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19:57 20.05.2018
Regisseur Kore-Eda Hirokazu bei der Verleihung der Goldenen Palme. Quelle: AP
Cannes

Am Ende gab`s wieder keine Goldene Palme für eine Regisseurin. Doch dürfte kaum jemand der Jury gram sein. Cate Blanchett und ihr Team - fünf Frauen, vier Männer - hatten knapp zwei Wochen lang alles getan, um die Sache des weiblichen Geschlechts voranzubringen. Ein schwieriges Unterfangen: Drei Filme von Frauen verloren sich zwischen 18 Wettbewerbsbeiträgen von Männern.

So ist die Goldene Palme an Kore-Eda Hirokazu eine nachvollziehbare Wahl. In „Shoplifters“ erzählt der Japaner feinfühlig von drei Generationen unter einem Dach. Mit Gaunereien halten sie sich über Wasser - und nehmen mit verblüffender Selbstverständlichkeit ein misshandeltes Mädchen unter ihre Fittiche.

Wie sich bei dieser intelligenten Infragestellung gewohnter sozialer Strukturen herauskristallisiert: Es handelt sich nicht um eine Familie im biologischen Sinn, sondern um Wahlverwandtschaften.

Zwei Regisseure durften nicht anreisen

Leer gingen die Frauen jedoch keineswegs aus. Die Libanesin Nadine Labaki holte sich mit ihrer herzzerreißenden Geschichte „Capharnaüm“ über vernachlässigte Kinder in Beirut den Jury-Preis.

Die Italienerin Alice Rohrwacher gewann mit ihrem verwunschenen Drama „Lazzaro Felice“ über ausgebeutete Landarbeiter die Drehbuch-Palme - teilte sich diese aber mit dem verschmitzten Iraner Jafar Panahi, der in „3 Faces“ den Frauen die wirklich wichtigen Entscheidungen überließ.

Blanchett ließ es sich nicht nehmen, noch einmal daran zu erinnern, dass weder Panahi noch der Russe Kirill Serebrennikov nach Cannes hatten reisen dürfen. Die Freiheit von Künstlerin ist vielerorts gefährdet.

Spike Lee verballhornt den Ku-Klux-Klan

Beinahe logisch, dasss die Jury Filme prämierte, die etwas über unsere Gegenwart zu sagen haben. Das gilt auch für den Großen Jury-Preis: US-Regisseur Spike Lee zieht in der irrwitzigen Komödie „BlacKkKlansman“ erst über die Dummheit des Ku-Klux-Klan her - und dann attackiert er Donald Trump und dessen Nicht-Distanzierung von der extremen Rechten nach den Aufmärschen in Charlottesville.

Wie genau die Jury das Besondere zu würdigen wusste, lässt sich an der Spezial-Palme ablesen, die sie der Festivalleitung abtrotzte: Sie ging an den - wie immer abwesenden - Jean-Luc Godard, der als 87-Jähriger in seiner Collage „Le Livre d’Image“ die Grenzen des Kinos erweitert habe. Diese Auszeichnung lässt sich getrost als Palme fürs Lebenswerk verstehen.

Asia Argento mit einem wütenden Aufruf

Eines ist am Ende des schwierigen 71. Festivals trotz der klugen Jury-Entscheidungen klar: Der Umbruch hat erst begonnen. Das offenbarte die wütende Anklage von Asia Argento, die als Laudatorin die Bühne betrat: Cannes habe Harvey Weinstein lange als „Jagdrevier“ gedient und sich der Komplizenschaft schuldig gemacht, so die Italienerin. „1997 bin ich hier von Weinstein vergewaltigt worden.“ Argento hatte zu den ersten Schauspielerinnen gezählt, die im Vorjahr an die Öffentlichkeit gegangen waren.

Und dann ließ sie harte Worte auf die Galagäste herabprasseln: „Noch heute Abend sitzen welche unter uns, die zur Verantwortung gezogen werden müssen“, so Argento. „Wir lassen euch nicht davonkommen.“ Alle wirkten für einen Moment perplex - und machten dann weiter im Programm.

Von Stefan Stosch/RND/