Drehbuch, geschrieben in Farsi, ließ er von einem befreundeten Autoren übersetzen. Seinem Kernthema aber ist er treu geblieben. Menschen unter enormen psychischen Druck beginnen, einander zu misstrauen und sich voneinander zu entfremden.

In Cannes wurden am Dienstag die 71. Filmfestspiele eröffnet.

Dafür braucht es keine Autokratie im Hintergrund. Es reicht, wenn Geheimnisse in einer Familie lauern, die gar keine sind: Todos lo saben, jeder weiß es. Zum Beispiel, dass die nach Argentinien ausgewanderte Laura (Penélope Cruz) und der Weinbauer Paco (Javier Bardem, Ehemann von Cruz) mal ein Paar waren und sie ihm beim Abschied das Herz gebrochen hat. Hoch oben im Glockenturm der Kirche sind noch die Initialen der beiden Liebenden in die Mauer geritzt. Auch die Dorfjugend weiß die Buchstaben zu entziffern.

Nun ist Laura mit den beiden Kindern zur Hochzeit ihrer Schwester zurück aufs Land in die Nähe von Madrid gekommen. Ausgelassen wird gefeiert. Nichts scheint die Familie in jener Nacht auseinanderdividieren zu können. Doch dann ist Lauras Tochter Irene plötzlich verschwunden. Der Teenager wurde offenbar entführt. Und alles sieht danach aus, als kämen die Kidnapper aus dem engsten Familienkreis.

Filmtragödie zur Eröffnung

Lauras Jugendliebe Paco wird mehr und mehr in die Tragödie hineingezogen - erst recht, als Lauras Ehemann Alejandro (Ricardo Darin) aus Argentinien eintrifft. Jeder beäugt jeden mit wachsendem Argwohn. Spielt Lauras damals überstürzter Landverkauf weit unter Wert an Paco eine Rolle bei der Entführung? Wer in der Familie braucht am dringendsten Geld? Welche Wunden als vergangenen Tagen sind noch immer nicht verheilt? Oder hat Irene ihre eigene Entführung womöglich nur vorgetäuscht?

Das Verbrechen selbst wird weniger überzeugend ausgebreitet als die subtil schwelenden Konflikte in Farhadis Iran-Filmen (in Frankreich hat er mit „Le passé – Das Vergangene“ auch schon mal gedreht). Mit krimineller Energie ist der Regisseur offenbar weniger gut vertraut. Ein leichtes Fremdeln bei diesem Ausflug nach Spanien ist kaum zu übersehen. Doch blickt der Kinozuschauer erschrocken in sich plötzlich auftuende Abgründe. Farhadi zeigt, wie der Mensch tickt, egal ob er Spanisch oder Farsi spricht und ob er bei Madrid oder in Teheran lebt. Um es mal sarkastisch zu sagen: Das Unglück verbindet Menschen über Ländergrenzen hinweg.

Stars machten keine Selfies

Ach ja, der leidige Selfie-Bann, über den in den vergangenen Tagen mehr geschrieben wurde als über jedes andere Thema: Zumindest am Eröffnungsabend hat das Verbot funktioniert. Allerdings hatte das Festival auch klare Worte in seinen Einladungen gefunden: „Keine Selfies und Fotos auf dem roten Teppich. Vielen Dank. Bei Verstößen wird der Eintritt in die Vorstellung verweigert.“

Von Stefan Stosch/RND

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